DOMRADIO.DE: Es war an Heiligabend 1950, als Pius XII. im weißen Rauchmantel und mit goldener Mitra die Heilige Pforte schloss. Das Ereignis soll sehr pompös gewesen sein. Wie kann man sich das vorstellen?
Ulrich Nersinger (Journalist, Theologe und Vatikanexperte): Ich würde es nicht unbedingt 'pompös' nennen. Aber es war eine sehr feierliche, symbolträchtige Angelegenheit. Die Menschen, die vor Ort waren oder es später in der Wochenschau gesehen haben, waren beeindruckt.
Der Papst zog damals als Letzter durch die Heilige Pforte. Dann begab er sich zu einer Kredenz, zu einem kleinen Tischchen neben der Pforte, und segnete dort Mörtel und Kalk – alles, was man zum Mauern braucht. Er nahm drei vergoldete Ziegelsteine und setzte diese auf die Schwelle vor der Heiligen Pforte. Dann kam der Kardinalgroßpönitentiar, der für das Ablasswesen zuständig ist, und setzte drei versilberte Ziegel dazu. Auch Beichtväter von St. Peter kamen und setzten einfache Ziegel, bevor die Arbeiter der Dombauhütte die Heilige Pforte dann provisorisch vermauerten. In den folgenden Tagen wurde sie natürlich noch fachmännisch zugemauert. Damit war die Heilige Pforte in einem eindrucksvollen Zeremoniell mit starker Symbolik verschlossen.
DOMRADIO.DE: Was steckte hinter dieser aufwendigen Zeremonie?
Nersinger: Man wollte zeigen, dass damit das Heilige Jahr abgeschlossen ist und dass in gewisser Weise auch all die Gnadenerweise, die damit verbunden sind, bis zum nächsten Heiligen Jahr ruhen. Es wurde ein Psalm mit einem Vers aus dem Buch Jesaja – Jesaja 22, 22 – gesungen: "Wenn er öffnet, wird niemand schließen. Und wenn er schließt, wird niemand öffnen." Das sollte zeigen, dass der Papst als Stellvertreter Jesu Christi die Vollmacht hat, diesen Akt zu vollziehen und dieses Gnadenerlebnis auf das nächste heilige Jahr hin zu agieren.
DOMRADIO.DE: Wie läuft diese Zeremonie in der heutigen Zeit ab?
Nersinger: Eigentlich sehr schlicht. Es gibt Gebete und Gesänge, aber dann wird ein relativ einfacher Akt das Ganze abschließen. Der Papst oder in den anderen Basiliken der jeweilige Kardinalerzpriester wird zur Pforte gehen und sie zuziehen. Relativ einfach und schlicht. Damit ist die Schließung der Heiligen Pforte vollendet.
DOMRADIO.DE: Sie sagen, dass in dieser Weise der Schließung der Heiligen Pforte mehr Hoffnung steckt. Was meinen Sie damit?
Nersinger: Man hat lange überlegt, wieso die Päpste sich entschlossen haben, die Heilige Pforte nach dem Tag der Schließung nicht mehr zu vermauern; oder nur von der Innenseite und den Blick auf die Pforte von Außen weiterhin zuzulassen. Die Päpste und ihre Zeremonienmeister haben immer wieder betont, dass dies ein Akt der Hoffnung sein soll.
Die Gläubigen sollen wissen, dass nun zwar eine Schließung der Heiligen Pforte erfolgt ist, aber Gott seine Gnade, seine Hilfe und seinen Zuspruch den Gläubigen während dieser Zeit nicht versagt - und die Hoffnung bleibt, dass die Pforte eines Tages, zum nächsten Heiligen Jahr, wieder geöffnet wird.
Das Interview führte Lara Burghardt.