DOMRADIO.DE: Was ist christlicher Nationalismus?
Arnd Henze (Theologe, Journalist und Autor des Buches: "Mit Gott gegen die Demokratie: Warum der christliche Nationalismus alle angeht"): Das ist die Verbindung einer oft sehr konservativ-evangelikal geprägten Religiosität und Frömmigkeit mit der Überhöhung der eigenen Nation.
Nach dem Motto: Das ist Gottes gelobtes Land, und unsere Führer sind von Gott gesalbt. Diese Tradition gab es schon lange vor Donald Trump. Aber in Verbindung mit dieser entfesselten Macht der MAGA-Bewegung, die stark von christlichen Nationalisten geprägt wird, ist das eine sehr gefährliche Ideologie geworden.
DOMRADIO.DE: Geht es dabei noch um Religion im spirituellen Sinne oder wird Religion benutzt?
Henze: Man macht es sich zu einfach, wenn man sagt, Religion werde nur missbraucht. Das Autoritäre, das Menschenfeindliche ist in allen Religionen angelegt, wenn man sich selbst und seine Positionen über andere stellt. In Russland sehen wir das am Beispiel der russisch-orthodoxen Kirche, und in den USA bei den Evangelikalen.
Wenn man die Evolution oder ein wissenschaftliches Menschenbild zugunsten der biblischen Schöpfungsordnung ablehnt und daraus dann Fragen nach der Form der Nation ableitet oder ein Familienbild, das rigide und repressiv ist. Das ist in Religionen angelegt, und die Kunst von Glaubensgemeinschaften besteht darin, sich darüber klar zu sein und gegenzusteuern.
DOMRADIO.DE: Wann ist Ihnen das erste Mal aufgefallen, dass Religion in den USA ein mächtiger politischer Faktor ist?
Henze: Ich habe in den 1980er Jahren, also in der Reagan-Ära, in den USA studiert. Ich kam aus Deutschland mit drei Fernsehsendern und musste erstaunt feststellen: Dort gab es allein 20, auf denen ausschließlich Fernsehpredigten liefen, verbunden mit Spendenaufrufen.
Daraus hat sich ein Riesenmarkt entwickelt, die Prediger investierten ihre Milliarden in politische Macht: Das war diese "Moral Majority" einerseits, die versucht hat, auf Reagan Einfluss zu nehmen. Und man hat in Satellitenkirchen in Lateinamerika und Afrika investiert.
Die Wahl von Präsident Bolsonaro in Brasilien 2018 zum Beispiel ist ein unmittelbares Produkt dieser strategischen Entscheidung.
DOMRADIO.DE: Aber was wir jetzt in den USA beobachten, hat schon eine neue Qualität?
Henze: Ronald Reagan hat die religiöse Rechte, die Moral Majority, sehr geschickt benutzt, aber er hat nie die Grenzen des Rechtsstaats infrage gestellt. Auch nicht die Trennung von Religion und Staat. Das hat bei vielen christlichen Nationalisten für Enttäuschung gesorgt, weil sie fanden, man habe ihnen viel versprochen und es nicht gehalten.
Darum ist Donald Trump so interessant für sie. Nicht, weil er einer von ihnen wäre, sondern weil er einlöst, was er verspricht. In der Sache ist Trump das völlig egal. Hauptsache, sie stehen wie ein Block hinter ihm.
DOMRADIO.DE: Das schreiben Sie eingangs in Ihrem Buch, dass die Religiösen Trump nicht trotz seiner moralischen Zweifelhaftigkeit gewählt haben, sondern gerade deswegen: "Es geht um Wut und Vergeltung. Ein wütendes Volk sucht einen wütenden Anführer." Woher kommen diese Wut und die Sehnsucht nach Vergeltung?
Henze: Aus einem Jahrhundert der Niederlagen. Diese evangelikalen Bewegungen haben in den USA 100 Jahre lang einen Kulturkampf gegen die Öffnung der Gesellschaft geführt, angefangen bei der Evolutionslehre in Schulen, über die Abschaffung der Rassentrennung, bis hin zur Öffnung des Familienbildes und LGBTQ-Lebensmodellen: Sie haben eigentlich immer verloren.
