DOMRADIO.DE: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, nach biblischen Motiven bei Star Wars zu suchen?
Simone Paganini (Theologe und Bibelwissenschaftler): Das hat einen biografischen Grund. Ich war damals acht oder neun Jahre alt und bekam an Weihnachten als Geschenk ein Modell des Millenniumfalken, des berühmten Raumschiffs von Han Solo aus Star Wars. Seitdem bin ich Fan.
Als ich dann schließlich irgendwann angefangen habe, mich mit der Bibel zu beschäftigen, kamen automatisch die Verbindungen zu den biblischen Erzählungen und Motiven, die man in der Star-Wars-Trilogie sehen kann. 2022 feierte Star Wars 45. Jubiläum. Zu der Zeit entstand mit dem Herder Verlag die Idee, ein Buch daraus zu machen.
DOMRADIO.DE: Anakin Skywalker wird von seiner Mutter geboren und wächst erstmal ohne Vater auf. Der Verheißung nach ist er der Auserwählte. Das erinnert an die Jungfrauengeburt. Skywalker heißt zudem übersetzt Himmelsgänger. Glauben Sie, das ist von der Bibel inspiriert?
Paganini: Das ist die Frage aller Fragen. Genau diese Motive werden häufig mit der Bibel in Verbindung gebracht: Eine jungfräuliche Geburt und sofort läuten die Alarmglocken und man zieht den Bezug zu Jesus und der Jungfrau Maria. Noch dazu ist der geborene Mann der Auserwählte. Das hat messianische Züge.
Das sind spannende Parallelen mit der Messiaserwartung und der Verheißung, die gegeben und dann auch eingelöst wird. Es geht um eine Figur, die die ganze Welt rettet. Noch dazu der Kampf zwischen Gut und Böse. Die Parallelen sind auf jeden Fall da. Die Frage ist, ob sie absichtlich oder zufällig gewählt sind.
Natürlich ist Star Wars keine Verfilmung religiöser Inhalte. Der Erfinder von Star Wars, George Lucas, arbeitet jedoch massiv damit. Die Bibel ist ein Buch, das die westliche Kultur wie kein anderes beeinflusst hat. Es wäre daher verwunderlich, wenn solche Motive nicht auftauchen würden. Bei der Figur von Anakin Skywalker, der später zu Darth Vader wird, kann man keine Parallele zu Jesus sehen, obwohl die jungfräuliche Geburt stark auffällt.
Bei ihm geht es mehr um eine tragische Retterfigur, wie wir sie vor allem in den Büchern des Alten Testamentes vorfinden, ähnlich den Richtern Simson oder Gideon. Beide galten als Helden des Volkes Israel. Sie hätten etwas Positives bewirken sollen, sind jedoch kläglich gescheitert und dann zu negativen Modellen geworden. Am Ende wurden sie doch gerettet und erlöst und konnten etwas Positives bewirken.
DOMRADIO.DE: Haben Sie in Ihrem Buch noch weitere Parallelen gefunden?
Paganini: Es gibt jede Menge Parallelen zwischen Star Wars und der Bibel. Ein Beispiel ist der große Wüstenplanet Tatooine. Tatooine ist ein Planet in der Galaxie, der aus Sand und Wüste besteht. Wir können eine Verbindung ziehen zu den Bibelgeschichten, die in der Wüste spielen. Die Wüste ist dort ein Ort der Berufung. Moses wird in die Wüste berufen, Jesus geht in die Wüste und auch das Volk Israel. In dieser Parallele kommt Anakin Skywalker aus der Wüste.
Eine andere Parallele ist das mit den Jedi. Die Beziehung zwischen Meistern und Schülern. Das ist etwas, das auch in der Bibel ständig vorkommt: Jesus mit seinem Jünger, Elia, Elischa, Mose und Joshua.
Es sind nicht nur konkrete Gestalten an der Bibel angelehnt, sondern auch die grundsätzliche Motiventwicklung. Zum Beispiel die Idee von Erlösung oder der Versöhnung innerhalb der Familie über Generationen hinweg. Das sehen wir zum Beispiel bei Anakin mit seinem Sohn Luke und zum Beispiel auch in der Josef-Geschichte. Ein weiteres Motiv ist die Umkehr und Rettung. Das sind Motive, die ganz stark biblisch geprägt sind und eins zu eins in Star Wars übernommen werden.
Das offensichtlichste Motiv der Star-Wars-Saga, das man immer wieder sieht, ist der Zusammenhang mit dem göttlichen Prinzip, nämlich der Macht. Die Macht hat eine helle und eine dunkle Seite. Wenn wir an die apokalyptischen Schriften sowohl im Alten als auch im Neuen Testament denken, denken wir vor allem an die Apokalypse von Johannes im letzten Buch der Bibel.
