Warum das WG-Leben Priesterkandidaten bei ihrer Berufung hilft

"Ein solches Zusammenleben ist wie ein Brennglas"

Wer Priester werden möchte, sollte mitten im Leben stehen und wissen, was ihn später einmal erwartet. Eine WG sei die Probe aufs Exempel, finden zwei Seminaristen, die diese Zeit als tolle Erfahrung und Realitätscheck verbuchen.

Autor/in:
Beatrice Tomasetti
Regens Regamy Thillainathan zu Besuch in der Bonner WG an der Stiftskirche. / © Beatrice Tomasetti (DR)
Regens Regamy Thillainathan zu Besuch in der Bonner WG an der Stiftskirche. / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Kai Schäfer gibt es unumwunden zu: Singen war zu Anfang nicht seins. "Als ich das erste Mal den Seminaristen beim liturgischen Gesang zugehört habe, dachte ich: Hier bin ich falsch. Das schaffst Du nie." Regelrecht gehadert habe er mit dieser Herausforderung. Inzwischen macht Singen dem 29-Jährigen richtig Freude. Und hören lassen kann er sich auch. Schließlich liegt sein Erstkontakt mit dem Kölner Priesterseminar fünf Jahre zurück. Fünf Jahre, in denen viel passiert ist. Fünf Jahre, in denen er viel dazugelernt hat. 

Mittlerweile studiert Schäfer, der zunächst Grundschullehrer werden wollte, an der Bonner Uni Theologie, ist hier im achten Semester und absolviert aktuell ein mehrwöchiges Praktikum in der Pastoral einer Kölner Gemeinde. Denn die Entscheidung steht: Kai Schäfer will Priester werden. In den letzten Jahren ist in ihm dieser Entschluss gereift, und so durchläuft er die neue Kölner Ordnung für die Priesterausbildung. 

Als Dommessdiener hat Jan Lierz seine Berufung entdeckt. / © Beatrice Tomasetti (DR)
Als Dommessdiener hat Jan Lierz seine Berufung entdeckt. / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Diese unterteilt sich in drei Phasen: Das einjährige Propädeutikum – auch Orientierungsjahr genannt – dient der Eingewöhnung in das geistliche Leben. Danach folgen ein rund fünfjähriges Theologiestudium sowie zwei Jahre Ausbildung in der Gemeinde, in denen die Berufung in der täglichen Praxis gestärkt werden soll. Dabei dient das Hausprogramm im Seminar, ergänzend zum Studium, der praktischen Ausbildung – eben zum Beispiel mit liturgischem Gesang, Gesprächsführung oder Rhetorik und Praktika in Gemeinden sowie karitativen Einrichtungen.

Kai Schäfer

"Unser Zusammenleben hier, die Gemeinschaft, zu der andere willkommen waren, hatte nach außen fast Magnetwirkung."

Eine ganz prägende Erfahrung aber war für Schäfer seine WG-Zeit, die seit einiger Zeit fester Bestandteil der Priesterausbildung in Köln ist. Ein Jahr lang hat der Seminarist zusammen mit zwei anderen Studenten in dem alten, aber sorgfältig renovierten Pfarrhaus der Bonner Stiftskirche gewohnt – und dabei von vielem profitiert, was ein Studentenleben in einer Universitätsstadt wie Bonn zu bieten hat. "Es war eines der schönsten Jahre meiner Ausbildung", schwärmt der gebürtige Zülpicher rückblickend. "Wir saßen als Kommilitonen nicht nur in derselben Vorlesung, sondern haben als WG-Partner den Alltag miteinander geteilt, uns spirituell ausgetauscht, gemeinsam gekocht und gegessen, konnten loswerden, was uns bewegt, und gleichzeitig kamen immer auch Gäste dazu. Unser Zusammenleben hier, die Gemeinschaft, zu der andere willkommen waren, hatte nach außen fast Magnetwirkung. Wir waren eine Adresse." 

Kai Schäfer schaut dankbar auf seine WG-Zeit zurück. / © Beatrice Tomasetti (DR)
Kai Schäfer schaut dankbar auf seine WG-Zeit zurück. / © Beatrice Tomasetti ( DR )

In dieser Zeit sei in ihm die Erkenntnis gewachsen, dass die Priesterausbildung vor allem der Entwicklung der eigenen Identität und Persönlichkeit diene, weil man gerade in der Begegnung mit dem Du reife. "Das war eine tolle Erfahrung, fordert aber auch. Schließlich sucht man sich seine Mitbewohner nicht aus." Heute schaue er mit großer Dankbarkeit auf diese Zeit.

Auch sein Priesterbild habe sich verändert, erzählt Schäfer. "Als Kind und Jugendlicher erlebt man den eigenen Pastor ja fast ausschließlich im Kontext Liturgie. Dass noch sehr viel mehr hinter diesem Dienst steckt, es um Hirtensorge geht, die in einer Gemeinde auch schwierig sein kann, es auf Zugewandtheit und echtes Interesse an den Menschen ankommt, habe ich dann erst allmählich verstanden." Aus eigener Erfahrung wisse er, dass Priesterkandidaten oft mit einem vorgefertigten Bild kämen, das sich aber nicht unbedingt mit der Realität decke. "Unter Umständen haben sie es vorher auch nicht für notwendig erachtet, sich mit Menschen sehr konkret auseinanderzusetzen, was aber ja den Kern von Seelsorge ausmacht. Für eine solche Haltung sind wir einander nun Korrektiv." Für die Berufung zum Priester reiche es nun mal nicht aus, nur liturgieaffin zu sein. Das wisse er jetzt. 

