DOMRADIO.DE: Die Kirche gehört zum Bistum Rom, der zuständige Bischof ist der Papst. Der Vatikan hat bestimmt, dass das gemalte Porträt nicht bleiben darf. Was halten Sie von dieser Entscheidung?
Ulrich Nersinger (Vatikanexperte): Zunächst einmal glaube ich, dass das weniger der Vatikan war, sondern die Diözese Rom. Der Kardinalvikar und seine Leute sind zuständig. Ich denke auch, dass der Papst nicht direkt eingegriffen hat. Das würde ich für sehr seltsam halten.
DOMRADIO.DE: Die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni nahm die vermeintliche Ähnlichkeit mit Humor. Wer ist für das Fresko verantwortlich, und was hat derjenige dazu gesagt?
Nersinger: Das ist – soweit ich weiß – ein Amateurmaler gewesen, der die Restaurierung vorgenommen hat. Er hat anscheinend auch ein gewisses Faible für Meloni, sodass er sie in seine Arbeit hat einfließen lassen.
DOMRADIO.DE: Gab es schon einmal einen solchen Ärger um Menschen, die auf Bildern oder Wandmalereien aufgetaucht sind, wie es beim Meloni-Engel der Fall ist?
Nersinger: Ja. Wenn wir einen Blick auf die europäischen Kathedralen werfen, finden wir eine Vielzahl von Darstellungen damaliger Zeitgenossen, von denen manche auch in ihrer Zeit kritisch gesehen wurden. Solche Darstellungen waren in der Geschichte fast normal.
DOMRADIO.DE: Wie bewerten Sie das, was in der letzten Woche in Rom abgelaufen ist?
Nersinger: Ich halte das Verhalten für sehr kleinkariert. Meiner Meinung nach hätte man die Situation ruhig nutzen können. Natürlich ist es nicht einfach für einen Pfarrer, wenn viele Menschen in die Kirche strömen, um sich das Fresko anzuschauen, aber es wäre auch eine Chance gewesen, mit den Besuchern ins Gespräch zu kommen. Insgesamt wurde meiner Ansicht nach ein bisschen zu kleinkariert reagiert.
DOMRADIO.DE: Schon Michelangelo war damals im Gespräch für seine Kunst.
Nersinger: Ja, Michelangelo hatte einige Personen auf seinem Jüngsten Gericht sehr nackt dargestellt. Das erregte den Zeremonienmeister Papst Pauls III. so sehr, dass er darauf bestand, die Figuren übermalen zu lassen, und lautstark Kritik zu üben. Michelangelo revanchierte sich auf seine Weise. Er setzte den Zeremonienmeister im Jüngsten Gericht in die Hölle und stattete ihn dabei noch mit Eselsohren aus.
DOMRADIO.DE: Etwa einhundert Jahre später gab es im 16. Jahrhundert um Caravaggio, einen berühmten Kollegen von Michelangelo, einiges Aufsehen. Was war da los?
Nersinger: Ja, Caravaggio hat viele Altarbilder gemalt und für die Darstellungen der Heiligen brauchte er Modelle. Diese nahm er aus dem Straßenleben. Darunter waren nicht nur Bettler, sondern auch Prostituierte und Strichjungen. Das sorgte für Aufregung, denn man erkannte in der Kirche Menschen, die man aus eher negativen Zusammenhängen von der Straße kannte.
DOMRADIO.DE: Es gab immer wieder Ärger über Darstellungen von Zeitgenossen auf Wandmalereien oder Bildern im Vatikan. Inwiefern lässt sich daraus ein Geschäftsmodell machen?
Nersinger: Ja, das Geschäftsmodell hat das Garde-Museum der Schweizer Garde in Naters im Kanton Wallis umgesetzt. Sie wollten Gelder sammeln – sowohl für das Museum als auch für die Schweizer Garde. Dafür gaben sie Gemälde in Auftrag, die die Schlacht um Rom, die berühmte "Sacco di Roma", bei der viele Schweizer Gardisten ums Leben kamen, thematisierten. Ehemalige oder aktive Schweizer Gardisten konnten sich darin abbilden lassen, und ihr Gesicht so für die Darstellung der Gardisten oder Landsknechte zur Verfügung stellen. Dafür musste ein Obolus von etwa 500 bis 2.500 Schweizer Franken gezahlt werden. Das war ein lukratives Projekt für die Schweizer Garde.
Dieses Interview führte Carsten Döpp.