Gedenkgottesdienst in Aachen für die Flutopfer

"Trauer in Worte fassen"

Wie kann die Flutkatastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz verarbeitet werden? Ein Gedenkgottesdienst im Aachener Dom soll helfen, den Betroffene und Vertreter aus Politik und Religion am Samstag gemeinsam feiern werden.

Blick auf den Aachener Dom / © engel.ac (shutterstock)

DOMRADIO.DE: An diesem Samstag um 10 Uhr begehen die beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland im Aachener Dom einen Gedenkgottesdienst für die Betroffenen den Flutkatastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. DOMRADIO.DE überträgt den Gottesdienst live. Warum ist dieser Gottesdienst den beiden christlichen Kirchen in Deutschland ein so großes Anliegen?

Matthias Kopp (Pressesprecher der Deutschen Bischofskonferenz): Den beiden christlichen Kirchen und der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen ist es ein Anliegen - vor allem auch nach den Erfahrungen des Corona-Gottesdienstes am 18. April - auf den Staat zuzugehen, um ein nationales Gedenken in Deutschland zu setzen. Wir haben überlegt, dass es am besten ist, wenn wir es einige Wochen nach dieser fürchterlichen Flutkatastrophe machen.

Es wird noch immer aufgeräumt, noch immer werden Handwerker gesucht und gebraucht. Noch immer sind Menschen vermisst. In dieser Situation haben wir gesagt: Wir brauchen einen Moment des Gedenkens, wo die Trauer ins Wort gefasst wird. Das wird an diesem Samstag in Aachen sein.

DOMRADIO.DE: Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier werden auch in Aachen sein, außerdem viele Politiker aus Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Das ist ein starkes Zeichen, das von Aachen ausgehen wird, oder?

Kopp: Es kommen alle fünf Verfassungsorgane der Bundesrepublik. Es kommen zwei Ministerpräsidenten und es kommen Vertreter aus den Kirchen, evangelisch, katholisch. Und es kommen Vertreter aus den Niederlanden, aus Luxemburg, aus Belgien. Diese europäische Dimension ist uns ebenfalls wichtig, weil die Flutkatastrophe über unsere Grenzen hinausging. Deshalb sind wir froh, dass wir so viele Zusagen haben. Es kommen auch Muslime und Juden. Aus diesem Grund wird es auch eine interreligiöse Komponente in diesem Gottesdienst geben.

DOMRADIO.DE: Da werden dann auch Betroffene der Flutkatastrophe im Gottesdienst zu Wort kommen. Was ist da geplant?

Kopp: Wir haben Betroffene eingeladen, die ein persönliches Schicksal in dieser Katastrophe erfahren mussten. Es sind Menschen, deren Tochter beim Feuerwehreinsatz ums Leben gekommen ist, außerdem Menschen, denen das Haus weggerissen worden ist. Es sind aber auch Helfer dabei, die in der Notfallseelsorge unterwegs waren, auch das Technische Hilfswerk, die Bundeswehr, die Polizei kommen - also alle, die irgendetwas mit der Katastrophe zu tun haben.

Und gerade den Betroffenen wollen wir eine Stimme geben. Sie werden Klagepsalmen morgen in diesem Gottesdienst rezitieren - aus christlicher Sicht, aus jüdischer Sicht und aus muslimischer Sicht.

DOMRADIO.DE: Die Kirchen wollen der Trauer über die 181 Toten Ausdruck geben, andererseits aber auch Mut machen und die große Solidarität würdigen. Wie kann das gelingen, Mut zu machen in einer scheinbar doch so ausweglosen Lage?

Kopp: Es ist schwierig und es wird eine Herausforderung sein, das richtige Wort zu finden. Da setzen wir auf die beiden Predigten von dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Bedford-Strohm und dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Bätzing. Vor allem sind es aber auch die Texte aus der Heiligen Schrift, die wir ausgewählt haben, die etwas von der Klage ins Wort fassen, aber auch immer wieder von da aus die Hoffnung nennen, die damit verbunden ist. Denn die Klagepsalmen des Alten Testaments haben immer am Ende auch diesen Aspekt der Hoffnung. Den versuchen wir rüberzubringen, letzten Endes auch in der eindrucksvollen Musik, die zu hören sein wird.

DOMRADIO.DE: Welche Bedeutung haben solche zentralen Gedenkakte wie der in Aachen mit Spitzenvertretern aus Politik und Religionsgemeinschaften für den Zusammenhalt der Gesellschaft?

Kopp: Sie zeigen, dass dieses Land zusammensteht und dass die Opfer, die Betroffenen, die Hinterbliebenen nicht vergessen sind. Diese Flutkatastrophe ist jetzt sechs Wochen her. Und trotzdem sind uns die Bilder in Erinnerung. Das kann man nicht einfach abhaken. Deshalb sind solche Momente ein wichtiges Zeichen. Aus der Erfahrung des Gedenkgottesdienstes, der für die Hinterbliebenen der Corona-Pandemie im April in Berlin gefeiert wurde, haben wir gesagt: Dieses nationale Gedenken über die europäischen Grenzen hinaus brauchen wir auch für diese Flutkatastrophe.

Das Interview führte Carsten Döpp.

Matthias Kopp, Pressesprecher der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) / © Julia Steinbrecht (KNA)
Matthias Kopp, Pressesprecher der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) / © Julia Steinbrecht ( KNA )
Die Flutkatastrophe im Sommer hat auch Kirchen und die kirchliche Arbeit getroffen / © Henning Schoon (KNA)
Die Flutkatastrophe im Sommer hat auch Kirchen und die kirchliche Arbeit getroffen / © Henning Schoon ( KNA )
Nach dem Hochwasser in Nordrhein-Westfalen / © Oliver Berg (dpa)
Nach dem Hochwasser in Nordrhein-Westfalen / © Oliver Berg ( dpa )
Hochwasser-Folgen in Bad Münstereifel / © Oliver Berg (dpa)
Hochwasser-Folgen in Bad Münstereifel / © Oliver Berg ( dpa )
Zerstörter Friedhof in Ahrweiler / © Harald Oppitz (KNA)
Zerstörter Friedhof in Ahrweiler / © Harald Oppitz ( KNA )
Quelle:
DR
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