Es war der Katholik Lambert Schneider, der 1925 mit nur 25 Jahren in Berlin seinen gleichnamigen Verlag gründete. Er startete mit einem wirtschaftlich riskanten Projekt, nämlich mit der Neuübertragung der hebräischen Bibel in die deutsche Sprache. Dafür fragte er keine Geringeren als die großen jüdischen Religionsphilosophen seiner Zeit Martin Buber und Franz Rosenzweig, die selbst schon über die Realisierung einer solchen Mammutaufgabe nachgedacht hatten. Dann vor 100 Jahren versetzte diese Bibelübersetzung die deutschen vor allem jüdischen Intellektuellen in helle Aufregung.
Denn beliebt war bislang vor allem die Luther-Bibel, nicht nur bei Protestanten, sondern auch im deutschen Judentum. Nun aber wollte man weg von der christlichen Übersetzung hin zu einer ganz neuen jüdischen Übertragung. Buber und Rosenzweig mussten dabei allerdings nicht bei null anfangen. Sie griffen neben dem Grimm'schen Wörterbuch der deutschen Sprache auch auf jüdische Vorläufer zurück.
Geschichte deutsch-jüdischer Bibelübersetzungen
"Es gibt eine ganze Geschichte deutsch-jüdischer Bibelübersetzungen, angefangen bei Moses Mendelssohn über Leopold Zunz bis zu Ludwig Philippson. Zentral ist auch die Übersetzung von Samson Raphael Hirsch, dem Begründer der jüdischen Neo-Orthodoxie, der auch schon in die Etymologie des Hebräischen eintauchte", sagt Christoph Kasten. Kasten hat in Jüdischer Religionsphilosophie promoviert und ist Mitherausgeber einer neuen Edition, die die Debatte beleuchtet, die um diese neue Buber-Rosenzweig-Übertragung entbrannt war. Die Edition versammelt zum ersten Mal zentrale Quellen dieser historischen Kontroverse, deren Strahlkraft weit über das Jahr 1926 hinausreichte.
Denn nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg und dem Untergang der Monarchie stand die Frage im Raum, wo das deutsche Judentum stehen sollte. War die völlige Assimilation an die christliche Mehrheitsgesellschaft der Weg oder die Bewahrung einer gewissen religiösen Eigenständigkeit? "Und da geht Rosenzweig auf diese Probleme ein und beschreibt seine eigene Zeit als eine Zeit der Krise der Glaubensorientierung. Er möchte einen neuen Zugang zur Sprache der Bibel schaffen, eine Lebendigkeit der Sprache sichtbar machen. So soll die Bibel wieder einen Zugang zur eigenen Glaubensbereitschaft ermöglichen", erläutert Kasten.
Technik der Neuübertragung
Der hebräische Text wird nun ganz neu als ein gelesener, gesungener Erlebnistext verstanden. So schrieb Martin Buber: "Nicht bloß Weisung, Psalm und Spruch sind ursprünglich zungen- nicht federgeboren, sondern auch Bericht und Gesetz. In der jüdischen Tradition ist die Schrift bestimmt, vorgetragen zu werden."
Eine Technik der Neuübertragung ist die so genannte Kolometrie. Der Text wird dabei in Einheiten gefasst, die nicht mehr an einer modernen deutschen Grammatik oder Satztechnik orientiert sind. "Sondern der Atem soll die Struktureinheit des Textes werden. Der natürliche Atem, den versuchen sie zu finden und den Text dementsprechend wiederzugeben. Dass es etwas Somatisches gibt, was der Bibel zu eigen ist", sagt Kasten. So gibt es nun keine übliche Punkt- oder Kommasetzungen mehr. Anders als bei Luther schwebt nun am Anfang der Schöpfung auch nicht mehr der Geist Gottes auf dem Wasser, sondern: "Die Erde aber war Irrsal und Wirrsal. Finsternis über Urwirbels Antlitz. Braus Gottes schwingend über dem Antlitz der Wasser."
Kritik an das erste Buch
Kaum war das erste Buch im Dezember 1925 im Verlag Lambert Schneider herausgekommen, brauste im Frühjahr 1926 nicht Gott, sondern eine Debatte in den deutschen Feuilletons auf. Der Kritiker Siegfried Karacauer etwa konnte mit der Buber-Rosenzweig-Methode wenig anfangen. Kracauer wirft eine "ästhetische Suggestion" vor. Statt im Luther-Text: "Und der HERR roch den lieblichen Geruch" des Brandopfers Noahs nach der Sintflut heißt es nun: "Da roch ER den Rauch der Befriedung".
