Alte Thora-Rolle aus Bayern kommt in Berlin zu höchsten Ehren

"Unverwüstliches Beweisstück lebendiger jüdischer Kultur"

Dies ist die Geschichte einer wundersamen Rettung. Sie führt aus der Oberpfalz über Israel in die Bundeshauptstadt. Sie handelt von einem ausgebleichten Pergament, vor dem sich nun die Spitzen des Staates versammeln.

Symbolbild Thorarolle / © Pedro Gutierrez (shutterstock)
Symbolbild Thorarolle / © Pedro Gutierrez ( shutterstock )

"Durch einen scharfen Ostwind", so ist in einer Chronik festgehalten, gerät am 9. Juni 1822 im oberpfälzischen Sulzbach ein Feuerwerk außer Kontrolle. Die halbe Stadt brennt ab, auch die Synagoge. Am Ende liegen 239 Gebäude in Schutt und Asche.

2015 findet der neu ins Amt gekommene Amberger Rabbiner Elias Dray im Thoraschrein seiner Israelitischen Kultusgemeinde eine vergilbte Schriftrolle, die es nach menschlichem Ermessen gar nicht mehr geben dürfte. Auf dem hölzernen Griff entziffert er das Entstehungsjahr: 1792. Das Pergament mit den ersten fünf Büchern der Bibel hat mehrere Katastrophen überdauert, den verheerenden Sulzbacher Stadtbrand und die Novemberpogrome von 1938.

"Unverwüstliches Beweisstück lebendiger jüdischer Kultur"

Der Sulzbacher Heimatpfleger Markus Lommer spricht von einem "unverwüstlichen Beweisstück lebendiger jüdischer Kultur". An diesem Mittwoch kommt es beim zentralen Gedenkakt für die Opfer des Nationalsozialismus im Bundestag zu höchsten Ehren. Frisch in Israel restauriert, wird die Handschrift im Andachtsraum des Parlaments feierlich fertiggestellt.

Alle Verfassungsorgane, vom Bundespräsidenten bis zum obersten Verfassungsrichter, fungieren als Paten, wenn ein ritueller Schreiber (Sofer) nach altem Brauch die letzten zwölf Buchstaben aufträgt, mit Federkiel und Spezialtinte, von rechts nach links. Kein Buchstabe darf an den anderen anstoßen, sonst ist alle Arbeit umsonst. Es ist ein symbolgeladener Akt in einem besonderen Jahr. 2021 wird gefeiert, dass es seit 1.700 Jahren jüdisches Leben in Deutschland gibt.

In Sulzbach existierte bis 1851 eine der fünf größten hebräischen Buchdruckereien der Welt. Deshalb ist das Städtchen bis heute auch Juden in Übersee ein Begriff. "Sulzbacher" nannte man jüdische Gebetbücher, die den Söhnen traditionell zur Feier ihrer Religionsmündigkeit (Bar Mizwa) geschenkt wurden.

1934 musste sich die Kultusgemeinde in Sulzbach wegen Mitgliederschwunds auflösen. Alle liturgischen Gegenstände wanderten ins benachbarte Amberg, darunter auch besagte Schriftrolle. Dort bekam ein jüdischer Religionslehrer rechtzeitig vor der Schändung der Synagoge durch die Nazis einen warnenden Tipp. Die Rolle überdauerte in einem Versteck. An der Aktion waren auch mehrere Nichtjuden beteiligt.

Den Krieg in Amberg überlebte nur ein Gemeindemitglied. Polnische Holocaust-Überlebende und andere jüdische Displaced Persons aus der Umgebung sorgten aber schon bald für eine Renaissance. Der erste Gottesdienst fand bereits im Spätsommer 1945 statt. Die Schriftrolle, vom Bürgermeister zunächst an die US-Militärs übergeben, wurde zurückerstattet - und dann bis zu ihrer Wiederauffindung für weitere 70 Jahre vergessen.

Nicht mehr koscher

Zu gebrauchen war sie in der Synagoge nicht mehr. Schon wenn ein Buchstabe beschädigt ist, gilt eine Thorarolle als nicht mehr koscher. Bei dieser, erzählt Rabbiner Dray, war praktisch der komplette Text verblichen. Dray ließ bei Experten in Israel den Restaurierungsaufwand schätzen: zwei Jahre Arbeit, etwa 45.000 Euro. Viel zu teuer für Drays Gemeinde von nicht einmal 150 Mitgliedern.

An dieser Stelle kommt die damalige Amberger Bundestagsabgeordnete Barbara Lanzinger (CSU) ins Spiel. Ohne die Kultusgemeinde vorab zu informieren, nimmt sie Kontakt mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters und Haushaltspolitikern in Berlin auf - mit Erfolg. Das Parlament genehmigt Mittel aus dem Sonderprogramm zum Erhalt des schriftlichen Kulturguts in Deutschland, der Weg zur Restaurierung ist frei. "Ich bin heute noch stolz darauf, dass das gelungen ist", sagt sie am Telefon.

Nach ihrem Auftritt in Berlin kommt die Rolle zunächst für ein paar Monate erneut unter Verschluss, bevor sie am 20. Juni im Amberger Rathaus feierlich in Empfang genommen und die 250 Meter zur Synagoge in einer Prozession transferiert wird. Dort soll sie dann auch wieder im Gottesdienst verwendet und nicht nur wie ein Museumsstück ausgestellt werden, versichert der Rabbiner.

Daraus vorzulesen ist im Übrigen kein Privileg der Rabbiner, erfordert aber intime Kenntnisse des Althebräischen, das ohne Punkt, Komma und Vokale auskommt.

Autor/in:
Christoph Renzikowski
Quelle:
KNA
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