Exponentieller Anstieg der Corona-Zahlen in Indien

Vielen Menschen droht der Hungertod

Fast 80.000 Neuinfektionen täglich zählt Indien mittlerweile. Die Krankenhäuser sind überfüllt, Arztpraxen aus Angst vor eigener Ansteckung geschlossen. Die vielen Tagelöhner sind ohne Arbeit und können ihre Familien nicht mehr ernähren.

Während des Monsuns hilft Urmi Basu, die Gründerin von "New Light", bei der Essensverteilung. (BONO)
Während des Monsuns hilft Urmi Basu, die Gründerin von "New Light", bei der Essensverteilung. / ( BONO )

Galerie: Corona-Epedimie in Indien

DOMRADIO.DE: Herr Wagener, eigentlich ist der Schwerpunkt Ihres Vereins die Bekämpfung von Menschenhandel und Kinderprostitution in Nepal, Indien und Bangladesch. Überall dort arbeiten Sie eng mit Partnerorganisationen zusammen. Seit Beginn der Pandemie, die Indien mit seinen 1,3 Milliarden Menschen auch aufgrund seines schlecht funktionierenden Gesundheitswesens besonders hart trifft, hat sich Ihr Fokus aber nun deutlich verschoben…

Gereon Wagener (Vorsitzender des BONO-Direkthilfe e. V.): Als Ende März das öffentliche Leben in Indien zum Erliegen kam, haben wir umgehend reagiert. Unseren Partnerorganisationen vor Ort, mit denen wir eng zusammenarbeiten, war schnell klar, dass die vielen Wanderarbeiter und Tagelöhner, die sich sonst auf den Baustellen in den Millionenmetropolen Delhi, Mumbai und Hyderabad ihren Lebensunterhalt verdienen, von jetzt auf gleich beschäftigungslos und auch wegen der hohen Ansteckungsgefahr in den Städten zurück in ihre Heimatdörfer drängen würden. In der Tat haben sie sich dann zu Millionen auf einen beschwerlichen Fußmarsch gemacht – oft mehrere hundert Kilometer weit, weil keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr fuhren. Aber sie hatten kaum Lohn, um sich und ihre Familien auf diesem Marsch zu ernähren. Als uns diese Nachrichten erreichten, haben wir sofort entschieden, unsere Partner finanziell dabei zu unterstützen, diesen Menschen mit Lebensmittelpaketen zu helfen oder da, wo das möglich war, warme Mahlzeiten zu reichen.

DOMRADIO.DE: Wie sieht die Lage nun sechs Monate später im Land aus, zumal ja nun auch seit Wochen der Monsun mit seinen Überschwemmungen die Situation der ohnehin schon geschwächten Menschen zusätzlich verschärft?

Wagener: Da Reisen nach Nepal und Indien seit Ende März nicht mehr möglich sind, stehen wir im engen Telefonkontakt mit unseren Partnerorganisationen, die uns die dramatische Lage vor Ort schildern. Zunächst wurde die ökonomische Dimension, die der Lockdown zur Folge hatte und eine Exodus-Welle in Gang gesetzt hat, unterschätzt. Denn nach der Corona-Krise bahnt sich in beiden Ländern nun auch eine Hungerkatastrophe an, zumal Nepal am Warenkorb von Indien hängt. Und wenn es in diesem riesigen Land keine ausreichende Lebensmittelversorgung mehr gibt, zumal der Warenverkehr weitgehend eingestellt worden ist und es erst seit kurzem wieder Lockerungen gibt, dann betrifft das ganz unmittelbar auch die kleineren Nachbarstaaten wie Nepal und Bangladesch. Gerade Nepal lebt vom Tourismus. Der aber ist vollkommen eingebrochen, so dass die Menschen keine Einnahmen haben und die Bevölkerung in die Verschuldung und damit letztlich in die Armut getrieben wird. Kritiker werfen der Regierung vor, dass die ergriffenen Corona-Maßnahmen und deren wirtschaftlichen Folgen mehr Tote fordern könnten als das Virus selbst. Denn mit wachsender Armut und unzureichender medizinischer Versorgung nimmt auch die Sterblichkeit zu.

Hinzu kommt, dass die Infektionszahlen in Indien – und analog dazu auch in Nepal – gerade exponentiell steigen. Momentan werden über 79.000 Neuinfektionen innerhalb nur eines Tages gezählt. Gab es bisher einen eher linearen Verlauf, schießen die Zahlen nun geradezu nach oben. Das heißt, der Wendepunkt der Neuinfektionen ist noch lange nicht erreicht. Daher ist davon auszugehen, dass sich die Situation in den nächsten Monaten noch einmal deutlich verschärfen wird.

