Ethikrat-Mitglied hält Impfanreize für überflüssig

"Völlig unnötig"

Braucht es Sonderrechte für Geimpfte? Oder sogar Anreize um die Impfbereitschaft zu erhöhen. Mit der neuen Öffnungssstrategie der Bundesregierung wird auch der Ruf nach Impf-Pässen und Sonderrechten lauter. 

Impf-Ausweis / © Sven Hoppe (dpa)
Impf-Ausweis / © Sven Hoppe ( dpa )

DOMRADIO.DE: Eine Idee, die im Moment umgeht ist eine Reisefreiheit für Menschen mit Immunitätsnachweis? Gute Idee?

Prof. Andreas Lob-Hüdepohl (Professor für Theologische Ethik und Mitglied im Deutschen Ethikrat): Das könnte dann ein probates Mittel sein, wenn erstens gesichert ist, dass sie keine weiteren Menschen anstecken. Denn es geht ja nicht um Immunität - das ist auch wichtig - aber es geht vor allen Dingen um die Unterbrechung der Transmission, also der Übertragbarkeit, der Ansteckung anderer. Das ist noch nicht hinreichend gesichert.

Die Voraussetzung dafür wäre zudem, dass allen die Möglichkeit zur Impfung offen steht. Das ist bekanntlich derzeit noch nicht möglich. Hier deutet sich eine Alternative an: Eine intensive Teststrategie, für diejenigen, die sich noch nicht impfen lassen können.

Diese beiden Voraussetzungen müssen erst gesichert sein, bevor man den Geimpften unproblematisch den Zugang zu Hotels und Gaststätten eröffnet.

DOMRADIO.DE: Aber vorveröffentlichte Studien aus Israel und Großbritannien wollen eine deutlich verringerte Ansteckung bei Geimpften belegen. Ist das für Sie nicht doch ein Grund darüber nachzudenken, ob es nicht doch sinnvoll ist?

Lob-Hüdepohl: Aber natürlich. Aber eine vorveröffentlichte Studie heißt "noch nicht geprüft". Da bitte ich einfach um Verständnis. Das ist schwer zu ertragen, aber Wissenschaft muss erst einmal prüfen. Sobald das geprüft ist, wird man hier völlig neu diskutieren können. Auch der Ethikrat hat ja eine solche Öffnungsstrategie in Aussicht gestellt, wenn also die Nichtinfektiosität gesichert ist.

Das zweite muss aber auch erfüllt sein, nämlich der Zugang zu Impfungen oder eine Alternative, sich in dieser Weise als unbedenklich testiert zu haben. Wenn hierbei effektive Testmaßnahmen als eine zweite Möglichkeit, die für alle offen steht, eröffnet ist, dann sehe ich da weniger Bedenken. Aber solange das nicht gesichert ist, wäre das verheerend. Überlegen Sie mal, die wenigen Geimpften könnten schon reisen. Das wär für die zwar schön, aber es gäbe sofort ein hohes Gedränge.

Das Ellenbogen- und Windhund-Prinzip würde also voll durchschlagen. Das kann eine solche Gesellschaft in einer jetzigen Situation nicht wünschen.

DOMRADIO.DE: Der Ethikrat argumentiert, dass Freiheiten für eine einzelne Gruppe ungerecht für den Rest sind, für die Nichtgeimpften also. Andererseits könnte man aber auch sagen, die Freiheit überzeugt dann vielleicht sogar die Impfgegner, sich impfen zu lassen?

Lob-Hüdepohl: Ob sie das überzeugt? Sie werden sich dann gedrängt fühlen. Ich sehe das so: Wenn sich jemand bewusst nicht impfen lassen will, ist das sein gutes Recht. Aber er muss dann auch die Konsequenzen seiner persönlichen Entscheidung akzeptieren. Das heißt, wenn nicht gesichert ist, dass er andere nicht ansteckt durch etwa Geimpftsein, dann muss er eben halt bestimmte Nachteile in Kauf nehmen. Das ist dann die Entscheidung. Freiheit ist immer eine Freiheit unter Akzeptanz der möglichen negativen Konsequenzen. Da hätte ich, muss ich ganz offen sagen, keine Probleme.

Das Problem sehe ich tatsächlich dort, wo sich viele Menschen unmittelbar impfen lassen wollen, aber noch nicht können, weil sie noch nicht an der Reihe sind. Aus übrigens sehr guten Gründen sind sie noch nicht in einer Reihe. Ich bin aus guten Gründen auch noch nicht an der Reihe. Aber dann kann mir nicht daraus noch der Nachteil entstehen, dass ich auch noch in anderen Bereichen benachteiligt werde. Das wäre ungerecht.

DOMRADIO.DE: Aber lassen Sie uns trotzdem nochmal über die mangelnde Bereitschaft sprechen, sich impfen zu lassen. Wir reden ja bewusst nicht von Privilegien für Geimpfte, sondern nur von der Wiedererlangung von Grundrechten. Aber was halten Sie von echten Impfanreizen? Sagen wir mal Steuererleichterungen oder Gutscheine?

Lob-Hüdepohl: Ich gestehe freimütig, dass ich die Notwendigkeit nicht sehe. Wir haben eine ausreichend hohe Bereitschaft in der Bevölkerung, die deutlich höher ist als das, was wir mit einer Impfstrategie erreichen müssen, nämlich eine sogenannte Heerdenimmunität oder Gemeinschaftsimmunität, die bei 60, 65 oder 70 Prozent liegt. Die Impfbereitschaft, die wir jetzt erkennen, ist deutlich höher. Diejenigen, die also aus grundsätzlichen Überzeugungen sich niemals impfen lassen wollen, sind vielleicht fünf oder zehn Prozent. Und das ist eine vernachlässigbare Größe. Jetzt Impfanreize zu schaffen, die nicht notwendig sind, halte ich für abwegig.

Wichtig ist, dass endlich die Impfkampagne Fahrt aufnimmt, dass bürokratische Hürden abgebaut werden, dass die Millionen von Menschen, die sich sofort impfen lassen würden, wenn sie könnten, dass das auch tatsächlich in den nächsten Wochen und Monaten gelingt und nicht an bürokratischen Hemmnissen scheitert. Das ist das Entscheidende. Viel entscheidender, als wenn man jetzt über bestimmte Anreize nachdenkt. Die sind völlig unnötig.

Das Interview führte Tobias Fricke.


Quelle:
DR