Dort geht es stark um diesen Kampf zwischen den Kindern des Lichtes und den Kindern der Fürsten. Die helle Seite gegen die dunkle Seite, das ist ein klarer biblischer Dualismus, der in Star Wars vorkommt.
DOMRADIO.DE: Regisseur und Drehbuchautor George Lucas ist nicht unbedingt für seine Bibeltreue bekannt. Wie kommen die biblischen Motive in die Star-Wars-Filme?
Paganini: Die Frage um George Lucas und Religion ist sehr diskutiert. George Lucas hat das Thema seit den 2000er-Jahren nicht mehr angesprochen. Es gibt aber ein berühmtes Interview aus dem Jahr 1999, in dem er erklärt, wie er den Zusammenhang zwischen Star Wars und Religion sieht. Er beschreibt in diesem Interview, dass er in der Tat so etwas wie Religion schaffen wollte.
Er sagte klar, dass die Star-Wars-Reihe zwar keine komplett neue Religion darstellen will, aber es sei sein Versuch, Religion für junge Menschen, die sich noch für Religion interessieren, darzustellen. Weiter sagte er, dass seine Idee des Star-Wars-Universums eine sehr religiöse war. Religion spielte daher auch eine große Rolle.
Einer der größten Freunde von George Lucas war Steven Spielberg. Von ihm wissen wir, dass ihn das Christentum nicht so sehr beeinflusst hat, sondern vielmehr das Judentum. In der Tat sieht man in Star Wars deutlich stärkere jüdische Motive als christliche. Angefangen mit den Jedi bis hin zu den Prophezeiungen, der Wüste und dem Kampf Hell gegen Dunkel.
Ein paar Jahre später sagte George Lucas, dass er sich Richtung Buddhismus und der orientalischen Religion orientiert habe. Man sieht auch nicht nur biblische Einflüsse in Star Wars, sondern auch aus anderen Religionen. Ich finde, dass die biblischen Einflüsse deutlich stärker sind. Das passiert zum Teil bewusst, aber auch zum Teil unbewusst.
Das Unbewusste hängt stark mit dem Werdegang von George Lucas zusammen. Er erzählte in einem anderen Interview, dass er von dem US-amerikanischen Anthropologen Joseph Campbell beeinflusst worden ist. Joseph Campbell schrieb in den 50er Jahren das Buch "Der Heros in tausend Gestalten".
In diesem Buch geht es um klassische Motive, die in Religionen und Mythen immer wieder vorkommen. Er beschreibt darin Helden als Figuren, die immer wieder den gleichen Kreis durchleben. Dieser gleiche Kreis kommt in sehr vielen Gestalten der Bibel vor. Er reicht von der Berufung über das Zweifeln und Scheitern bis hin zum Neubeginn und schließlich zum Erfolg.
Diese Idee der Heldenreise kommt nicht nur in Star Wars vor, sondern ist ein Modell, auf dem viele antike Mythen des alten Orients und die Bibel aufgebaut worden sind. Daher ist es keine große Schwierigkeit, diese Muster in Star Wars und in der Bibel vorzufinden. Sie sind eine Art religiöser Gründungsmythos der Menschheit.
DOMRADIO.DE: Wie ist das denn mit dem berühmten Satz "Möge die Macht mit dir sein"? Würden Sie sagen, das ist auch eine Art Segensgruß?
Paganini: Auf der Funktionsebene ist "May the Force be with you" natürlich ein Segensgruß. Die Frage ist, woher das kommt. Es ist vergleichbar mit Segensgrüßen wie "Der Herr sei mit euch" oder "Fürchte dich nicht", die auch in der Bibel vorkommen.
In der Tat gibt es dazu eine Stelle in der Bibel, im Buch Deuteronomium. Darin überträgt Mose seine Macht an Joshua und sagt dann: "Du sollst mächtig sein". Der Spruch aus Star Wars kommt aber nicht 1:1 in der Bibel vor. Er entsteht aus der religiösen Vision von Star Wars, in der die Macht als Energie-Urprinzip das ganze Universum lenkt.
Das ist eine Vorstellung, die für das Christentum oder für die Bibel nicht ganz passt. Der biblische, christliche und jüdische Gott ist ein persönlicher Gott und nicht eine Form der Energie. Aber es ist trotzdem eine grundsätzliche Idee, die in einer gewissen Art als christliche Spiritualität zu sehen ist.
Das Interview führte Lara Burghardt.