Warum alle auf die ersten Kardinalsernennungen warten

Stellt Leo XIV. jetzt schon die Weichen?

Knapp ein Jahr nach seiner Wahl wartet die Weltkirche auf die ersten Kardinalsernennungen durch Papst Leo XIV. Kommen sie schon im Juni oder setzt der Papst zunächst auf inhaltliche Klärung? Eine Abwägung von Pro und Contra.

Autor/in:
Jan Hendrik Stens
Papst Leo XIV. leitet das außerordentliche Konsistorium am 7. Januar 2026 im Vatikan / © Vatican Media/Romano Siciliani (KNA)
Papst Leo XIV. leitet das außerordentliche Konsistorium am 7. Januar 2026 im Vatikan / © Vatican Media/Romano Siciliani ( KNA )

Fast ein Jahr ist Papst Leo XIV. nun im Amt – und in Rom wächst spürbar die Erwartung. Denn so sehr programmatische Reden, Reisen und Personalentscheidungen in der Kurie Hinweise geben: Wirklich sichtbar wird die Linie eines neuen Pontifikats oft erst mit der ersten Kardinalskreierung. Sie gilt als eine Art "Fingerzeig" für die Zukunft der Weltkirche.

Wen wird der Papst fördern? Welche Regionen, welche theologischen Profile, welche kirchenpolitischen Akzente sollen künftig stärker Gewicht haben? All das entscheidet sich nicht zuletzt im Kardinalskollegium – und damit auch in der Frage, wer eines Tages selbst einen Papst wählen wird.

Ein Konsistorium – aber welches?

Konkret geht es derzeit um ein Treffen Ende Juni 2026 in Rom. Ein Schreiben des Dekans des Kardinalskollegiums, das am Montag auf X öffentlich wurde, lädt die Kardinäle zu einem außerordentlichen Konsistorium ein. Inhaltlich ist darin von Beratungen, gemeinsamen Sitzungen und liturgischen Feiern die Rede – nicht jedoch von der Ernennung neuer Kardinäle. Neu hinzu kommt ein Brief des Papstes selbst, der das Treffen ausdrücklich als inhaltliche Arbeitsphase rahmt: Im Zentrum sollen Fragen der Evangelisierung und die Relecture von "Evangelii gaudium" stehen.

Das ist zunächst wenig überraschend: Außerordentliche Konsistorien dienen traditionell dem Austausch und der Beratung. Die Entscheidung über neue Kardinäle liegt ohnehin allein beim Papst, nicht beim Dekan oder beim Kollegium. Und doch sorgt das Dokument für Diskussionen. Denn seine Formulierungen sind auffallend offen. Es wird nicht ausgeschlossen, dass neben den Beratungen noch weitere Programmpunkte hinzukommen könnten. Gerade diese Leerstelle befeuert Spekulationen.

Der Blick in die jüngere Geschichte

Ganz aus der Luft gegriffen sind sie nicht. Unter Papst Franziskus gab es im August 2022 einen bemerkenswerten Präzedenzfall: Damals verband der Papst ein außerordentliches Konsistorium zur Kurienreform "Praedicate Evangelium" mit der feierlichen Kreierung neuer Kardinäle. Beratung und Personalentscheidung fielen also zusammen.

Das zeigt: Die Unterscheidung zwischen "außerordentlich" und "ordentlich" ist in der Praxis weniger strikt, als es die Begriffe vermuten lassen. Wenn ein Papst es will, kann er beide Formen miteinander verknüpfen.

Spricht etwas für eine schnelle Entscheidung?

Es gibt durchaus Argumente, die dafür sprechen, dass Leo XIV. bereits jetzt Kardinäle ernennen könnte. Zunächst die Zeitachse: Mit knapp elf Monaten im Amt bewegt sich der Papst genau in jenem Korridor, in dem auch seine Vorgänger gehandelt haben. Papst Johannes Paul II. wartete rund acht Monate, Papst Benedikt XVI. und Franziskus jeweils etwa elf Monate. Ein Konsistorium im Frühsommer 2026 wäre also alles andere als ungewöhnlich.

Hinzu kommt die symbolische Kraft des Termins. Ende Juni feiert die Kirche das Hochfest der Apostel Petrus und Paulus – ein Datum von hoher Bedeutung für die Weltkirche. In Rom erhalten die neu ernannten Diözesanerzbischöfe ihr jeweiliges Pallium. Neue Kardinäle in diesem Rahmen zu ernennen, hätte eine starke liturgische und mediale Wirkung.