Der "Altar" wird bei Buber-Rosenzweig zur "Schlachtstatt". Kracauer kritisierte diese Sprache als zu archaisierend. Die Historikerin Inka Sauter, Mitherausgeberin der neuen Edition über den Buber-Rosenzweig-Streit, sagt: "Buber-Rosenzweig schreiben dann in ihrer Antwort auf Kracauer von Worteheimholungen. Also sie wollen Worte wiederentdecken, also nicht neu erfinden, sondern wiederentdecken, dass sie den biblischen Text nicht einfach implementieren wollen in die Gegenwartssprache."
Ablehnung kommt auch vom jüdischen Religionshistoriker Gershom Scholem. Aus Propheten werden bei Buber-Rosenzweig "Künder". Für ihn sei dies ein falsches Pathos, schreibt Scholem: "Mit dem Wort "Künder" statt des guten alten Propheten kann ich gar nicht zurande kommen. Es wirkt mit einer übertriebenen und darum falschen Feierlichkeit, und warum sollte man sich bei diesem unbekannten Wort mehr oder etwas Besseres denken als bei dem guten alten Propheten. "Künder" ist zu ballastlos, um in so großem Stil nicht grotesk zu wirken."
Inner-jüdische Debatte
Scholem zeigte sich enttäuscht, dass so ein "Friseurdeutsch" hervorbreche. Buber und Rosenzweig aber halten der Kritik stand, weiß Inka Sauter: "Rosenzweig schreibt von der Vermählung der beiden Sprachgeister. Ihm geht es darum, dass zwei Sprachen sehr eng miteinander verzahnbar sind auf verschiedenen Ebenen. Buber und Rosenzweig arbeiten sich in die deutsche Sprachgeschichte ein, um im Rahmen des Deutschen ohne Fremdwörter die deutsche Sprache aus sich heraus dem Hebräischen anzunähern."
Es entbrennt eine vor allem inner-jüdische Debatte. So gab es bei aller Kritik auch Zuspruch etwa vonseiten der jüdischen Jugendbewegung. Franz Rosenzweig war für sie eine spirituelle Orientierungsfigur bei der Suche nach einer eigenen jüdischen Authentizität. Und die christliche Theologie? Die stand vor 100 Jahren noch abseits, sagt Religionswissenschaftler Ansgar Martins, Mitherausgeber der neuen Edition: "Soweit wir einen Einblick gewinnen konnten schickt wohl die Theologische Literatur-Zeitung ihr Rezensionsexemplar als zur Besprechung ungeeignet zurück. Vielleicht beginnt die große Zeit dieser Bibelübersetzung für Christen erst weit nach 1945."
Die Zeit nach dem Tod von Franz Rosenzweig
Nachdem Franz Rosenzweig am 10. Dezember 1929 im Alter von 42 Jahren starb, machte Martin Buber bis zu seiner Emigration nach Palästina im Frühjahr 1938 alleine weiter mit der Übersetzung. Erst 1961 feierte er in seinem Haus in Jerusalem die Fertigstellung. Nur für wen, fragt Gershom Scholem: "Die Juden, für die Sie übersetzt haben, gibt es nicht mehr. Die Kinder derer, die diesem Grauen entronnen sind, werden nicht mehr Deutsch lesen." Das deutsche Judentum, für die Buber und Rosenzweig Mitte der 1920er Jahren ihr Übertragungs-Projekt begannen, war vernichtet. Buber antwortet aber optimistisch auf Scholem. Er sehe, dass die Schrift selbst am Missionieren sei. In der Schrift stünden Urwahrheiten, die Judentum und Christentum über alle Grauen hinweg verbinden könnten.
Der Verlag Lambert Schneider, ohne den es diese Bibelübertragung wohl nie gegeben hätte, existiert heute nicht mehr. Über die Deutsche Bibelgesellschaft ist die vierbändige Buber-Rosenzweig-Verdeutschung aber weiterhin zu beziehen. Das Werk gilt vielen heute als unabdingbar, zumindest dann, wenn man der hebräischen Bibel auf Deutsch möglichst nahe kommen möchte.