Toleriert der Vatikan Segnungsfeiern für Liebende?

"Generell hat die Kirche nichts gegen Homosexuelle"

Bei der Aktion "Liebe gewinnt" werden erneut bundesweit auch homosexuelle Paare gesegnet. Trotz versöhnlicher Signale der Bischöfe lässt sich die Aktion schwer mit der offiziellen Lehre vereinbaren, erklärt Moraltheologe Rudolf Hein.

Segnung homosexueller Paare in München / © Felix Hörhager (dpa)
Segnung homosexueller Paare in München / © Felix Hörhager ( dpa )

DOMRADIO.DE: Ganz kurz auf den Punkt gebracht: Was hat die Kirche gegen Homosexuelle?

Prof. Dr. Rudolf Hein (privat)
Prof. Dr. Rudolf Hein / ( privat )

Prof. Dr. Rudolf Hein (Professor für Moraltheologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Münster): Generell hat die Kirche nichts gegen Homosexuelle. Das muss man ganz klar betonen. Es sind Menschen wie du und ich. Es sind Menschen, die versuchen aufrecht ihr Christentum zu leben.

Auf der anderen Seite hat die katholische Kirche dadurch ein Problem, dass sie aufgrund ihrer Interpretationen bestimmter biblischer Zeugnisse meint, den homosexuellen Akt als widernatürlich verurteilen zu müssen. Das ist das eigentliche Problem. Davon ist die katholische Kirche nicht wirklich abgegangen und hat das wiederum auf ihre Ehe-Theologie übertragen.

Das heißt, wenn innerhalb einer solchen Verbindung ein sogenannter widernatürlicher Verkehr stattfindet, dann kann eine solche Verbindung natürlich nicht "legitimierbar" sein, schon gar nicht im Sinne einer Ehe, weil eine Ehe aus naturrechtlicher Argumentation als Verbindung zwischen Mann und Frau zur Erzeugung von Nachkommenschaft definiert wird.

Erneut Segen in katholischen Kirchen auch für homosexuelle Paare

Zur Zeit läuft die zweite Auflage der bundesweiten Segensaktion für hetero- und homosexuelle Paare in katholischen Kirchen. Unter dem Motto "Liebe gewinnt" sind alle Paare - ausdrücklich auch gleichgeschlechtliche - zu Segnungsgottesdiensten eingeladen.

Auf der Aktionsseite www.liebegewinnt.de sind derzeit insgesamt rund 80 Gottesdienste im Bundesgebiet, einer in der Schweiz sowie Online-Segensfeiern eingetragen. Etliche Veranstaltungen finden am zentralen Aktionstag am 10. Mai statt. 

Homosexuelles Paar in einer Kapelle / © Harald Oppitz (KNA)

DOMRADIO.DE: Der Vatikan hat im vergangenen Jahr festgestellt, dass er diese Segnungen nicht akzeptiert. Die Aktion "Liebe gewinnt" war und ist eine Reaktion darauf. Nun haben die deutschen Bischöfe angekündigt, nicht einzuschreiten und auch aus dem Vatikan ist bislang nichts zu hören. Meinen Sie, dass es langfristig so bleibt, dass man das stillschweigend toleriert?

Hein: Das ist eine Frage, die eher an die "Vatikanisti", an die Orakelseher unter den Theologen gestellt werden müsste. Das ist sehr schwer zu beurteilen: Wie wird der Vatikan in Zukunft auf die Praxis der Bischöfe reagieren, solche Segnungen zuzulassen, obwohl es dieses "Responsum ad dubium" schon gibt, wo gesagt wurde, die Kirche hätte nicht die Vollmacht, Verbindungen von Personen gleichen Geschlechts zu segnen?

Ich vermute mal, dass man zumindest bis zur nächsten Bischofssynode Stillschweigen darüber halten wird. Dann wird sich das vielleicht nochmal in einer Diskussion weiter entspinnen und weiter entfalten.

DOMRADIO.DE: Das Bistum Essen hat angekündigt, dass mit Weihbischof Ludger Schepers bei dieser zweiten Aktion von "Liebe gewinnt" erstmals ein Bischof bei einer solchen Segensfeier dabei sein wird. Er ist der Beauftragte der deutschen Bischöfe für den Kontakt zu pastoral queeren Menschen. Ist das nicht schon einmal ein Fortschritt?

Hein: Das ist sicherlich in diesem Sinne ein Fortschritt. Und es ist sicherlich auch ein klares, deutliches Zeichen gegenüber Rom.

DOMRADIO.DE: Auch der Synodale Weg in Deutschland hat sich in dieser Frage zur Homosexualität schon klar positioniert. Diese kirchliche Lehrmeinung dazu wird sicherlich auch Thema bei der Synode sein, das haben Sie schon gesagt. Aber meinen Sie, dass es wirklich zu einer Änderung kommen kann?

Hein: Ich frage mich das aus praktischen Gründen, nicht so sehr aus theologischen Gründen, weil es da unterschiedliche Positionen aus verschiedenen Teilen der Weltkirche gibt und geben wird. Und diese Positionen sind nicht leicht mit irgendwelchen theologischen Argumenten auszuräumen.

Die Lagerbildung ist ja schon lange vollzogen und ich frage mich, ob sie das jetzt geschickt überbrücken können. Man merkt allerdings schon an Texten wie dem Katechismus der Katholischen Kirche zur Homosexualität, dass man da versucht hat, sich ein wenig durchzulavieren.

Und genauso ist dieser Text der Kongregation für die Glaubenslehre zu interpretieren. Auch da sind schon verschiedene Tendenzen drin sind. Also, es ist gar nicht einheitlich. Das heißt, eine schnelle, einfache und klare Lösung kann ich mir so nicht vorstellen.

DOMRADIO.DE: Wenn wir noch mal auf die Aktion "Liebe gewinnt" schauen, haben viele Geistliche angekündigt, dass sie wieder mitmachen werden. Aber nicht alle. Ein Priester aus dem Erzbistum München sagt zum Beispiel, letztes Jahr sei die Aktion super als Widerstand gegen Rom gewesen. Aber wenn man das jetzt ständig wiederhole, dann werde das irgendwie normal und dann brauche man nichts an der Lehre zu ändern. Was halten Sie von dieser Position?

Hein: Die Position finde ich jetzt etwas merkwürdig, denn auch aufgrund dieser Lagerbildung wird sich an der offiziellen Lehre sehr wahrscheinlich so schnell nichts ändern.

Es ist schon bedeutend, dass die Katholische Kirche in Deutschland diese Zeichen setzt. Zumindest auch, um diese Diskussionen einmal nach vorne zu bringen und inhaltlich zu beleben - auch von der äußeren Praktikabilität her.

Das heißt aber nicht, dass man eben schnell eine Änderung der römischen Position herbeiführen kann. Ob sie diese Segnung in Deutschland durchführen oder nicht durchführen, wird meines Wissens keinen wesentlichen Einfluss auf diese Position haben.

Aber das sind alles Spekulationen, weil ich natürlich nicht weiß, welches Gewicht die deutsche Position innerhalb der römischen Diskussion hat.

Das Interview führte Hannah Krewer.

Quelle:
DR