DOMRADIO.DE: Sechs Jahre Synodaler Weg liegen hinter uns. Es wurde auf den unterschiedlichsten Ebenen sehr viel Arbeit in das Projekt hineingesteckt. Welches Fazit ziehen Sie?
Prof. Thomas Söding (Vizepräsident des Synodalen Weges und des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK)): Mein Fazit lautet: Gut, dass wir diesen Weg begonnen haben. Und gut, dass sich so viele beteiligt haben. Der Synodale Weg ist möglicherweise eines der wichtigsten Instrumente in Deutschland, um die Kirche in der Realität ankommen zu lassen und voranzubringen.
Es ist, weiß Gott, nicht alles gelungen, aber meine Bilanz fällt positiv aus. Vor allen Dingen bin ich überzeugt, dass dieser Weg mit einem neuen Kapitel weitergeht. Ich hoffe, dass er dann auch ein Weg für die ganze katholische Kirche in Deutschland sein wird.
DOMRADIO.DE: In den letzten Tagen wurde sehr viel von einem Kulturwandel gesprochen, der in der Kirche erreicht wurde. Was heißt das?
Söding: Ich denke, dass dies eine dynamische Entwicklung war, für die es an der Zeit gewesen ist. Für viele Gläubige ist es wichtig, gesehen und gehört zu werden. Das hat auf dem synodalen Weg sehr oft geklappt. Es ist auch Verständnis und Vertrauen gewachsen. Diejenigen, die bei dem Synodalen Ausschuss mitgemacht haben, wissen, wie weit dieses Gemeinsame gediehen ist; wie belastbar es ist und wie konstruktiv man mit Konflikten umgeht. Dass wir hier die Verbindung zu allen Mitgliedern der Synodalversammlung hatten, war sicherlich ein wichtiger Moment, sodass man nun loslassen, aber auch weitermachen kann.
DOMRADIO.DE: Vor sechs Jahren gab es Stimmen, die von einer “letzten Chance der Kirche” sprachen und behaupteten, wenn nichts geschieht, ist diese Institution nicht mehr zu retten. War das aus der heutigen Sicht zu sehr zugespitzt? Vieles, was man sich damals gewünscht hatte, hat sich auch heute nicht wirklich geändert.
Söding: Die katholische Kirche ist in einer Krise, das kann man nicht anders sagen. Und diese Krise hat viele Ursachen. Man kann nicht an einem Hebel drehen und diese Probleme sind gelöst. Aber es ist doch wichtig, dass es Fragen nach der Glaubwürdigkeit des Evangeliums auf der einen Seite gibt, nach den Menschen, die wirklich Zeugnis abgeben können. Und auf der anderen Seite gibt es die Frage, wie die Kirche aufgestellt und organisiert ist, damit diejenigen, die etwas zu sagen haben, das auch tun können und dürfen. Das ist ein ganz wichtiger Prozess.
Ich bin mit Jesus gegen die Unheilspropheten, die sofort das Ende der Welt heraufbeschwören. Es ist eine Krise, es tut weh, aber es geht weiter und die Zeit muss genutzt werden. Und dass man das Beste aus den immer begrenzten Möglichkeiten macht, ist vielleicht das größte Hoffnungszeichen.
DOMRADIO.DE: Sie waren auch Berater bei der Weltsynode in Rom. Sehen Sie, dass man sich auf diesem Weg in Deutschland etwas von Rom abgeguckt hat?
Söding: Der Synodale Weg in Deutschland hat sehr viel von der Weltsynode gelernt. Das ist auf der einen Seite durchaus Bestätigung. Es ist richtig, dass wir uns auf einen synodalen Weg machen, dass wir uns den Problemen stellen und gemeinsam Lösungen sucht. Es gibt einzelne Momente, die wir aufgenommen haben, zum Beispiel das "Gespräch im Geist". Das hat insbesondere geholfen, wenn man wieder neu anfangen musste.
Auch, dass die Weltsynode in Prozessen gedacht hat, ist in meinen Augen sehr wichtig. Wenn man so will, hat sie einen langen Atem gehabt. Von diesem Atem haben wir etwas aufsaugen können. Umgekehrt würde ich sagen, dass wir seriös mit den Aufgaben umgehen und die Möglichkeiten der katholische Kirche in Deutschland nutzen. Wenn das für andere Kirchen in der Welt hilfreich ist, ist das gut. Wir bekommen gerade von der Basis sehr viel positives Echo.
Papst Leo XIV. hat bis 2028 ein Zeitfenster geöffnet, in dem man agieren und reflektieren soll. Wir sollten uns an den besten Beispielen orientieren und vielleicht ist das, was wir im kleinen Deutschland machen, ja auch gut für die katholische Kirche insgesamt.
DOMRADIO.DE: Sie beenden den Prozess damit, dass sie die Synodalkonferenz etablieren wollen, wenn die Bischofskonferenz und der Vatikan dem zustimmen. Es gibt vier Bistümer, die an diesem Prozess nicht mitmachen wollen. Schmälert das die Hoffnung?
Söding: Wichtig ist, dass die Bischofskonferenz zur Einheit findet. Diese Einheit braucht sie untereinander. Von einer Bischofskonferenz, in der es so signifikante Abweichungen gibt, hat niemand etwas. Aber wichtig ist auch, dass die Bischofskonferenz nicht nur auf sich selbst schaut, sondern sich synodal einbindet.
Ich bin überzeugt, dass die große Mehrheit der Bischöfe denkt, dass dies ein guter Weg ist. Es ist nicht so, dass irgendein Oberorgan etabliert wird, das durchregiert. Aber es gibt im politischen Feld, in der Neuorientierung der Pastoral und im Umgang mit Steuermitteln gemeinsame Aufgaben. Dafür dass wir jetzt ein Instrument haben, können manche dankbar sein und ich hoffe, dass möglichst alle mitmachen.
Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.