Vor 80 Jahren ging Janusz Korczak mit 200 Kindern in den Tod

Pädagoge gilt als Vorreiter für Kinderrechte

Im August 1942 trieben die Nazis 200 jüdische Waisenkinder in Warschau in einen Zug. Das Ziel: Treblinka. Der polnische Pädagoge Janusz Korczak stieg mit in den Todestransport – ganz bewusst.

Denkmal für Janusz Korczak / © Erika Rebmann (KNA)
Denkmal für Janusz Korczak / © Erika Rebmann ( KNA )

Er hätte es sich leicht machen können. Er hätte weglaufen und wenigstens sein eigenes Leben retten können. Doch das wollte Janusz Korczak nicht. Als die Nazis etwa 200 jüdische Kinder aus einem Waisenhaus im Warschauer Ghetto zum Bahnhof trieben, um sie zum NS-Vernichtungslager Treblinka zu deportieren und zu vergasen, bestieg er zusammen mit "seinen" Kindern am 5. August 1942 den Zug. Mit den Waisen hatte der polnische Pädagoge, Arzt und Kinderbuchautor zuvor jahrelang zusammengelebt.

Mit den Kindern in den Tod gegangen

Laut Augenzeugen bot ein Bahnhofskommandant Korczak noch kurz vor Abfahrt an, auszusteigen. "Sie irren sich", hielt Korczak dagegen, "nicht jeder ist ein Schuft." Mit den Kindern ging er schließlich in den Tod. Ganz offenbar war dies keine spontane Entscheidung Korczaks, sondern die letzte Konsequenz seiner liebevollen Grundeinstellung zu Kindern. Heute vermittelt etwa die Europäische Janusz Korczak Akademie (EJKA) als jüdische Bildungseinrichtung, die der breiten Gesellschaft offensteht, die Werte ihres Namensgebers - der eigentlich einen anderen Namen hatte.

Geboren wird der Sohn jüdischer Eltern in Warschau am 22. Juli 1878 (oder 1879) - das genaue Geburtsjahr ist nicht bekannt - als Henryk Goldszmit. Nach dem Medizinstudium wird er Kinderarzt. Nebenbei versucht er sich als Schriftsteller. Als er mit dem Pseudonym "Janusz Korczak" einen literarischen Wettbewerb gewinnt, behält er diesen Namen. Dem bald weithin bekannten Kinderbuchautor liegen Waisenkinder besonders am Herzen. 1912 eröffnet er das Haus "Dom Sierot" (Haus der Waisen) in Warschau, dessen Direktor er 30 Jahre lang bleibt. Zudem lehrt er Pädagogik an der Universität Warschau.

"Vorreiterrolle in der Kinderrechts-Diskussion"

Korczak gilt als einer der wichtigsten Reformpädagogen des 20. Jahrhunderts. Er hatte eine "Vorreiterrolle in der Kinderrechts-Diskussion", wie die Deutsche Korczak Gesellschaft betont. Noch bevor die internationale Gemeinschaft mit der Genfer Erklärung 1924 eine erste Deklaration über die Rechte der Kinder verabschiedete, habe Korczak an die Erwachsenen appelliert, "Kinder als vollwertige Menschen zu achten". Korczaks Credo: "Kinder werden nicht erst Menschen, sie sind es bereits." 1929 erscheint sein pädagogisches Hauptwerk "Das Recht des Kindes auf Achtung".

Im "Dom Sierot" verdichtet Korczak seine Ideen zu einem Erziehungsprogramm. Er formuliert Grundrechte für Kinder. Demnach hat jedes Kind ein "Recht auf Achtung und Liebe". Auch Regeln waren Korczak wichtig, doch sollten die Kinder sie mit aushandeln können, etwa in einem Kinderparlament. Ende der 1930er Jahre meldete Korczak sich auch im polnischen Rundfunk zu Wort, wo er in den "Radio-Plaudereien des Alten Doktors" am Mikrofon mit Kindern redete.

Doch dann verdüsterte sich die Lage für die jüdische Bevölkerung in Polen. 1940 wird das "Dom Sierot" von den deutschen Besatzern zwangsweise in das Warschauer Ghetto verlegt. Zwei Jahre später beginnt die Räumung des Ghettos.

Ermordet im NS-Vernichtungslager Treblinka

Den zwangsweisen Abmarsch von Janusz Korczak und den Waisenkindern aus dem Ghetto beobachtete damals zufällig der Komponist Wladyslaw Szpilman. In seinen Memoiren schreibt er, Korczak habe es den Kindern leichter machen wollen. "Sie würden aufs Land fahren, ein Grund zur Freude, erklärte er den Waisenkindern. Endlich könnten sie die abscheulichen, stickigen Mauern gegen Wiesen eintauschen, auf denen Blumen wüchsen, gegen Bäche, in denen man würde baden können, gegen Wälder, wo es so viele Beeren und Pilze gäbe."

Die Kinder zweifelten nicht daran; ein zwölfjähriger Junge habe mit seiner Geige musiziert. Die Kinder hätten vor Glück gestrahlt und im Chor gesungen "und Korczak trug zwei der Kleinsten, die ebenfalls lächelten, auf dem Arm und erzählte ihnen etwas Lustiges", schreibt der Augenzeuge.

Dann endet Szpilman mit einer Passage, die einen erschaudern lässt: "Bestimmt hat der 'Alte Doktor' noch in der Gaskammer, als das Zyklon schon die kindlichen Kehlen würgte und in den Herzen der Waisen Angst an die Stelle von Freude und Hoffnung trat, mit letzter Anstrengung geflüstert: 'Nichts, das ist nichts, Kinder', um wenigstens seinen kleinen Zöglingen den Schrecken des Übergangs vom Leben in den Tod zu ersparen."

Die Kirche und der Nationalsozialismus in Deutschland

Pflicht, Opfer, Vaterland: Als Hunderttausende katholischer deutscher Soldaten ab 1. September 1939 in den Zweiten Weltkrieg zogen, vermieden die meisten Bischöfe politische Stellungnahmen. Einzig der Münsteraner Bischof Clemens August von Galen rechtfertigte den Krieg unter Verweis auf den "ungerechten Gewaltfrieden" von Versailles 1918.

Turm der St. Matthiaskirche in Berlin (shutterstock)

Autor/in:
Norbert Demuth
Quelle:
KNA