Diese Woche war der libanesische Bischof Hanna Rahmé zu Besuch in Köln. Wer dem 65-jährigen Geistlichen mit Priesterkragen und Brustkreuz begegnet ist, kann sich kaum vorstellen, dass er in seiner Heimat häufig ganz anders angetroffen wird: mit Gummistiefeln, schmutziger Kleidung und einer Kappe auf dem Kopf. Denn Bischof Rahmé betreibt seine eigene Landwirtschaft.
Auf die Idee dazu kam der maronitisch-katholische Bischof von Baalbek-Deir El-Ahmar im Jahr 2019, als eine schwere Wirtschafts- und Finanzkrise den Libanon erschütterte. Ausgelöst durch jahrelange Misswirtschaft und Korruption führte sie zum Zusammenbruch des Bankensektors und zu einem massiven Wertverlust der Landeswährung. Die Explosion im Hafen von Beirut im August 2020 und die Corona-Pandemie haben die Lebensbedingungen für die Bevölkerung noch mehr verschlechtert.
Gemüse, Weinberge und Hühner
Damals startete Bischof Rahmé ein Projekt und verteilte Ziegen und Hühner an die Menschen seiner Region. Doch nicht nur das: Er ging mit gutem Beispiel voran, kaufte zwei Grundstücke rund um seinen Bischofssitz und fing an, Gemüse zu pflanzen, Wein anzubauen und Hühner zu halten. "Als die Leute gesehen haben, wie ich auf dem Acker arbeite, da haben sie gesagt: Wenn der Bischof das macht, dann können wir das auch."
Bei seinem Besuch im Domradio leuchten seine Augen, als er über sein landwirtschaftliches Projekt spricht. Der Bischof zeigt Fotos von seinem Gewächshaus und von sich auf dem Traktor. Rahmé will die Menschen in seiner Region damit ermutigen, sich selbst zu versorgen und der Wirtschaftskrise standzuhalten.
Doch dann wird sein Blick ernst, als er über die aktuelle Lage im Libanon spricht. "Die Lage ist katastrophal", berichtet er. Seine "Eparchie", also seine Diözese Baalbek-Deir El-Ahmar, befindet sich im Nordosten des Libanon. In der Region siedeln zahlreiche Christen und stellen in der Kleinstadt Deir El-Ahmar sogar die Mehrheit. Die nur 22 Kilometer entfernte Stadt Baalbek hingegen gilt als Hisbollah-Hochburg und wird von Israel bombardiert.
Hilfe für Geflüchtete
Im vergangenen Jahr habe das Bistum bereits 25.000 Geflüchtete aufgenommen, insbesondere aus dem benachbarten Syrien. Seit Beginn des Konflikts zwischen Israel und dem Iran seien 8.000 Weitere hinzugekommen – nun auch Binnenflüchtlinge aus dem Libanon. "Wir haben die Flüchtlinge bei uns aufgenommen, in unseren christlichen Familien, in den Kirchen und in den Schulen." Dank finanzieller Unterstützung durch Deutschland und Frankreich konnten Lebensmittel, Matratzen, Decken und Medikamente besorgt werden. "Wir haben auch unser christliches Krankenhaus kostenlos für alle geöffnet", betont der Bischof.
Rahmé zitiert in dem Zusammenhang das Matthäusevangelium, in dem es heißt: "Ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen." Deswegen spricht er öffentlich und in den Medien über die Werte Menschlichkeit, Geschwisterlichkeit und Solidarität, die in der libanesischen Gesellschaft seit der Gründung des modernen Staats Großlibanon im Jahr 1920 tief verankert sind. Damit stellt er sich auch gegen zerstörerische Kräfte im Inneren des Landes, die einen internen Krieg anzetteln wollen.
Droht ein erneuter Bürgerkrieg?
"Normalerweise leben die Christen und die Schiiten völlig ohne Probleme miteinander", erzählt der Bischof, der selbst aus der Region stammt und im Jahr 2015 dort als Bischof eingesetzt wurde. Doch die Gefahr eines Bürgerkriegs wird durch die tiefgreifende konfessionelle Spaltung, die schwache staatliche Kontrolle und die Folgen des Krieges zwischen Israel und der Hisbollah verschärft. Viele Libanesen fürchten daher eine Wiederholung des Bürgerkriegs, der von 1975 bis 1990 das Land erschütterte.
