DOMRADIO.DE: Was steckt hinter den zwei Lämmern, die von Papst Leo gesegnet worden sind?
Ulrich Nersinger (Vatikanexperte und Buchautor): Die Lämmerweihe in Sant'Agnese fuori le mura ("St. Agnes vor den Stadtmauern") in Rom hat eine ungeheure Symbolkraft. Sant'Agnese ist eine Kirche, die über dem Grab einer frühchristlichen Märtyrerin errichtet wurde, die für Unschuld und Opferbereitschaft steht.
Die Lämmer sind nicht nur Wollspender, sondern stehen auch symbolisch für die Herde Christi. Vielleicht kennt der eine oder andere noch dieses alte Bild aus den Katakomben in Rom: Christus als "Pastor Bonus", der als guter Hirt ein Lamm auf seinen Schultern trägt.
DOMRADIO.DE: Seit wann gibt es diesen Brauch?
Nersinger: Im vierten Jahrhundert soll Kaiser Konstantin der Große dem Papst das Pallium geschenkt haben. Das Pallium war ursprünglich ein kaiserliches Würdezeichen, ein Gewandstück, das der Kaiser als Zeichen seiner Vollmacht und Autorität über das Imperium trug.
Später erhielten auch die Metropolitan-Erzbischöfe ein Pallium als Zeichen ihres Hirtenamtes und ihrer Verbundenheit mit dem Papst. Es ist ein sehr bedeutendes Gewandstück sowohl für den Papst als auch für die Metropoliten. Wenn der Papst heute eine Messe zelebriert, sehen wir das Pallium: ein Wollband mit Kreuzen, das er auf den Schultern trägt. Und die Agnes-Lämmer spenden die Wolle für dieses Pallium.
DOMRADIO.DE: Als die zwei Lämmer am Dienstag in die Kirche St. Agnes in Rom getragen wurden, gab es viel Applaus und Beifall. Warum ist das so?
Nersinger: Wenn die Lämmer mit Applaus und Beifallsrufen in die Basilika hineingetragen werden, hat das fast Volkscharakter. Das ist ein besonderes Ereignis für die Menschen. Die Lämmer sind zudem festlich geschmückt, sie tragen Lorbeerkränze und Blumen. In Körben liegend, werden sie auf den Altar gelegt.
Anschließend ruft der Zelebrant den Segen auf sie herab und bittet ausdrücklich darum, dass der Segen Gottes auf die Wolle und auf die späteren Träger des Palliums übergeht. Danach werden die Lämmer in den Vatikan gebracht.
DOMRADIO.DE: Dort werden die Agnes-Lämmer dem Papst präsentiert. Wie unterschiedlich haben die Päpste dies gehandhabt?
Nersinger: Papst Franziskus stand römischen Bräuchen eher distanziert gegenüber. Im Jahr 2017 hat er die Agnes-Lämmer letztmals empfangen. Papst Leo hingegen scheint den Brauch wiederbeleben zu wollen. Er spürt offenbar, wie wichtig diese Symbolik ist.
Die Lämmer werden ihm präsentiert, und er erhält dadurch einen sehr konkreten Bezug zu dem, was er selbst trägt: zum Pallium bei der Messe und zu dessen tiefer Bedeutung.
DOMRADIO.DE: Weiß man denn, was später mit den Lämmern passiert?
Nersinger: Die Lämmer werden in ein Kloster im römischen Stadtteil Trastevere gebracht und dort von Nonnen geschoren. Die Wolle wird anschließend mit anderer Wolle vermischt, und daraus wird das Pallium hergestellt. Den Lämmern passiert also nichts Schlimmes. Im Gegenteil: Sie bekommen ein angenehmes Leben.
Es ist gut vorstellbar, dass sie später nach Castel Gandolfo gebracht werden. Dort unterhält der Vatikan eine vorbildlich gepflegte Landschaft, und ich kann mir durchaus vorstellen, dass die Lämmer dort ihren Lebensabend verbringen dürfen.
Das Interview führte Lara Burghardt.