DOMRADIO.DE: Wie erklären Sie sich, dass die sich anbahnende Katastrophe – anders als die Zustände in den USA oder Südamerika – nicht im Fokus der Weltöffentlichkeit liegt?

Wagener: Bei den mittlerweile bis zu 300.000 befürchteten Corona-Toten in den USA ist die Zahl 67.000, die nach offiziellen Angaben in Indien der Pandemie zum Opfer gefallen sind, angesichts einer Bevölkerungsdichte von 1,3 Milliarden Menschen vergleichsweise gering. Andererseits ist diese Zahl auch nicht wirklich repräsentativ, zumal nur die in Krankenhäusern registrierten Sterbefälle erhoben werden. Viele Menschen aber leben auf dem Land, wo nicht getestet wird und wo die Menschen zuhause meist ohne medizinische Versorgung sterben und diese Zahlen nicht erfasst werden.

DOMRADIO.DE: Wie sieht es denn grundsätzlich mit der medizinischen Versorgung aus?

Wagener: Die städtischen Krankenhäuser sind überfüllt und längst an ihre Grenzen gestoßen. Und die Arztpraxen sind aus Angst vor eigener Ansteckung geschlossen. Ähnlich wie bei uns im März und April war das öffentliche Leben in den letzten Monaten ja vollkommen lahmgelegt, die Schulen sind immer noch geschlossen, und auch die Verwaltungen und Behörden arbeiten nur bedingt – in Städten wie Delhi und Mumbai, die bis zu 20 Millionen Einwohner haben, sind die Folgen fatal. Die Behörden haben dann in kurzer Zeit große Quarantänestationen in Stadien, Zugabteilen und Hochzeitssälen eingerichtet. Auch eines der Schutzzentren für aus der Zwangsprostitution gerettete Mädchen dient zurzeit als Quarantänestation, wo Mahlzeiten ausgegeben und Lebensmittelpakete verteilt werden.

DOMRADIO.DE: Wie sieht es in den Städten Hyderabad und Kolkata – dem früheren Kalkutta – aus, wo Sie Einrichtungen unterstützen?

Wagener: Auch sie sind stark betroffen. Die Menschen haben keine Arbeit mehr und damit auch kein Einkommen. Sie können die Miete und ihr Essen nicht mehr bezahlen. Am Ende einer solchen Kausalkette stehen Armut und Hunger. Man vermutet, dass durch den wirtschaftlichen Einbruch bis zu 400 Millionen Arbeiterinnen und Arbeiter verarmen. Als die Wanderarbeiter im Frühjahr in Scharen in ihre Heimatdörfer aufs Land gezogen sind, wollten sie sich vor Ansteckung schützen. Nun aber haben sie Hunger und kommen zurück in die Städte. Hier aber gibt es keine Baustellen mehr, für die aktuell Arbeiter gebraucht würden. Auch unser Kinderschutzhaus, das wir gerade in Hyderabad bauen, kann wegen Corona zurzeit nicht fertig gestellt werden. Und dann sind neben den Tagelöhnern in den großen Städten auch besonders die Bauern betroffen, die vielfach ihre Ernte nicht verkaufen konnten. Auch sie haben keine Rücklagen oder sozialen Absicherungen.

DOMRADIO.DE: Wie schätzen Sie die Perspektive dieser Menschen ein?

Wagener: Es herrscht große Verzweiflung, weil viele Menschen vom Hungertod bedroht sind. Außerdem trifft der Monsun, der zusätzlich Krankheiten wie Malaria, das Dengue-Fieber oder Typhus begünstigt – Krankheiten, wie es sie bei uns nicht gibt und die zurzeit völlig von Covid 19 überlagert werden – auf bereits geschwächte Menschen. Alle sieben Partnerorganisationen, mit denen wir in Nepal, Indien und Bangladesch zusammenarbeiten, haben von sich aus die Initiative ergriffen und mit unserer finanziellen Unterstützung aus Deutschland eine Nahrungsmittelversorgung aufgebaut, um die größte Not zu lindern.  Dabei stehen vor allem Frauen und Kinder, die besonders schutzbedürftig sind, in unserem Fokus.

DOMRADIO.DE: Die Bilder aus Indien sind erschütternd. Wie konnten Sie bisher konkret helfen?

Wagener: Natürlich würden wir uns wünschen, noch sehr viel mehr tun zu können, da unsere Möglichkeiten angesichts des unermesslichen Leids auch begrenzt sind. Trotzdem ist unsere Hilfe kein Tropfen auf den heißen Stein. Bislang haben unsere Partner bereits über 900.000 Mahlzeiten und 8.600 Lebensmittelpakete verteilt, die von der BONO-Direkthilfe mitfinanziert wurden. Wir sind sehr dankbar dafür, den notleidenden Menschen vor Ort so unmittelbar und effizient helfen zu können.

