Vatikanexperte erklärt Bedeutung der Agnes-Lämmer

"Ungeheure Symbolkraft"

Am Gedenktag der heiligen Agnes segnet der Papst traditionell zwei lebende Lämmer, aus deren Wolle später das Pallium gefertigt wird. Warum Papst Leo XIV. den römischen Brauch wieder aufgreift, erklärt Vatikanexperte Ulrich Nersinger.

Autor/in:
Lara Burghardt
Papst Leo XIV. empfängt zum Gedenktag der heiligen Agnes Lämmer, sogenannte Agnes-Lämmer, deren Wolle zur Herstellung von Pallien dient / © Vatican Media (KNA)
Papst Leo XIV. empfängt zum Gedenktag der heiligen Agnes Lämmer, sogenannte Agnes-Lämmer, deren Wolle zur Herstellung von Pallien dient / © Vatican Media ( KNA )

DOMRADIO.DE: Was steckt hinter den zwei Lämmern, die von Papst Leo gesegnet worden sind?

Ulrich Nersinger (Vatikanexperte und Buchautor): Die Lämmerweihe in Sant'Agnese fuori le mura ("St. Agnes vor den Stadtmauern") in Rom hat eine ungeheure Symbolkraft. Sant'Agnese ist eine Kirche, die über dem Grab einer frühchristlichen Märtyrerin errichtet wurde, die für Unschuld und Opferbereitschaft steht. 

Die Lämmer sind nicht nur Wollspender, sondern stehen auch symbolisch für die Herde Christi. Vielleicht kennt der eine oder andere noch dieses alte Bild aus den Katakomben in Rom: Christus als "Pastor Bonus", der als guter Hirt ein Lamm auf seinen Schultern trägt.

DOMRADIO.DE: Seit wann gibt es diesen Brauch?

Nersinger: Im vierten Jahrhundert soll Kaiser Konstantin der Große dem Papst das Pallium geschenkt haben. Das Pallium war ursprünglich ein kaiserliches Würdezeichen, ein Gewandstück, das der Kaiser als Zeichen seiner Vollmacht und Autorität über das Imperium trug. 

Später erhielten auch die Metropolitan-Erzbischöfe ein Pallium als Zeichen ihres Hirtenamtes und ihrer Verbundenheit mit dem Papst. Es ist ein sehr bedeutendes Gewandstück sowohl für den Papst als auch für die Metropoliten. Wenn der Papst heute eine Messe zelebriert, sehen wir das Pallium: ein Wollband mit Kreuzen, das er auf den Schultern trägt. Und die Agnes-Lämmer spenden die Wolle für dieses Pallium.

Papst Leo XIV. erhält während der Messe zur Amtseinführung das Pallium
Papst Leo XIV. erhält während der Messe zur Amtseinführung das Pallium

DOMRADIO.DE: Als die zwei Lämmer am Dienstag in die Kirche St. Agnes in Rom getragen wurden, gab es viel Applaus und Beifall. Warum ist das so?

Nersinger: Wenn die Lämmer mit Applaus und Beifallsrufen in die Basilika hineingetragen werden, hat das fast Volkscharakter. Das ist ein besonderes Ereignis für die Menschen. Die Lämmer sind zudem festlich geschmückt, sie tragen Lorbeerkränze und Blumen. In Körben liegend, werden sie auf den Altar gelegt.

Anschließend ruft der Zelebrant den Segen auf sie herab und bittet ausdrücklich darum, dass der Segen Gottes auf die Wolle und auf die späteren Träger des Palliums übergeht. Danach werden die Lämmer in den Vatikan gebracht.

Ulrich Nersinger

"Papst Leo scheint den Brauch wiederbeleben zu wollen."

DOMRADIO.DE: Dort werden die Agnes-Lämmer dem Papst präsentiert. Wie unterschiedlich haben die Päpste dies gehandhabt?

Nersinger: Papst Franziskus stand römischen Bräuchen eher distanziert gegenüber. Im Jahr 2017 hat er die Agnes-Lämmer letztmals empfangen. Papst Leo hingegen scheint den Brauch wiederbeleben zu wollen. Er spürt offenbar, wie wichtig diese Symbolik ist. 

Die Lämmer werden ihm präsentiert, und er erhält dadurch einen sehr konkreten Bezug zu dem, was er selbst trägt: zum Pallium bei der Messe und zu dessen tiefer Bedeutung.

Papst Franziskus segnet am 21. Januar 2017, dem Gedenktag der heiligen Agnes, im Vatikan zwei Agnes-Lämmer, deren Wolle zur Herstellung von Pallien dient. / © Osservatore Romano/Romano Siciliani (KNA)
Papst Franziskus segnet am 21. Januar 2017, dem Gedenktag der heiligen Agnes, im Vatikan zwei Agnes-Lämmer, deren Wolle zur Herstellung von Pallien dient. / © Osservatore Romano/Romano Siciliani ( KNA )

DOMRADIO.DE: Weiß man denn, was später mit den Lämmern passiert?

Nersinger: Die Lämmer werden in ein Kloster im römischen Stadtteil Trastevere gebracht und dort von Nonnen geschoren. Die Wolle wird anschließend mit anderer Wolle vermischt, und daraus wird das Pallium hergestellt. Den Lämmern passiert also nichts Schlimmes. Im Gegenteil: Sie bekommen ein angenehmes Leben. 

Es ist gut vorstellbar, dass sie später nach Castel Gandolfo gebracht werden. Dort unterhält der Vatikan eine vorbildlich gepflegte Landschaft, und ich kann mir durchaus vorstellen, dass die Lämmer dort ihren Lebensabend verbringen dürfen.

Das Interview führte Lara Burghardt.

Pallium

Der Begriff "Pallium" stammt aus dem Lateinischen und bedeutet "Hülle". Ursprünglich bezeichnet es ein mantelähnliches Obergewand der Römer. Seit dem sechsten Jahrhundert gehörte das Pallium zur Kleiderordnung der Päpste, die es dann auch bestimmten Bischöfen als Auszeichnung verliehen. Seit Mitte des 9. Jahrhunderts waren die Erzbischöfe verpflichtet, sich das Pallium vom Papst zu erbitten; erst danach durften sie ihr Hirtenamt als Metropolitanbischöfe ausüben.

Pallium auf einem Samtkissen / © Ralf Adloff (KNA)
Pallium auf einem Samtkissen / © Ralf Adloff ( KNA )
Quelle:
DR

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