Ein lateinischer Pop-Song soll in Corona-Zeiten trösten

Vom Siegen und Hoffen in der Krise

Musik kann Hoffnung schenken. Darauf setzt ein Kölner Komponist in der Corona-Krise mit einem Pop-Song auf Latein - und hat offenbar Erfolg. Vor wenigen Jahren musste er selbst um sein Leben kämpfen.

Geigenspieler / © Jens Kalaene (dpa)
Geigenspieler / © Jens Kalaene ( dpa )

Ausgerechnet auf Latein kommt einer der erfolgreichsten deutschen Corona-Songs daher. "Victoriam" heißt das chorale Pop-Lied, das am Osterwochenende auf Platz Eins der iTunes-Single-Charts landete. Der Hit auf dem gleichnamigen Album der Gruppe Sinfoglesia führt die Amazon-Download-Liste an.

 "Für mich ist Latein ein Stilmittel"

Eine tote Sprache für eine Hymne der Hoffnung - darin sieht der Kölner Komponist und Produzent Christoph Siemons keinen Widerspruch. "Für mich ist Latein ein Stilmittel", erklärt er der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). "Das klingt sehr erhaben, sehr geheimnisvoll. Das hat mich schon immer gereizt."

Neben Sängern, Streichern, Bläsern, Schlagzeug und Keyboard braucht Siemons genau drei Liedzeilen für seinen Corona-Hit. "Victoriam misericordia - Victoriam vitae - Omnia speramus" lauten sie, also "Den Sieg durch Mitgefühl - Den Sieg des Lebens - All das hoffen wir". Dabei geht es dem Texter und Komponisten weniger um das martialische Motiv des Sieges, wie der sakrale Bombast-Sound vermuten lassen könnte. Vielmehr sei ihm der Dreiklang aus Fürsorge, Leben und Hoffnung wichtig, erklärt der 51-Jährige. Entstanden ist "Victoriam", weil er eine schwere Herzerkrankung überstanden hat.

Seine Karriere startete Siemons als Gitarrist und Musiklehrer. In den frühen Nullerjahren produzierte er mit einem Kompagnon die Lieder der ersten Big-Brother-Kandidaten. Der Song "Großer Bruder" von Zlatko und Jürgen, die in der ersten Staffel der RTL-Show zu sehen waren, stand wochenlang auf Platz Eins der deutschen Single-Charts.

Eine Messe für Gott

Vor rund sieben Jahren wurde Siemons, der aus einem katholischen Elternhaus stammt, am Herzen operiert. "Da habe ich dem lieben Gott ein Versprechen gegeben", erzählt er. "Wenn ich das überlebe, schreibe ich eine Messe für ihn." Der Künstler überlebte und arbeitete sechs Jahre an den Aufnahmen. Dafür rief er Sinfoglesia ins Leben, eine Gruppe aus rund 100 Musikern, die eigentlich für andere Produktionen in Siemons Studio kamen. In den Pausen spielten und sangen sie immer wieder Teile ein, die der Komponist zusammensetzte.

Ein erstes Album will das Medienunternehmen Burda Forward im Herbst veröffentlichen. Vorab erschienen ist nun die Single "Victoriam". Die Einnahmen aus den Lied-Downloads sollen laut Burda Forward den Tafeln zugute kommen. "Ich glaube, in den letzten Jahren gab es ein Auseinanderdriften in der Gesellschaft", sagt Siemons. Das Virus habe jedoch gezeigt, wie ähnlich sich die Menschen seien. "Wir haben eigentlich alle die gleichen Sorgen, Nöte und Ängste." Sein Lied, in Dur gehalten, soll trösten und Hoffnung geben.

Auch andere Musiker versuchen sich an Liedern in der Corona-Krise. Von den Ärzten bis zu Silbermond klingt das mal melancholisch, mal witzig. International erfolgreich ist eine Produktion unter Regie des US-Komikers Jimmy Fallon. Für seine "The Tonight Show" spielten die Hip-Hop-Band The Roots und Musik-Legende Sting das Lied "Don't Stand So Close To Me" ("Steh' nicht so nah bei mir") neu ein.

Wenn Musik zu einem Ventil wird

Stings Ex-Band The Police hatte das Original 1980 herausgebracht. Für die Corona-Version musizieren die Künstler jeweils allein zuhause mit improvisierten Instrumenten. So ersetzen eine Küchenschere, Turnschuhe und ein Sofakissen das Drum-Set. Auf Youtube hat das Lied mehr als 1,7 Millionen Aufrufe.

"Victoriam" liegt knapp eine Woche nach der Veröffentlichung bei gut 40.000 Aufrufen. Siemons ist angesichts der iTunes-Download-Zahlen aber trotzdem zufrieden. "Dass das so viele Menschen berührt, überrascht mich doch ein bisschen", sagt er. "Ich dachte, das ist eine Musik, die nicht dauernd im Radio läuft und vielleicht nicht jeden interessiert." Er habe schon Zuschriften von Hörern bekommen, die einen Angehörigen in der Corona-Krise verloren hätten. "Diese Menschen sagen: Jetzt kann ich endlich mal weinen", erzählt Siemons. Trauern und trösten heiße, ein Ventil zu finden, um Druck loszulassen. Die Musik könne so ein Ventil sein.

Autor/in:
Anita Hirschbeck
Quelle:
KNA
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