Als Anne Siegel sich in die Schlange stellt, weiß sie nicht, wie weit sie diesmal kommt. Im November wurde sie weggeschickt. Nun steht sie wieder am Empfang des DRK-Blutspendedienstes am Kölner Neumarkt, tippt ihre Daten ins Tablet ein und wartet. "Ich ärgere mich, denn ich will das eigentlich schon ewig machen", sagt die 45-Jährige. Aber als sie noch jung war, sei sie zu schlank gewesen. Dann habe sie Kinder bekommen und fast selbst Blut gebraucht. Auch deshalb ist sie heute hier, sagt sie.
Eine Ärztin bittet sie in ihr Zimmer, bespricht mit ihr das Vorgehen und nimmt dann einen kleinen Tropfen Blut. Letztes Mal war sie noch nicht fit genug, hatte zu wenig Eisen im Blut. Diesmal stimmen alle Werte. Anne ist fit genug und darf heute zum ersten Mal Blut spenden. "Ich bin jetzt fit und nutze diese Chance", sagt sie. Also habe sie einen Termin gemacht. Sie wolle der Gemeinschaft etwas zurückgeben. Jeder könne einmal Blut brauchen. Auch ihre Kinder.
Das erste Mal Blutspenden
Dass Menschen zur Blutspende kommen und wieder gehen müssen, sei keine Seltenheit, erklärt Stephan David Küpper, Ansprechpartner des DRK-Blutspendedienstes West. In rund elf Prozent der Fälle seien ein oder mehrere Werte nicht optimal. "Zum Schutz der Spender schicken wir sie dann wieder weg", sagt er. Es gehe nicht darum, dass man das Blut nicht wolle – sondern darum, niemanden unnötig zu gefährden.
Für Anne Siegel geht es weiter in den Blutspenderaum. Dunkelrote Liegen sind in einem Halbkreis nebeneinander angeordnet. Anne bekommt die links hinten. Eine Mitarbeiterin kommt auf sie zu, fragt noch einmal nach Name und Geburtsdatum und legt sich zurück. Rechte Hand, Faust machen. Der Oberarm wird abgebunden, die Liege ein Stück flacher gestellt. "Damit der Kreislauf auch gut stabil bleibt", sagt die Mitarbeiterin. Anne lächelt. "Meine Familie ist kreislauftechnisch oft gar nicht so stabil", sagt sie. Auch deshalb habe sie extra gut gegessen.
Als die Nadel gesetzt wird, blickt Anne zur Seite. Das Schlauchsystem füllt sich dunkelrot. Darunter liegt ein kleines Beutelchen aus Plastik, das sich langsam schwerer färbt. In ihre rechte Hand bekommt sie ein Wattepad zwischen Daumen, Zeige- und Mittelfinger gelegt. "Spielen Sie damit rum, als hätten Sie Kaugummi in der Hand", sagt die Mitarbeiterin. Anne nickt und beginnt, den Watteball zu kneten.
Beinahe-Burnout durch Ehrenamt
Auch wenn sie heute zum ersten Mal da ist, ist es für sie selbstverständlich, Blut zu spenden. Engagement für eine Gesellschaft sei ihr wichtig, sagt sie. In der Elternzeit war sie ehrenamtlich über Jahre in der Beratung und Hilfe für Geflüchtete. Später gründete sie in Nippes eine Elterninitiative für eine Kinderbetreuung. Sie war Vorstandsvorsitzende und verantwortlich für Personalfragen. Mehr als 20 Stunden kamen da pro Woche zusammen – ehrenamtlich.
"Irgendwann hatte ich fast Burnout durch das Ehrenamt bekommen", sagt sie heute. Vor zwei Jahren hörte sie auf damit. Politik für Kinder zu machen, gerade im Kita-Bereich, sei schwierig, sagt sie. Ihr fehle die politische Sichtbarkeit – auch deshalb habe sie sich mit der Initiative manchmal allein gefühlt. Neben der Betreuung der eigenen Kinder und ihres Jobs sei das nicht mehr möglich gewesen.
Jetzt merke sie aber langsam wieder, dass sie etwas brauche. "Es macht Spaß, für Kinder gesellschaftlich etwas weiterzugeben und voranzubringen", sagt Anne. Und was sie nicht hören könne, sei der Satz: Jemand müsste mal was machen. Sie mache es lieber selbst.
Pizza zur Belohnung
Als der Beutel voll ist, zieht die Mitarbeiterin die Nadel raus und klebt ein Pflaster auf den Arm. Anne bleibt noch einen Moment liegen und wird gefragt: "Möchten Sie Pizza haben? Salami oder Mozzarella?" "Gerne mit Mozzarella", antwortet Anne.
Ein paar Minuten später darf sie aufstehen und bekommt in der kleinen Kantine ihre frisch aufgebackene Pizza überreicht. Sie nimmt sich den Teller und setzt sich neben eine andere Spenderin. Als die Pizza leer und das Gespräch beendet ist, wischt sie sich die Finger ab, steht auf und geht. Aber sie will wiederkommen. "Vielleicht bekomme ich ja auch noch ein paar aus der Firma überredet", sagt sie zum Schluss.