Was das Bundeswehrgelöbnis mit dem Hitler-Attentat verbindet

Widerstand gestern und heute

Am 20. Juli 1944 scheiterte das Attentat auf Hitler. Auf den Geist dieses Widerstandes beruft sich die Bundeswehr. Weshalb Rekruten an diesem Freitag auch das Gelöbnis sprechen. Ein Brückenschlag von der Vergangenheit in die Gegenwart.

Gelöbnis von Bundeswehrsoldaten / © Martin Schutt (dpa)
Gelöbnis von Bundeswehrsoldaten / © Martin Schutt ( dpa )

DOMRADIO.DE: An diesem Freitagmorgen haben Sie gemeinsam mit einem evangelischen Kollegen einen ökumenischen Gottesdienst gefeiert, eine Eucharistiefeier unter dem Galgen von Plötzensee. Dort befindet sich die Gedenkstelle für die nach dem am 20. Juli 1944 gescheiterten Attentat auf Adolf Hilter getöteten Widerstandskämpfer. Jetzt hat Bundesverteidigungsministerin von der Leyen Sie gebeten, auch noch beim Gelöbnis der Rekruten zu sprechen. Was zeigt das?

Pater Klaus Mertes (Jesuitenpater): Das zeigt, dass der Widerstand gegen Hitler weit über militärische Kreise hinaus auch in zivile Kreise hinein gehört und dass es da auch noch einmal einen spezifisch christlichen Aspekt im Widerstand gibt. Namentlich Menschen wie Alfred Delb oder Helmuth James Graf von Moltke, die noch einmal in einer speziellen Weise an den christlichen Hintergrund ihres Widerstandes erinnern, indem sie eben auch sonntags immer um neun Uhr im Schuppen von Plötzensee den Gottesdienst feierten.

DOMRADIO.DE: Dieser Geist der Verschwörer vom 20. Juli war also auch christlich geprägt. Können Sie das noch mal auf den Punkt bringen, was das ausgemacht hat?

Mertes: Ich bin immer sehr vorsichtig, das zu stark zu vereinnahmen, weil es eben auch den anderen Widerstand gibt. Das Wichtige war ja, dass die Leute des Widerstandes im Widerstand auch Andersdenkende und da auch Gemeinsamkeiten gefunden haben. Aber beim explizit christlichen Widerstand war eben auch sehr wichtig, dies letztlich als einen Akt der Nachfolge Christi und Lebenshingabe zu verstehen.

DOMRADIO.DE: Was wollen Sie jetzt diesen jungen Frauen und Männern sagen, die heute geloben, das Recht und die Freiheit der Bundesrepublik zu verteidigen?

Mertes: Ich würde Ihnen gerne sagen, dass Lebenshingabe ein großes Wort ist und dass man die Bedeutung erst im Prozess verstehen kann. Ich wünsche niemals, dass sie in solche tiefen Gewissenskonflikte hineinkommen wie die Männer und Frauen des Widerstandes.

Aber man kann ja schon mit dem kleinen Widerstand beginnen, indem man zum Beispiel bei demütigenden Ritualen nicht mitmacht, indem man gegenüber dem Gruppendruck widerspricht oder indem man sich für Schwächere einsetzt. Das wäre schon der erste Akt des Widerstandes, weil die ja ganz oft schon mit einem Loyalitätsgefühl mit der Gruppe, zu der man gehört, verbunden sind. Das ist eine allgemein menschliche Erfahrung und speziell auch in Gruppen wie der Bundeswehr oft besonders belastend.

DOMRADIO.DE: Sie legen auch einen besonderen Akzent auf das Gewissen. Inwiefern?

Mertes: Die Männer und Frauen des Widerstandes beriefen sich auf ihr Gewissen. Oft werden sie wegen ihrer Überzeugungstreue gepriesen. Ich frage mich dann immer, aufgrund von welcher Überzeugungen preisen wir sie? Oft ist es ja so, dass man ein gewisses Urteil erst dann findet, wenn man sich auf Verunsicherungen von Überzeugungen, die man bisher hatte, einlässt. Also der Gewissensstimme zu folgen, bedeutet auch, sich auf Verunsicherung einzulassen.

Viele von den Männer und Frauen des Widerstandes waren nicht von Anfang an gegen Hitler, sondern sie haben überhaupt erst im Laufe der Jahre an den Verbrechen entdeckt, welchen Irrtümern sie auch in ihren Überzeugungen unterlagen. Das macht die besondere Dramatik ihrer Geschichten aus. Wenn man sich in die Geschichten der Männer und Frauen des Widerstandes hineinbegibt, wird man merken, wie die Gewissensstimme überhaupt erst gefunden und im eigenen Bewusstsein entfaltet werden musste. Das sind wirklich Prozesse, an denen man sehr, sehr viel darüber lernen kann, wie man auch heute zu einer Gewissensstimme findet.

DOMRADIO.DE: Das ist dann der Brückenschlag zwischen damals und der Zukunft dieser Rekruten heute. Populismus und nationales Denken haben im Moment in Europa und darüber hinaus Hochkonjunktur. Im Deutschen Bundestag sitzt mit der AfD eine rechtspopulistische Partei. Bekommen vor diesem Hintergrund Gedenktage wie der heutige 20. Juli einen noch größeren Stellenwert?

Mertes: Zu den großen Skandalen gehört, dass die neue Rechte den Widerstand für sich vereinnahmt: die Wirmer-Flagge zum Beispiel und andere Motive des Widerstandes. Das Ungeheuerliche ist der Loyalitätskonflikt, in dem die Leute des Widerstandes standen: nämlich zwischen der Loyalität zu ihrem Eid, mit dem sie auch die Treue nicht nur zum Führer, sondern auch dem deutschen Volk geschworen haben und der Stimme ihres Gewissens. Das völkische Denken führt eben wieder weg aus dem Universalismus des Ethischen, der Teil des Gewissensurteils ist. Nächstenliebe gilt gegenüber allen und nicht nur den Deutschen. Das waren schwere Gewissenskonflikte, unter denen diese Männer und Frauen standen.

Und diese heute wieder für Rechtspopulismus zu vereinnahmen, finde ich eine Ungeheuerlichkeit. Die muss auch heute in den Gedenkfeiern erwähnt werden.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

Klaus Mertes SJ / © Markus Nowak (KNA)
Klaus Mertes SJ / © Markus Nowak ( KNA )
Claus Graf Schenk von Stauffenberg / © N.N. (dpa)
Claus Graf Schenk von Stauffenberg / © N.N. ( dpa )
Quelle:
DR