Die Kreuze waren geduldet. Die Madonnen auch. Verhüllte Köpfe, sakrale Ikonografie, christliche und muslimische Bildwelten nebeneinander – all das war auf einer Fashion Week in Aserbaidschans Hauptstadt Baku öffentlich zu sehen. Doch ein Kimono verschwand ohne Rücksprache aus Paulina Tsvetanovas Show.
Auf ihm zu sehen, waren die Flaggen von Armenien, Georgien und Aserbaidschan. Für die Berliner Designerin ein textiles Erinnerungsstück an eine Reise durch den Kaukasus. Der Kimono mit Armenienflagge, für Tsvetanovas ein Symbol für Verbindung und interreligiösen Dialog. Für die aserbaidschanischen Veranstalter war er offenbar ein politisches Risiko.
"Das Teil wurde behandelt wie Sprengstoff", beklagt Tsvetanova später im Gespräch mit DOMRADIO.DE. Zunächst habe man sie gebeten, die Farben der armenischen Flagge im Inneren des Kimonos zu verdecken. Darauf habe sie sich eingelassen. "Und dann haben sie hinter meinem Rücken ihr Versprechen gebrochen und den Kimono aus meiner Show entfernt", sagt die Designerin.
Es habe Hinweise gegeben, berichtet sie weiter, dass das Werk nicht gezeigt werden dürfe. Andernfalls stünden Arbeitsplätze auf dem Spiel, im schlimmsten Fall würde die Polizei das Event stoppen.
"Sacral Punk"
Dabei hatte sie die Kollektion "Sacral Punk" bereits in Brandenburg an der Havel gezeigt – in einer Kathedrale. Ihre Idee war es, einen Dialog zwischen Religionen, Identitäten und ästhetischen Brüchen zu bauen. Kreuze auf Kimonos. Madonnen aus unterschiedlichen christlichen Traditionen. Männer in Kleidern, Frauen ohne Modelmaße. Alles ohne Normen.
"Ich bin gläubig, aber vor allem bin ich Humanistin", sagt Tsvetanova. Sie ist als griechisch-orthodoxe Christin im muslimischen Teil Südbulgariens aufgewachsen. Ihren Glauben, im Zeichen einer Madonna, hat sie sich auf den Arm tätowieren lassen. "Ich trage die Symbole unter meiner Haut." Dass ausgerechnet ein Friedenssymbol zur roten Linie wurde, kann sie kaum nachvollziehen.
Die Debatte bleibt
"Warum werden Kreuze akzeptiert, aber ein Zeichen der Verbindung nicht? Das passt für mich nicht zusammen", sagt sie. In Deutschland, so ihre Einschätzung, wäre ein solches Vorgehen nicht denkbar. Ihr Kimono sollte Brücken schlagen. "Diese Werte sind unteilbar", sagt sie – Offenheit, Toleranz, Vielfalt.
Aber die politische Situation in der Kaukasusregion ist trotz Friedensschluss zwischen Aserbaidschan und Armenien hochsensibel. Tsvetanova gibt offen zu, dass ihr das Ausmaß der Konflikte nicht bewusst gewesen sei. Sie bezeichnet sich selbst als "apolitische Künstlerin". Doch Kunst, die nicht politisch sein will, wird es in bestimmten Kontexten dennoch.
Der Kimono ist aus der Show verschwunden, geblieben ist eine Debatte. Über Symbole, über Macht – und über die Frage, wie frei Kunst ist, wenn sie Religion, Nationalität oder Herkünfte thematisiert.