Kai Schäfer

"Ich habe gelernt, mich von der Fokussierung auf die Liturgie zu lösen, um mehr und mehr zu fragen, was brauchen denn die Menschen, für die ich doch eigentlich da sein will?"

"Das Seminar ist ein Mikrokosmos, in den man allmählich hineinwächst. Dabei hat mir sehr geholfen, dass ich mich an die einzelnen Aufgaben, zum Beispiel die Liturgie mitzugestalten, erst einmal herantasten durfte und ich nicht sofort mit großen Erwartungen konfrontiert wurde." Diese betont sanfte Art und Weise der Heranführung habe ihm gutgetan, um mit der Einrichtung, aber auch der neuen Lebensweise vertraut zu werden. Und dieser dann folgende externe Ausbildungsblock – auch mal Zeit außerhalb des durchstrukturierten Seminars ohne das Rundum-Sorglos-Paket, was Versorgung und Tagesrhythmus angehe, zu verbringen – sei für ihn eine große Hilfe und zudem eine Gelegenheit gewesen, Selbstwirksamkeit zu erleben. "Ich habe gelernt, mich von der Fokussierung auf die Liturgie zu lösen, um mehr und mehr zu fragen: Was brauchen denn die Menschen, für die ich doch eigentlich da sein will? Was willst Du, das ich Dir tue? "Gleichzeitig habe ich mich selbst reflektiert: Wer bin ich als Priester? Was gibt mir Kraft? Aus welchen spirituellen Quellen schöpfe ich?"

Selbst kochen, waschen und putzen gehören zu einem WG-Alltag selbstverständlich dazu. Foto: Beatrice Tomasetti / © Beatrice Tomasetti (DR)
Selbst kochen, waschen und putzen gehören zu einem WG-Alltag selbstverständlich dazu. Foto: Beatrice Tomasetti / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Jan Lierz, im vierten Fachsemester Theologie und seit einem halben Jahr WG-Bewohner in der Bonner Innenstadt, teilt diese Einschätzung seines Kollegen. Diese WG-Zeit, sagt er, ermögliche eine fortwährende Reflexion der Berufungsfrage: Will ich das? Kann ich das? "Im Seminar ist das Rahmenprogramm mit täglicher Messe und Stundengebet vorgegeben, in der WG muss ich mein geistliches Leben selbst organisieren und merke, ob mir das im Alltag gelingt", berichtet der 23-Jährige, der seit acht Jahren Kölner Dommessdiener ist und regelmäßig im Dom seinen Sonntagvormittag verbringt. Hier sei für ihn auch früh die Frage nach der eigenen Berufung zum Priester aufgetaucht, schildert er. "Seitdem hat sich diese Fragestellung gehalten und ist mit dem Eintritt ins Seminar nach dem Abitur immer konkreter geworden."

Jan Lierz

"Die Stärke einer WG liegt darin, dass man klarer sieht, ob man diese priesterliche Lebensform wirklich hinbekommt."

Das Leben in der WG erlebe er nach dem Propädeutikum und dem ersten Seminarjahr als eine Art Zäsur. Ohne Sicherungsnetz durch die Seminarkommunität den Alltag selbst strukturieren zu müssen – geistlich, aber auch ganz praktisch – werfe ihn immer wieder auf sich selbst zurück, erklärt Lierz, und fordere ihn permanent dazu heraus, sich selbst zu hinterfragen.

Theologiestudent Jan Lierz sieht viele Vorteile im WG-Leben.
 / © Beatrice Tomasetti (DR)
Theologiestudent Jan Lierz sieht viele Vorteile im WG-Leben. / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Wie gestalte ich die Kultur unseres Miteinanders in der Wohngemeinschaft? Wie gehe ich mit meiner Freiheit um, wie mit der Verantwortung und dem Vertrauen, das andere in mich setzen? Oder zeigt Gott mir vielleicht doch noch einen anderen Weg? Etwa in eine geistliche Gemeinschaft oder in einen Orden? Ruft er mich vielleicht zu Ehe und Familie? Und wie ist meine Selbstwahrnehmung? Der Student betont: "Die Stärke einer WG liegt darin, dass man klarer sieht, ob man diese priesterliche Lebensform wirklich hinbekommt. Denn ein solches Zusammenleben ist wie ein Brennglas."

Jan Lierz

"Meine Leidenschaft für den Glauben – und dafür ist die WG in jedem Fall ein guter Test – muss sich im Alltag bewähren."

"Ich lerne gerade, in die priesterliche Lebenskultur hineinzuwachsen, und entdecke unter Umständen, dass die 'Vita communis' perspektivisch ein gutes Modell sein kann, um Kraft aus dieser auf Gemeinschaft hin angelegten Lebensform zu ziehen und nicht der Gefahr zu erliegen, als Einzelkämpfer durchs Leben gehen zu müssen." Hinzu komme, dass in der WG der Austausch über die eigene Berufung immer präsent sei. "In der Freiheit der WG liegt die Möglichkeit, sich selbst mit der eigenen Person zu beschäftigen und Anfragen zuzulassen." Da stehe ganz automatisch die Frage im Raum: Bleibt es dabei? Ist das der Ruf Gottes? Und kannst Du ihn dauerhaft erfüllen? "Meine Leidenschaft für den Glauben – und dafür ist die WG in jedem Fall ein guter Test – muss sich im Alltag bewähren, um zukünftig im priesterlichen Dienst tragfähig zu sein."

Quelle:
DR

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