Was die algerischen Christen vom Papstbesuch erwarten

"Unsere Kirche ist wie ein Bonsai"

Zum ersten Mal reist ein Papst nach Algerien. Christen sind dort in der Minderheit. Wie bereiten sie sich auf den Besuch von Leo XIV. vor und wie leben sie ihren Glauben in dem muslimischen Land? Ein Ordensmann vor Ort berichtet.

Autor/in:
Teresa Kammerlander
Papst Leo XIV. steigt aus dem Flugzeug / © Vatican Media/Romano Siciliani (KNA)
Papst Leo XIV. steigt aus dem Flugzeug / © Vatican Media/Romano Siciliani ( KNA )

Aufregende Tage stehen den Christen in Algerien bevor. Vom 13.-15. April besucht Papst Leo XIV. ihr Land - eine Premiere. "Wir haben nicht wirklich daran geglaubt", verrät Pater José Cantal. "Wir sind so wenige – wird er wirklich zu uns kommen?", hätten sich die Christen im Land im Vorfeld gefragt. Doch nun erwarteten sie ihren Papst mit "großer Freude". 

Pater José gehört der Ordensgemeinschaft der Afrikamissionare, auch Weiße Väter genannt, an. Der gebürtige Spanier lebt seit 25 Jahren in Algerien und setzt sich für den Dialog zwischen den Religionen ein. Für den Papstbesuch ist er Ansprechpartner für die Presse. 

P. José Cantal (privat)
P. José Cantal / ( privat )

In die Freude mischt sich bei ihm auch eine gewisse Aufregung. "Ich habe keine Erfahrungen mit so einer großen Veranstaltung", gibt er zu. Die letzten Details müssen geklärt werden: "Wie viele TV-Kameras stellen wir auf? Brauchen wir im Pressesaal einen oder zwei Kopierer? Was machen wir, wenn es regnet?" Pater José erwartet etwa einhundert Journalisten aus dem Ausland – zusätzlich zur Presse, die bereits vor Ort ist. 

"Bonsai-Kirche" 

Den Videocall mit DOMRADIO.DE muss er mehrmals unterbrechen. "Entschuldigung, der Präsidentenpalast ruft mich gerade an." Sichtlich gestresst nimmt er sich danach trotzdem weiter Zeit für die Fragen aus Deutschland. "Der Papst kommt für alle Bewohner Algeriens", betont der Ordensmann. "Er kommt nicht nur, um seine 'Truppen', also seine Mitglieder, zu besuchen."

Es ist schwer zu sagen, wie viele Christinnen und Christen in Algerien leben. Einige Tausend Katholiken schätzt Cantal, bei gut 46 Millionen Einwohnern insgesamt. Für ihn ist die Kirche vor Ort wie ein Bonsai: "Der menschliche Wille hat den Bonsai beschnitten und klein gemacht. Aber er hat die Veranlagung eines echten Baumes." 

Fast 99 Prozent der Bevölkerung Algeriens sind muslimisch. Viele von ihnen hätten noch nie in ihrem Leben einen Christen getroffen, berichtet Pater José. Oft gebe es Vorurteile. Viele Muslime glaubten, dass die Christen antimuslimisch seien. Das liege an Figuren wie Donald Trump oder Marine Le Pen. "Die rechtsextremen Parteien behaupten oft von sich, dass sie christlich seien." Dieses Bild würden viele Algerier dann auf alle Christen übertragen. 

Dennoch gebe es Muslime, die gerne mit den Christen vor Ort zusammenarbeiteten. Auch in der Kirchenverwaltung sind muslimische Algerier angestellt, wie beispielsweise Nacéra. Sie leitet die Immobilienverwaltung der kirchlichen Gebäude. Was sie von dem Papstbesuch hält? "C´est magnifique – das ist großartig", sagt die Muslimin überzeugt. 

Leo XIV. wird bei seiner Reise viele interkulturelle Begegnungen machen. Am ersten Tag seines Besuchs, dem 13. April, wird er die große Moschee von Algier besichtigen. Am zweiten Tag reist er weiter nach Annaba im Osten des Landes. Dort wird ihm unter anderem eine kulturelle Performance geboten, bei der auch ein muslimischer Chor mitwirkt. Die Sänger werden Auszüge aus Texten des heiligen Augustinus auf Lateinisch, Arabisch und in Berbersprache vortragen. "Sie sind sehr stolz darauf, diese Zeremonie mitgestalten und verschönern zu können", weiß Pater José. 

Auf den Spuren des heiligen Augustinus 

"Ich bin ein Sohn des heiligen Augustinus", hatte Leo XIV. bereits in seiner ersten Rede direkt nach seiner Papstwahl im Mai vergangenen Jahres verkündet. Als ehemaliger Leiter des Augustinerordens hat Leo XIV. eine enge Verbindung zu dem Kirchenlehrer. Da verwundert es nicht, dass er bereits auf dem Rückflug aus dem Libanon im Dezember den Wunsch einer Algerienreise geäußert hatte. "Ich persönlich würde gerne nach Algerien reisen, um die Orte zu besuchen, die mit dem Leben des heiligen Augustinus verbunden sind", sagte er vor Journalisten im Flugzeug. 

