In Taizé geht das Leben langsam wieder los

Warten auf den Frühling

So leer war es in Taizé wohl noch nie. Nach Monaten ohne Treffen dürfen die Brüder der Communauté nun wieder Jugendliche auf dem Gelände unterbringen. "Wir freuen uns darüber, dass manche sich wieder auf den Weg machen", erzählt Frère Timothée.

Brüder der Gemeinschaft von Taizé beim gemeinsamen Gebet / © Jean-Matthieu Gautier (KNA)
Brüder der Gemeinschaft von Taizé beim gemeinsamen Gebet / © Jean-Matthieu Gautier ( KNA )

DOMRADIO.DE: Wie waren die letzten Wochen und Monate für Sie?

Frere Thimoteé (Bruder der Gemeinschaft von Taizé): Es war natürlich sehr speziell. Ab Mitte März mussten wir mit den Treffen aufhören und dann ging es eigentlich Schlag auf Schlag, nachdem auch der Großteil der Freiwilligen heimgefahren war, dass in Frankreich wirklich alles so zugemacht wurde, dass man nur noch mit besonders ausgefülltem Formular im Umkreis von einem Kilometer rund um den eigenen Wohnsitz unterwegs sein konnte.

Dann war es natürlich so leer, wie es hier nicht gewesen ist, seitdem die Jugendtreffen angefangen haben. Selbst die Leute aus der Umgebung sind nicht mehr vorbei gekommen. Wir konnten auf dem ganzen Gelände wieder ganz alleine unterwegs sein, an Orte gehen, an denen wir vielleicht ganz lange nicht gewesen sind, weil dort eher die Jugendtreffen stattfinden und wir den Jugendlichen auch ihren Bereich lassen wollen. Plötzlich konnten wir das ganze Gelände wieder neu entdecken. Aber es war natürlich auch irgendwie leer. Wir waren sehr alleine.

DOMRADIO.DE: Können Sie da für sich als Brudergemeinschaft etwas Positives draus mitnehmen? Haben Sie das unter sich noch mal ganz neu erlebt?

Frère Timothée: Es hatte sicher zwei Seiten. Es war einerseits natürlich viel Aufwand und Nachdenken. Wie geht man jetzt mit der Situation um? Wie gestalten wir auch untereinander das Zusammenleben, um das Risiko - gerade auch für älteren Mitbrüder - möglichst gering zu halten. Wir haben uns in Kleingruppen aufgeteilt und auch in Kleingruppen gebetet, solange keine öffentlichen Gebete möglich waren.

Das brauchte viel Flexibilität von allen Seiten, war aber vielleicht auch eine Neuentdeckung für viele von uns, die noch nie eine Zeit lang auf anderen Kontinenten in kleinen Fraternitäten gelebt haben. Da war es eine Erfahrung, in Kleingruppen zusammenzuleben. Man sieht diejenigen, mit denen man in einer Kleingruppe ist, intensiver und häufiger, als wenn wir mit 70 Brüdern zusammenleben. Insofern hatte das durchaus auch positive Seiten.

DOMRADIO.DE: Jetzt geht es ganz langsam wieder los. Was für ein Gefühl ist das für Sie, zu wissen, dass die jungen Menschen jetzt zurück kommen? Ein paar sind sogar schon da.

Frère Timothée: Öffentliche Gebete sind schon seit zwei, drei Wochen wieder möglich. Seit Anfang Juni konnten wir Leute unterbringen und seit Montag sind die Grenzen offen. Wir freuen uns natürlich, dass es langsam wieder losgeht. Aber natürlich sind die Gewohnheiten und Reiselust der Menschen noch sehr unterschiedlich. Insofern geht es sehr langsam wieder los.

Es gibt auch weiterhin Brüder, die Dinge weitermachen, die sie in den letzten Monaten entdeckt haben. Das war neben all dem Hin und Her und dem Umstellen schon auch eine Zeit, in der Brüder mehr im Garten gemacht haben. In den letzten Tagen waren, in geringem Umfang, einzelne von uns auch mit Menschen aus der Umgebung hier im Weinberg unterwegs, sodass ganz neue Kontakte entstanden sind.

Ich denke, im Moment wird das ein bisschen nebeneinander herlaufen: die Dinge, mit denen wir in den letzten Monaten experimentiert haben, und, dass der Empfang so langsam wieder losgeht. Im Moment sind 20 Leute da. Das beschäftigt uns nicht so, wie sonst im Juli oder im August, wenn mehrere tausend Leute da sind.

DOMRADIO.DE: Gegründet wurde Taizé ja nach dem Zweiten Weltkrieg in Europas dunkelsten Jahren. Die Not war groß, auch die seelische Verfassung der Menschen alles andere als gut. Und der damalige Papst hat gesagt "Taizé ist wie Frühling". Was glauben Sie, welche Bedeutung Ihre Gemeinschaft vielleicht gerade jetzt für all diejenigen haben kann, die vielleicht auch einsam waren und mit Einschränkungen leben mussten. Kann das jetzt auch so etwas wie ein Frühling sein?

Frère Timothée: Welche Rolle uns dabei zukommt, ist natürlich für uns immer immer schwer zu sagen. Aber, dass in dieser Zeit Gott in irgendeiner Form auch für Menschen ein Frühling sein kann, das ist natürlich unsere Hoffnung. Wir haben versucht, dazu beizutragen, was wir konnten.

Auch in der Zeit der Ausgangssperre oder der Kontaktbeschränkungen in Deutschland waren wir froh, mit Menschen übers Internet gemeinsam verbunden zu sein und diese tiefe Verbundenheit im Gebet über die Distanz zu spüren. Was jetzt nach und nach mit den Lockerungen wieder wieder möglich ist, was Menschen suchen, wird sich erst noch zeigen müssen.

Wir freuen uns jedenfalls darüber, dass manche sich wieder auf den Weg machen und auch wieder Austausch im direkten Kontakt suchen. Es ist schwierig, von Winter und Frühling zu reden, weil bei uns gerade so stark die Sonne scheint. Aber wenn man die Einschränkung bildhaft als Winter sieht, hoffen und warten wir alle auf das, was Gott frühlingsmäßig in den nächsten Wochen und Monaten möglich machen kann.

Das Interview führte Verena Tröster.

Versöhnungskirche in Taizé, in dem sich drei Mal am Tage Jugendliche und die Brüder zum Gebet treffen / © Melanie Trimborn (DR)
Versöhnungskirche in Taizé, in dem sich drei Mal am Tage Jugendliche und die Brüder zum Gebet treffen / © Melanie Trimborn ( DR )
Gemeinsames Gebet und Singen in Taizé. / © Melanie Trimborn (DR)
Gemeinsames Gebet und Singen in Taizé. / © Melanie Trimborn ( DR )
Quelle:
DR