Am Dreiländereck in Basel wurde ökumenische Geschichte geschrieben

Vorbei an winkenden Grenzsoldaten

Mai 1989: Europa ist geteilt. An den Grenzen fallen immer wieder tödliche Schüsse. Trotzdem kommen in Basel 3.000 Christen aus Ost- und Westeuropa zusammen: Sie pilgern in einem Tag durch drei Länder. Keine Grenzsoldaten halten sie auf.

Blick auf Basel / © cge2010 (shutterstock)

Ingo Brüggenjürgen (DOMRADIO.DE-Chefredakteur): Warum ist das Dreiländereck hier in Basel für die Ökumene so ein wichtiger Boden?

Stefan Vesper (ehemaliger Generalsekretär des Zentralkomitees der deutschen Katholiken): Am Dreiländereck von Deutschland, Frankreich und der Schweiz in Basel ist etwas gewesen, von dem ich auch nur als aus zweiter Hand berichten kann, weil ich selbst nicht dabei war. Im Mai 1989 gab es eine große Ökumenische Versammlung in Europa. Mai 1989 betone ich deshalb, weil die Versammlung vor dem November '89 war, vor dem Fall der Mauer. Damals waren 3.000 Delegierte aus allen christlichen Kirchen Europas zu dieser Veranstaltung zum Thema "Frieden in Gerechtigkeit" zusammengekommen.

Die Organisatoren haben eine tolle Idee gehabt: Am Mittwochnachmittag, in der Mitte der Versammlung, die eine Woche gedauert hat, gehen wir von der Schweiz ein paar Schritte nach Deutschland, ein paar Schritte nach Frankreich und wieder ein paar Schritte in die Schweiz. Das war ein etwa dreistündiger Gang. Und der hat Geschichte geschrieben. Die Menschen aus dem mittleren und östlichen Teil Europas, angefangen mit den Christen aus der DDR, die an dieser Versammlung teilnehmen durften, waren total bewegt von diesem Ereignis.

Diese 3.000 Menschen haben eine Prozession durch drei Länder gemacht, also auch über Grenzen. Sie sind an Grenzsoldatinnen und Grenzsoldaten vorbeigegangen, die gewunken und gelacht haben. Und sie sind zurückgekommen. Ich kenne viele Berichte von Menschen, die von diesem Ereignis so bewegt waren, dass sie geweint haben. Auch später, als sie davon erzählt haben, waren sie sehr berührt und haben das nie mehr vergessen.

Brüggenjürgen: Warum ist es so wichtig, dass Christen sich immer wieder ökumenisch auf diesen Friedens- und Versöhnungsweg machen?

Vesper: Wir Christen sind in Europa eine ganz große Kraft. Wenn wir uns als katholische, als evangelische und als orthodoxe Christinnen und Christen zusammentun, dann haben wir in Europa etwas zu sagen. Wir haben etwas beizutragen, wenn wir einig sind und wenn wir uns gemeinsam artikulieren. Das Treffen damals im Mai '89, hatte den Titel "Frieden in Gerechtigkeit". Das war die erste Ökumenische Versammlung in Basel '89.

Es gab dann einige Jahre später in Graz – und da durfte ich der Versammlungssekretär für die katholische Seite sein – ein weiteres ökumenisches Treffen. Das hieß dann aber nicht mehr "Frieden in Gerechtigkeit", sondern "Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung". Man merkt, da kommt der Gedanke der Schöpfung noch dazu. Das gab es dann auch noch ein drittes Mal: in Rumänien, in Sibiu im Jahr 2007.

Wenn die Christen sich gemeinsam versammeln und gemeinsam erklären, was sie an Gerechtigkeit, an Frieden und Bewahrung der Schöpfung wollen, dann ist das eine Stimme, die von der Gesellschaft und von den Ländern gehört wird. Deswegen sollten wir und so oft es geht gemeinsam äußern und Stellung zu den wichtigsten Fragen nehmen, die die Menschheit berühren.

Brüggenjürgen: Sie sind selbst immer wieder unterwegs – auch jenseits des Dreiländerecks – und machen Pilgerreisen in ferne Länder. Was für Erfahrungen machen Sie dabei?

Vesper: Es ist einfach toll, sich auf ein Ziel hinzubewegen, das Ganze in der Natur zu machen und mit einem Elan, der alles in Bewegung bringt. "Alles ginge besser, wenn wir mehr gehen würden", sagt ein Spruch. Wir gehen ja mit unserer Kraft auf ein Ziel hin. Letzten Endes sehen wir auch als Christinnen und Christen überall die Zeichen von früheren Christinnen und Christen. Wir spüren, dass wir eine riesengroße Gemeinschaft sind. Erst recht wir Katholiken, die weltweit eine einzige Kirche sind. In Gemeinschaft mit den Evangelischen und den Orthodoxen sind wir nirgendwo in ganz Europa allein, wohin wir auch immer pilgern.

Artikel, Bilder und Videos zur Pilgertour von DOMRADIO.DE-Chefredakteur finden Sie tagesaktuell auf unserer Themenseite "Pilgern live – Zurück zur Quelle". 

Stefan Vesper, Generalsekretär a.D. des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) / © Julia Steinbrecht (KNA)
Stefan Vesper, Generalsekretär a.D. des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) / © Julia Steinbrecht ( KNA )
Das Dreiländereck in Basel / © Peter Stein (shutterstock)
Das Dreiländereck in Basel / © Peter Stein ( shutterstock )
Quelle:
DR
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