Da hat sich Wut angesammelt. Sie haben gemerkt, dass ihnen auch die Republikaner nicht weiterhelfen. Gerade 2024 hätten sie statt Donald Trump mit Ron DeSantis aus Florida einen richtig entschiedenen Hardcore-Evangelikalen wählen können. Aber sie haben sich mehrheitlich für den Systemsprenger Trump entschieden, der hat ihnen wörtlich versprochen: "Ich bin eure Rache!"
DOMRADIO.DE: Also sind es Menschen, die überfordert sind von Entwicklungen, von der Liberalisierung und der Öffnung der Gesellschaft?
Henze: Manche sind überfordert, für andere ist das schlicht eine Machtfrage. Eine liberale, säkulare, offene Gesellschaft ist Machtverlust für diejenigen, die alles aus der Schöpfungsgeschichte ableiten, darum diese Radikalisierung, in der ganz stark theokratische Modelle wieder eine Rolle spielen.
Früher hätte man das für sektiererisch gehalten, jetzt ist Pete Hegseth Kriegsminister: Ein Mann, der einer reformierten Glaubensgemeinschaft angehört, die ein explizit theokratisches Modell in konkrete Politik umsetzen will. Nach dem Motto: "Christ is King!"
DOMRADIO.DE: Wie könnte das in der Endstufe aussehen?
Henze: Das Worst-Case-Szenario wäre tatsächlich, dass sich diese Bewegung so radikalisiert, dass sie nicht mehr mehrheitsfähig ist. Dann liegt es in der Natur der Sache, dass man demokratische Wahlen nicht mehr zulassen wird und mit zunehmend repressiven Methoden die eigene Agenda durchsetzt.
Das sind dann die Extremisten, die Theokraten, die sagen: Wir wollen vom Familienbild über das Schulsystem im Grunde eine gleichgeschaltete Gesellschaft. Das ist das Worst-Case-Szenario. Davon darf man sich nicht lähmen lassen.
Wir werden schon bei den Midterm-Elections im November sehen, dass es massive Manipulationen und Beeinflussungen geben wird, um eine demokratische Mehrheit im Kongress zu verhindern. Aber es gibt eine Wechselstimmung, weil weite Teile derer, die 2024 noch für Trump gestimmt haben, jetzt entsetzt sind über seine Politik, von der Wirtschaft bis hin zum Vorgehen von ICE und Border Patrol gegen Migranten.
Ich glaube, dass dort, allen Manipulationsversuchen zum Trotz, eine starke neue demokratische Kraft entsteht, die auch in dem Schrecken darüber, was passiert ist, einen Neuanfang schaffen kann.
DOMRADIO.DE: Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie die USA massiv Einfluss auf den brasilianischen Wahlkampf nahmen und Anteil an der Mobilisierung hatten, die dem rechtsextremen Jair Bolsonaro 2018 zum Sieg verhalf. Wir wissen von den guten Beziehungen zwischen der MAGA-Bewegung und der AfD. Inwiefern müssen wir uns hierzulande Sorgen machen?
Henze: Die Rede von Vizepräsident J.D. Vance auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2025 war eine klare Kampfansage. Er behauptete, die Bedrohung gehe nicht mehr von Russland und China aus, sondern von denen, die in Europa in seinen Augen die Meinungsfreiheit und die Religionsfreiheit beeinträchtigen.
Gemeint waren die, die sich hier als wehrhafte Demokratien gegen rechtsextreme Parteien und Strömungen und gegen Hass und Hetze im Internet einsetzen. Die neue nationale Sicherheitsstrategie legt nahe, dass es das strategische Ziel der USA ist, rechtsextreme Parteien und Kräfte zu unterstützen. Und das wird in Europa ganz massiv passieren.
DOMRADIO.DE: Was muss mit Blick auf die nächsten Bundestagswahlen da getan werden?
Henze: Wir müssen aufpassen, dass wir die Definition von Meinungsfreiheit nicht den Rechten überlassen. Wir müssen die streitbare, offene Demokratie vorleben, damit sich das Narrativ, hier würde die Meinungsfreiheit oder die Religionsfreiheit bekämpft, nicht durchsetzen kann.