Für seine klaren Worte wird Bischof Rahmé allerdings auch angefeindet. Regelmäßig erhält er Morddrohungen. Deswegen fährt er in seiner Heimat zum Schutz ein Auto mit verdunkelten Scheiben. Aber er lässt sich nicht davon abhalten, die Botschaft vom Frieden zu verkünden. "Wir Christen sind Menschen des Friedens. Christus hat die Kirche auf dem Frieden und der Versöhnung gegründet", sagt Rahmé mit Überzeugung.
Auch Papst Leo XIV. hatte sich bei seiner Reise im Libanon im Dezember 2025 für ein friedliches Zusammenleben der Bevölkerung starkgemacht – noch vor Beginn der aktuellen Konflikte im Nahen Osten. Seine Botschaft vom Frieden hat der Papst in den vergangenen Wochen immer wieder bekräftigt. "Die Anwesenheit des Papstes im Libanon war ein Fest", erinnert sich Bischof Rahmé. Doch nun ist das Land unfreiwillig in den Krieg zwischen Israel und dem Iran hineingezogen worden.
Besonders betroffen ist der Süden des Libanons. "Wir erleben wirklich eine Katastrophe im Süden. Ganze Dörfer wurden dem Boden gleich gemacht", berichtet Rahmé. Rund 8.000 Menschen seien verletzt und 2.700 getötet worden. Darunter sind auch Christen wie der libanesische Pfarrer El-Rahi, der von israelischen Bomben getroffen wurde.
"Warum werden wir so animalisch angegriffen? Wir sind doch Menschen!", klagt der Libanese. "Wir sind doch für den Frieden, für Versöhnung!" Humanitäre Hilfe sei deswegen dringend nötig, so Bischof Rahmé. Es gehe in erster Linie darum, die Menschen zu unterstützen, die sich dazu entschieden hätten, in ihren Häusern und Dörfern zu bleiben, insbesondere mit Lebensmitteln und Medikamenten.
Unterstützung aus Deutschland
Deswegen knüpft Bischof Rahmé Partnerschaften mit der Kirche in Deutschland. Das Erzbistum Köln hat über die "Catholic Near East Welfare Association – Pontifical Mission" 100.000 Euro als Soforthilfe für den Libanon zur Verfügung gestellt. Dieses Geld geht laut Rahmé insbesondere in den Süden des Landes. "Dank Ihrer Unterstützung können wir den Menschen helfen, die vom Krieg eingekesselt sind. Sie haben es wirklich nötig", sagt der Bischof dankbar.
Auch das Kindermissionswerk "Die Sternsinger" hat eine Nothilfe in Höhe von 52.000 Euro bereitgestellt. Dieses Geld kommt internen Vertriebenen in der Bekaa-Ebene zugute – also der Region, in der Rahmé Bischof ist. "Die Kinder im Libanon leben in einem ständigen Gefühl von Angst und Unsicherheit. Sie leiden unter den traumatischen Erfahrungen des Krieges. Wenn Kampfflugzeuge die Schallmauer durchbrechen, schrecken die Kinder wegen des lauten Knalls zusammen", sagte Rahmé bei einem Besuch im Kindermissionswerk in dieser Woche.
Mit der Nothilfe wird der Sternsinger-Partner JRS (Jesuiten-Flüchtlingsdienst) in die Lage versetzt, 520 Nahrungsmittelpakete und ebenso viele Hygiene-Kits an Familien zu verteilen. Insgesamt rund 3.000 Kinder werden mit der Nothilfe erreicht, heißt es in der Pressemitteilung.
Wenn Bischof Rahmé den ganzen Tag das Leid seiner Landsleute und Kirchenmitglieder gehört hat, geht er am Ende des Tages, manchmal sogar nachts, in seinen Garten und arbeitet zwei oder drei Stunden im Gewächshaus. "Dort finde ich meinen inneren Frieden wieder. Die Arbeit im Garten und das Gebet helfen mir, weiterzumachen", verrät er.