Vor 80 Jahren schlossen die Nazis jüdische Schulen

Flucht, Not und Tod statt Bildung

Die Ausgrenzung jüdischer Schüler war schon lange im Gange. Doch 1942 war auch für die letzten Kinder und Jugendlichen der Weg zum Lernen versperrt. Heute gibt es in sieben Großstädten in Deutschland jüdische Schulen.

Autor/in:
Leticia Witte
Junge mit Kippa (shutterstock)

Als Rudolf Appel am 23. November 1938 an seinen Vater schreibt, sitzt dieser bereits im Konzentrationslager. Nazis haben Julius Appel nach den Novemberpogromen wie Zehntausende andere jüdische Männer auch verschleppt: Die Postkarte seines 13-jährigen Sohnes ist nach Dachau adressiert, an den "Schutzhaftjuden J. Appel", Block 12, Stube 2. Rudolf teilt darin mit: "Ich gehe jetzt in die Schule, wo meine anderen Freunde sind und es gefällt mir sehr gut." Unterschrieben hat das Kind mit "Denny", auch seine Mutter hat ein paar Zeilen an ihren Ehemann verfasst.

Systematische Ausgrenzung von Juden

 So nüchtern Rudolf seinen Schulwechsel in Mannheim beschreibt - er erfolgte keineswegs freiwillig. Sondern lag auf dem Weg zur allmählichen systematischen Ausgrenzung von Juden in der NS-Zeit, die in die Ermordung von rund sechs Millionen europäischen Juden mündete. Nach den Gewaltexzessen der Novemberpogrome wurden jüdische Schüler aus Volks- und höheren Schulen ausgeschlossen und mussten jüdische Einrichtungen besuchen - auch Rudolf Appel. Doch damit nicht genug: Am 30. Juni 1942, vor 80 Jahren, schlossen die Nazis jüdische Schulen in Deutschland. So endete der Unterricht für alle jüdischen Schüler.

Zerstörte Fenster der Kieler Synagoge nach der Reichspogromnacht (Foto von 1938) / © Stadtarchiv Kiel/Stadtarchiv_kiel (dpa)
Zerstörte Fenster der Kieler Synagoge nach der Reichspogromnacht (Foto von 1938) / © Stadtarchiv Kiel/Stadtarchiv_kiel ( dpa )

Dieser Schritt hatte eine lange Vorgeschichte, die der Zeithistoriker Wolfgang Benz einmal in einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) nachgezeichnet hat: "Es begann im April 1933 mit dem Gesetz 'zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums'. Damit wurden jüdische Lehrer aus dem Dienst entfernt. Ebenfalls im April 1933 ging es weiter mit dem Gesetz gegen die Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen. Das heißt, ein Numerus clausus gegen Juden wurde eingeführt. Es sollten nicht mehr als maximal 1,5 Prozent der Schüler und Studenten Juden sein."

Massenhafte Auswanderung nach Novemberpogromen

Weiter ging es im September 1935, kurz vor den Nürnberger Gesetzen zur Rassentrennung: Ab da durften jüdische Kinder und Jugendliche öffentliche Schulen nicht mehr besuchen, eigene Volksschulen für Juden wurden vorgeschrieben. "Das ist der entscheidende Zeitpunkt in der Diskriminierung jüdischer Schüler", so Benz. Und das hatte zur Folge, dass gar nicht mehr alle jungen Juden weiterhin Unterricht besuchen konnten - weil es nicht überall jüdische Schulen gab oder für eine Neugründung zu wenige Schüler vorhanden waren. Hatte es aufgrund von Ausnahmen noch durchaus jüdische Schüler an öffentlichen Schulen gegeben, war es 1938 auch damit vorbei.

Teilnehmer legen auf dem Appellplatz in der Gedenkstätte Buchenwald bei Weimar bei einer Gedenkfeier zur Befreiung des einstigen NS-Konzentrationslagers vor 77 Jahren Blumen nieder / © Martin Schutt (dpa)
Teilnehmer legen auf dem Appellplatz in der Gedenkstätte Buchenwald bei Weimar bei einer Gedenkfeier zur Befreiung des einstigen NS-Konzentrationslagers vor 77 Jahren Blumen nieder / © Martin Schutt ( dpa )

Als dann Ende Juni 1942 jüdische Schulen endgültig schließen mussten, waren davon laut Benz vielleicht noch rund 10.000 schulpflichtige Juden betroffen. Das lag an der massenhaften Auswanderung nach den Novemberpogromen: Gab es Benz zufolge im Schuljahr 1932/33 ungefähr 60.000 schulpflichtige Juden, waren es 1938/39 noch etwa 20.000. Und die Zahlen sanken weiter: "Die Auswanderung beherrschte das Leben etwa bis 1941, als der Judenstern eingeführt wurde. Zuvor gab es die Ghettoisierung in 'Judenhäusern', ab Herbst 1941 begannen die Deportationen in den Osten. Schulpflicht spielte für diese diskriminierte Minderheit schon keine große Rolle mehr."

Jüdische Schulen heute: streng bewacht und geschützt

Rudolf Appel und seine Familie hatten Glück: Sein Vater, der aus dem KZ entlassen worden war, sein Bruder Martin und seine Mutter Rosa überlebten durch Flucht in unterschiedliche Länder den Naziterror - gleichwohl war die Familie erst 1946 wieder vereint, wie Dominic Strieder für das Jüdische Museum Berlin schreibt.

Dort ist auch das Schicksal von Rudolf und anderen jüdischen Kindern und Jugendlichen im Zweiten Weltkrieg nachzulesen.

Die Juden feiern Pessach (KNA)
Die Juden feiern Pessach / ( KNA )

Heute gibt es hierzulande nach Angaben des Zentralrats der Juden in Deutschland neun jüdische Grundschulen und sieben weiterführende jüdische Schulen in Berlin, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, Köln, München und Stuttgart. Demnach sind es staatlich anerkannte Ersatzschulen (Privatschulen), in denen Judentum und Hebräisch zum Unterricht gehören und jüdische Feste begangen werden. 

Unterrichtet werden meistens auch nichtjüdische Kinder und Jugendliche. Heile Welten sind diese Schulen 77 Jahre nach Kriegsende nicht: Wachleute, Kameras und hohe Zäune schützen sie, und sie nehmen immer wieder Schüler auf, die nach Mobbing öffentliche Schulen verlassen haben.
 

Zentralrat der Juden

Der Zentralrat der Juden ist die Spitzenorganisation der jüdischen Gemeinden in der Bundesrepublik. Unter seinem Dach sind 23 Landesverbände mit 105 Gemeinden und ihren rund 100.000 Mitgliedern organisiert. Der Rat wurde 1950 in Frankfurt am Main gegründet. Damals lebten noch etwa 15.000 Juden in Deutschland. Vor dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust waren es bis zu 600.000.

Zentralrat der Juden in Deutschland vergibt Leo-Baeck-Preis / © Christian Ditsch (epd)
Zentralrat der Juden in Deutschland vergibt Leo-Baeck-Preis / © Christian Ditsch ( epd )
Quelle:
KNA
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