DOMRADIO.DE: Was sind die nächsten Ziele?

Wagener: Insgesamt haben wir schon viel erreicht. Doch die Not der Menschen und damit auch der Bedarf weiterer Hilfe sind sehr groß. Mit zusätzlichen Spenden könnten wir noch mehr bewirken, und so möchten wir noch einmal auf unsere 100 Prozent-Garantie hinweisen, mit der wir uns dafür verbürgen, dass jede Spende vollständig und ohne jeden Abzug vor Ort ankommt. Die bestehende Ungleichheit zwischen Ost und West, Nord und Süd ist nur schwer auszuhalten. Aber noch schwerer zu ertragen wäre es, wenn wir überhaupt nichts tun würden. Gerade weil Nepal, Indien und Bangladesch nicht wirklich im Zentrum der aktuellen Berichterstattung stehen, ist es so wichtig, auf die Zustände in diesen Ländern hinzuweisen. Denn es handelt sich um eine Tragödie von enormem Ausmaß, die es trotzdem nicht bis in die Schlagzeilen schafft. Dabei ist der Hunger ja nur die eine Seite der Pandemie. Im Schatten von Corona, so schätzen lokale Hilfsorganisationen, werden Kinderarbeit, häusliche Gewalt und Menschenhandel in den nächsten Jahren aufgrund der gravierenden Not und Verzweiflung der Menschen stark zunehmen.

DOMRADIO.DE: Vermutlich betrifft ja der während der Pandemie zu beobachtende allgemeine Rückgang an Spenden, wie ihn die großen Hilfswerke beklagen, auch Ihren Verein…

Wagener: Angesichts der vielen aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen auch hier bei uns in Deutschland scheint es schwerer geworden zu sein, über den eigenen Tellerrand hinaus zu schauen und sensibel zu werden für die Not von Menschen in fernen Ländern. Gerade deshalb ist es so wichtig, diese Menschen, aber auch die vielen Helfer in unseren Partnerorganisationen nicht aus dem Blick zu verlieren. Niemand sollte sich in dieser schweren Zeit allein gelassen fühlen.

Das Interview führte Beatrice Tomasetti.

Gereon Wagener (BONO)
Gereon Wagener / ( BONO )
Viele Menschen sind wegen der mangelnden Versorgung unterernährt. (BONO)
Viele Menschen sind wegen der mangelnden Versorgung unterernährt. / ( BONO )
Triveni Acharya, die Gründerin der "Rescue Foundation", mit der BONO zusammenarbeitet, bei der Nahrungsmittelverteilung in einem Dorf nahe des Schutzzentrums Boisar. (BONO)
Triveni Acharya, die Gründerin der "Rescue Foundation", mit der BONO zusammenarbeitet, bei der Nahrungsmittelverteilung in einem Dorf nahe des Schutzzentrums Boisar. / ( BONO )
Die Menschen in abgelegenen Dörfern - hier im Süden von Kalkutta - sind oft verzweifelt und haben keine Perspektive mehr. (BONO)
Die Menschen in abgelegenen Dörfern - hier im Süden von Kalkutta - sind oft verzweifelt und haben keine Perspektive mehr. / ( BONO )
In jedem Jahr richtet der Monsun große Schäden auf den Feldern der Bauern an. (BONO)
In jedem Jahr richtet der Monsun große Schäden auf den Feldern der Bauern an. / ( BONO )
Eine Lebensmittelstation, wo vor allem Kinder zu essen bekommen. (BONO)
Eine Lebensmittelstation, wo vor allem Kinder zu essen bekommen. / ( BONO )
Frauen kochen mit Unterstützung von "New Light", das die Lebensmittel zur Verfügung stellt. (BONO)
Frauen kochen mit Unterstützung von "New Light", das die Lebensmittel zur Verfügung stellt. / ( BONO )
Die Teresa-Academy, eine Schule von Maiti Nepal für 350 Schüler, ist vorübergehend als Quarantäne-Zentrum eingerichtet worden. (BONO)
Die Teresa-Academy, eine Schule von Maiti Nepal für 350 Schüler, ist vorübergehend als Quarantäne-Zentrum eingerichtet worden. / ( BONO )
Die Not unter den Kindern in den Elendsvierteln am Rande der Großstädte ist groß. (BONO)
Die Not unter den Kindern in den Elendsvierteln am Rande der Großstädte ist groß. / ( BONO )
Quelle:
DR
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