 © Alessandro Di Meo (dpa)
© Alessandro Di Meo ( dpa )

Dieser Wunsch wird ihm nun erfüllt. Auf dem Programm steht ein Besuch der archäologischen Stätte von Hippo, nahe dem heutigen Annaba. Dort wirkte der heilige  Augustinus im 4. Jahrhundert als Bischof. Durch seine zahlreichen Schriften entwickelte sich Augustinus zum geistigen Führer der abendländischen Kirche und wird bis heute als bedeutender Kirchenlehrer verehrt. Außerdem wird der Papst ein privates Treffen mit den Mitgliedern des Augustinerordens in Annaba führen und eine heilige Messe in der Augustinus-Basilika feiern. 

Das Zeugnis der 19 Märtyrer Algeriens 

Einen weiteren wichtigen Programmpunkt bildet der Besuch des Märtyrerdenkmals "Maqam Echahid". Hier wird der Papst der 19 Christinnen und Christen gedenken, die in den 90er Jahren ihr Leben verloren. Damals stürzten Islamisten und Regierungskräfte das Land in einen verheerenden Bürgerkrieg mit rund 200.000 Toten. Darunter waren auch 19 Ordensleute aus verschiedenen Ländern. 

Nach dem ersten Mord an Christian Chessel im Jahr 1994 mussten die verschiedenen Ordensgemeinschaften vor Ort die schwere Entscheidung treffen, ob sie bleiben oder das Land verlassen sollten. Besonders bekannt sind die sieben Trappistenmönche von Tibhirine, die sich bewusst zum Bleiben entschieden. 1996 wurden sie von Islamisten entführt und später ermordet. Ihr blutiges Schicksal wurde 2010 in dem bekannten Spielfilm "Von Menschen und Göttern" auf berührende Weise nacherzählt. 

Der Prior des Trappistenklosters, Christian de Chergé, hatte im Vorfeld bereits seinen Tod erahnt und seinem möglichen künftigen Mörder vergeben. In seinem geistlichen Testament schrieb er: "Ich hätte gerne, wenn es so weit ist, eine kurze Frist der Hellsichtigkeit, die mir erlauben würde, das Verzeihen Gottes und das meiner Brüder in der Mitmenschlichkeit zu erbitten, und desgleichen auch, um von ganzem Herzen jenem zu verzeihen, der mich heimsuchen wird." Im Jahr 2018 wurden die 19 Märtyrerinnen und Märtyrer Algeriens seliggesprochen. 

"Diese 19 Märtyrer sind keine isolierten Tode, sondern Zeugen einer Kirche, die sich dazu entschlossen hat, aus Liebe zu bleiben. In Geschwisterlichkeit haben sie das Los eines leidenden Volkes geteilt und sich mit ihm gemeinsam geweigert, Terror und Gewalt nachzugeben", heißt es in einem Pressestatement der katholischen Kirche von Algerien. 

Für die Christen vor Ort sind die ermordeten Ordensleute bis heute eine Inspiration. "Sie sind Märtyrer der Liebe für dieses Land", bekräftigt Pater José. 

Friede und Diversität 

Vergebung und Versöhnung könnten daher auch wichtige Stichworte der Papstreise nach Algerien werden. Der Besuch fällt in die Woche nach Ostern. Da passt das Motto "Friede sei mit euch" gut, als Erinnerung an das erste Wort des Auferstandenen an seine Jünger. Das Motto passt auch in eine Zeit, die von Krieg geprägt ist. Immer wieder hat der Papst in den vergangenen Tagen zum Frieden aufgerufen, insbesondere im Nahen Osten. Diesen Appell wird er in Algerien sicherlich erneuern. 

Pater José erhofft sich von dem Besuch, dass sich die Situation der Christen vor Ort verbessert. "Ich wünsche mir eine Öffnung für Diversität, dass Unterschiede normaler werden." Papst Leo solle die "Bonsai-Kirche", wie Pater José die algerische Kirche nennt, ermutigen. "Wir sind eine echte Kirche", sagt er mit Überzeugung.

Live: Papst Leo XIV. in Afrika

Am 13. April beginnt Leo XIV. seine bisher längste Auslandsreise als Papst und besucht vier Länder in zehn Tagen: Algerien, Kamerun, Angola und Äquatorialguinea. DOMRADIO.DE überträgt alle wichtigen Stationen live in Kooperation und mit deutschem Kommentar von Vatican News.

Montag, 13. April

Rom – Algier

Nach seinem Algerienbesuch wird der Papst weiterreisen nach Kamerun, Angola und Äquatorialguinea. Doch die Botschaft, die er in Algerien verkünden wird, wird die Bedeutendste sein, prognostiziert Pater José.

Quelle:
DR

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