Pallien für die neuen Erzbischöfe im Gottesdienst mit Papst Franziskus zum Patronatsfest Peter und Paul (KNA)
Pallien für die neuen Erzbischöfe im Gottesdienst mit Papst Franziskus zum Patronatsfest Peter und Paul / ( KNA )
Pallien für die neuen Erzbischöfe im Gottesdienst mit dem Papst am Hochfest Peter und Paul

Schließlich verweisen Beobachter auf die aktuelle Zusammensetzung des Kardinalskollegiums. Die Zahl der wahlberechtigten Kardinäle liegt nur knapp über der oft genannten Richtgröße von 120 und dürfte im Laufe des Jahres weiter sinken. Ein kleineres Konsistorium mit wenigen Ernennungen – etwa fünf bis sieben – wäre also durchaus möglich, ohne die Balance grundlegend zu verändern.

Ein gut vernetzter Beobachter sieht zudem bereits mögliche "sichere Kandidaten". Er argumentiert, Leo XIV. könne bewusst an frühere Gepflogenheiten anknüpfen und bestimmte Schlüsselpositionen wieder regelmäßig mit Kardinälen besetzen. Genannt werden etwa der Präfekt des Dikasteriums für die Bischöfe sowie große Metropolitansitze wie London, New York und Wien. Eine solche Auswahl würde für eine gewisse institutionelle Kontinuität stehen.

Oder spricht mehr für Abwarten?

So plausibel diese Argumente sind – es gibt ebenso gewichtige Gründe, die gegen eine unmittelbare Entscheidung sprechen. Der wichtigste: Es besteht kein akuter Handlungsdruck. Die Zahl der wahlberechtigten Kardinäle ist zwar leicht rückläufig, aber keineswegs kritisch. Leo XIV. könnte ohne Weiteres noch einige Monate warten, ohne dass die Funktionsfähigkeit des Kollegiums beeinträchtigt wäre. Hinzu kommt die besondere Bedeutung der ersten Kardinalsliste. Sie ist mehr als eine bloße Personalentscheidung; sie ist ein programmatisches Signal. Wer jetzt ernannt wird, steht symbolisch für den Kurs dieses Pontifikats. Viele Päpste nehmen sich deshalb Zeit, um diese Entscheidung sorgfältig vorzubereiten.

Auch das geplante Konsistorium selbst spricht eher gegen eine unmittelbare Kreierung. Der inzwischen veröffentlichte Brief des Papstes unterstreicht ausdrücklich den Charakter des Treffens als geistlich-programmatische Beratung über Evangelisierung und kirchliche Initiation. Wenn Leo XIV. dieses Treffen tatsächlich als inhaltliche Standortbestimmung versteht, liegt es nahe, dass er zunächst die Diskussionen abwartet, bevor er personelle Konsequenzen zieht. In diesem Fall wäre das Treffen im Juni eher ein Zwischenschritt als der Höhepunkt.

Schließlich bleibt offen, wie stark Leo XIV. tatsächlich an frühere Automatismen anknüpfen will. Selbst wenn er institutionelle Kontinuität betont, dürfte er kaum auf eigene Akzente verzichten. Eine erste Kardinalsliste, die ausschließlich erwartbare Namen enthält, wäre eher untypisch.

Ein offenes Spiel

Unterm Strich ergibt sich ein differenziertes Bild. Die Voraussetzungen für eine baldige Kardinalskreierung sind gegeben: der Zeitpunkt im Pontifikat, der symbolisch aufgeladene Termin Ende Juni und die moderate personelle Notwendigkeit. Gleichzeitig gibt es keinen Zwang zur Eile. Der Papst verfügt über genügend Spielraum, um den Moment selbst zu wählen – und damit auch die Wirkung seiner Entscheidung zu steuern.

Das veröffentlichte Schreiben des Dekans liefert dafür einen interessanten Hinweis: Es legt den Fokus klar auf Beratung, lässt aber Raum für Ergänzungen. Der Brief des Papstes selbst verstärkt allerdings den Eindruck, dass genau diese Beratungsdimension gewollt im Zentrum steht – und nicht durch Personalentscheidungen überlagert werden soll.

Was ist ein Kardinal?

Ein Kardinal ist der höchste katholische Würdenträger nach dem Papst. Das Wort "Kardinal" leitet sich vom lateinischen Wort "cardo" (Türangel) ab. Das Kardinalskollegium ist das wichtigste Beratergremium des Papstes. Zudem hat es die Aufgabe, für die Papstwahl zu sorgen. Der Papst bestimmt die Kardinäle frei. 

Der rote Pileolus ist das Erkennungszeichen eines Kardinals / © Stefano Dal Pozzolo/Romano Siciliani (KNA)
Der rote Pileolus ist das Erkennungszeichen eines Kardinals / © Stefano Dal Pozzolo/Romano Siciliani ( KNA )
Quelle:
DR

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