Papst sieht bei Europas neuen Populisten Parallelen zu Hitler

"In der Krise versagt das Urteilsvermögen"

In einem neuen Interview, das in der "Welt am Sonntag" zu lesen ist, zieht Papst Franziskus Parallelen zwischen den  neuen populistischen Bewegungen in Europa und dem Aufstieg Adolf Hitlers vor 1933.

Angelus-Gebet am Dreikönigstag / © Cristian Gennari (KNA)
Angelus-Gebet am Dreikönigstag / © Cristian Gennari ( KNA )

Während der Donald Trump seinen Amtseid ablegte, hat Papst Franziskus in Rom der spanischen Zeitung "El Pais" ein Interview gegeben. Mit Blick auf den neuen US-Präsidenten Donald Trump riet er zu Besonnenheit und zum Abwarten und zog Vergleiche zu Deutschland: In der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre sei Deutschland ruiniert gewesen und habe Hitler gewählt, sagte Franziskus. "Hitler hat die Macht nicht an sich gerissen; er wurde von seinem Volk gewählt und hat sein Volk zerstört. In Zeiten der Krise versagt das Urteilsvermögen", so das katholische Kirchenoberhaupt.

In Krisenzeiten suchten die Menschen "einen Heilsbringer, der uns unsere Identität wiedergibt", sagte Franziskus. "Wir schützen uns mit Mauern und Stacheldraht vor den anderen Völkern, die uns unsere Identität nehmen könnten." Das sei "sehr schlimm".

Abwarten bei Trump

Das Jahr 1933 in Deutschland sei "typisch". Deutschland habe sich in einer Krise befunden und seine Identität gesucht. "Da kam dieser charismatische Anführer und versprach, ihnen eine Identität zu geben. Aber er gab ihnen eine verquere Identität, und wir wissen, was dann passiert ist."

Deswegen gelte für die USA und den neuen Präsidenten dort:  Niemand sollte "sich erschrecken oder sich freuen über etwas, was passieren könnte." Franziskus wolle selbst abwarten, was Trump mache und sich dann eine Meinung bilden.

Flüchtlinge integrieren

Zum Thema Flüchtlinge warnte Franziskus die Welt vor Abschottung, betonte aber zugleich das Recht der Staaten zum Schutz ihrer Grenzen: "Jedes Land hat das Recht, seine Grenzen zu kontrollieren, zu wissen, wer hereinkommt und wer hinausgeht." Die Länder, die in Gefahr seien - durch Terrorismus zum Beispiel - hätten das Recht, sie noch strenger zu kontrollieren. Aber: "Kein Land hat das Recht, seinen Bürgern das Recht auf den Dialog mit seinen Nachbarn zu nehmen."

Zugleich rief das Oberhaupt der katholischen Kirche die europäischen Staaten auf, mehr zu tun, um Flüchtlinge zu integrieren. "Wir nehmen diese Menschen auf, geben ihnen eine Unterkunft", sagte Franziskus. "Italien und Griechenland haben hier beispielhaft gehandelt." Aber nun müsse ein Prozess der Integration beginnen. Sonst riskiere Europa die Bildung weiterer potenziell islamistischer Ghettos wie etwa in Brüssel.

Warnung vor "Narkose der Weltlichkeit"

Über diese Themen hinaus sprach der Papst in dem Interview auch über viele innerkirchliche Fragen. So warnte er, dass die Kirche vor der Gefahr stehe, "abzustumpfen". Franziskus selbst sei besorgt um all die, die sich mit "Weltlichkeit betäuben". Diese Art von "Narkose" beinhalte keinen Kontakt zu Menschen. Der nächste Schritt sei nämlich die Kapitulation vor der Weltlichkeit. 

Auch der Klerikalismus könne zu einer Gefahr werden und die Menschen spalten: "Der Geistliche steht hier und die Gemeinde steht dort", so der Papst. 

Geführt wurde es von einem Journalisten der spanischen Tageszeitung "El Pais". Sie gehört wie die deutsche "Welt am Sonntag" - die zunächst lediglich eine redaktionelle Fassung zur Verfügung stellte - zur "Leading European Newspaper Alliance", in der sieben Zeitungen zusammenarbeiten. Gedruckt erscheint das Interview auf Deutsch in der "Welt" (Montag).

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