Priestertum als Ehrenamt neben einem weltlichen Beruf – dieses Modell schlägt Hartmut Niehues vor, Leitender Pfarrer im westfälischen Ibbenbüren.
Auch jeder andere Christ und jede Christin müsse schließlich für seinen Lebensunterhalt sorgen, obwohl er oder sie sich in der Kirche engagiere, sagte der ehemalige Leiter des Münsteraner Priesterseminars im Interview mit dem katholischen Internetportal "Kirche und Leben" am Donnerstag.
Er ergänzte: "Warum sollte das nicht auch für die Priester gelten? Und wird unser Zeugnis dadurch nicht viel glaubwürdiger?" Wenn die Kirche davon lebe, dass jeder seine Berufung lebt: "Passen Berufung zum pastoralen Dienst und Geldverdienen zusammen?", fragte Niehues.
Er lud dazu ein, dieses Modell auszuprobieren: "Ein Priester könnte einer Erwerbstätigkeit außerhalb der Kirche nachgehen, um – mit einem möglichst geringen Zeitaufwand – wie jeder andere seine Brötchen zu verdienen, und dann mit dem Rest seiner Zeit für den Dienst als Priester in seiner Pfarrei zur Verfügung stehen." Schließlich habe es schon immer auch Priester gegeben, die auch als Lehrer oder Therapeuten gearbeitet hätten.
Niehues argumentierte, jeder Christ versuche, seine Berufung zu leben, indem er sich frage, wo Gott ihn brauche. Das könne sich im Lauf des Lebens verändern: "Als Kind mache ich etwa bei der Erstkommunion mit, werde Messdiener, übernehme vielleicht einmal eine Gruppenleitung.
Junge Eltern übernehmen Verantwortung, damit ihre Kinder in den Glauben hineinwachsen können." Später könnten es Aufgaben im Gottesdienst, in der Caritas oder in der Katechese sein – je nach eigenen Fähigkeiten.
Gläubigenmangel statt Priestermangel
Die Veränderungen in der Kirche vor Ort macht Niehues weniger am Priestermangel als an einem Mangel an Gottesdienstbesuchern fest: In Ibbenbüren würden derzeit in zehn Kirchen 14 Sonntagsmessen gefeiert.
Doch: "An einem ganz normalen Sonntag ohne besondere Anlässe könnten wir bald vermutlich fast alle Mitfeiernden in einer einzigen Messe in unserer Pfarrkirche unterbringen." Das wolle niemand, aber es illustriere den Handlungsbedarf. Angepasste Immobilienkonzepte und Gottesdienstordnungen seien erforderlich.
Auch sonst brauche die Kirche "sehr grundlegende Erneuerung" sonst verlaufe sie "einfach so im Sande", sagte Niehues. Es könne gut sein, dass die Kirche in absehbarer Zeit vielerorts nicht mehr präsent sei.
Erforderlich sei deshalb ein Bewusstseinswandel: Die Kirche sei kein "Seelsorgekonzern", sondern man sei mit allen Getauften und über alle Berufsgruppen hinweg gemeinsam als Volk Gottes unterwegs. Es brauche weniger Institution und mehr Bewegung.
Gegen abnehmendes Glaubenswissen in den Gemeinden empfahl Niehues, sich gegenseitig stärker dazu zu motivieren, sich mit dem Glauben vertraut zu machen: "So könnten wir als Getaufte miteinander im Glauben wachsen."