Wir müssen aufpassen, dass wir keine Märtyrergeschichten produzieren, und vorleben, dass es einen Korridor von Meinungen gibt, der im öffentlichen Streit Raum hat. Damit die Rechtsextremen nicht mit diesem Verschwörungsnarrativ von einem repressiven System Wahlkampf machen können.
DOMRADIO.DE: Aber würde christlicher Nationalismus, so wie Sie ihn aus den USA beschrieben haben, hier in Deutschland auf fruchtbaren Boden fallen?
Henze: Wenn wir auf den christlichen Nationalismus in den USA gucken, sollten wir das immer in dem Wissen tun, dass nicht nur die deutschen Christen in der NS-Zeit, sondern auch der Protestantismus als Ganzes in der Weimarer Republik eine demokratiefeindliche, nationalistische, autoritäre Kirche war.
80 Prozent der Pfarrer haben die Deutsche Nationale Volkspartei gewählt. Ich glaube, dieses Wissen hat uns ein Stück weit resilienter gemacht.
DOMRADIO.DE: Sie zitieren in Ihrem Buch US-Historiker, die die aktuellen Entwicklungen mit den Entwicklungen in der NS-Zeit vergleichbar halten. Kann sich Geschichte wiederholen?
Henze: Vergleiche sollten wir mit Vorsicht ziehen, damit wir unsere eigene Geschichte nicht relativieren. Aber es handelt sich nicht nur um Polemik und Parolen bei Demonstrationen, sondern Historiker erkennen ganz klare Parallelen, die auf Gleichschaltung hinauslaufen.
Die Eingriffe in die Meinungsfreiheit zum Beispiel, das Vorgehen gegen Migranten und ganze Bevölkerungsgruppen, das weckt auch historische Parallelen.
Man muss aber auch die Unterschiede benennen, und ich bin überzeugt: Hätte es in den 1930er-Jahren in Deutschland diese Zivilgesellschaft, diese Gerichte und auch dieses Engagement von Christinnen und Christen gegeben, wie wir es seit einigen Monaten in den USA erleben, dann wäre auch in Deutschland die Geschichte anders verlaufen.
Wir haben derzeit in den USA eine demokratische, lebendige Gesellschaft, die stärker und widerständiger wird, als ich es selbst gedacht hätte. Dazu gehören auch die Kirchen. Früher galt der Satz: "Politik endet auf dem Parkplatz vor der Kirche." Das ist vorbei. Die Kirchen sind aus ihrer Schockstarre erwacht und haben wieder eine Relevanz in der Zivilgesellschaft gewonnen, die ich ihnen nicht mehr zugetraut hätte.
Mich stimmt optimistisch, dass die MAGA-Bewegung und die Bindungskraft von Donald Trump zerfallen. Wir sehen jetzt beim Iran-Krieg, dass es ein Lager der christlichen Zionisten gibt: 10 bis 15 Millionen Menschen, die Trump in diesen Krieg mit ihren apokalyptischen Endzeit-Fantasien hineingedrängt haben.
Gleichzeitig gibt es das klassisch christliche, nationalistische Lager der Isolationisten, die damit gar nicht einverstanden sind. Beide prallen gerade mit voller Wucht aufeinander, und J.D. Vance wird der Erste sein, der dazwischen zerrieben wird. Er hat nicht die Autorität und das Charisma, diese völlig divergenten Flügel zu bedienen.
Ich glaube, das ist ein Effekt, den hat es in der Vergangenheit schon häufiger gegeben. In Zeiten, in denen die religiöse Rechte ihre Allmachtsfantasien auf die Spitze getrieben hat, gibt es dann oft den Kipppunkt, wo alles wieder auseinanderfällt.
DOMRADIO.DE: Wie verhält sich die katholische Bischofskonferenz in den USA dazu? Mit Ausnahme der Themen Migration sowie Krieg und Frieden war sie immer sehr gespalten.
Henze: Angesichts der gesellschaftlichen Polarisierung haben sich die Themen, die die Katholiken einen, so nach vorne geschoben, dass der Kulturkampf, den die katholische Kirche sich lange geleistet hat, in den Hintergrund gerückt ist. Man darf nicht vergessen, dass Papst Leo eine ganz andere Ausstrahlung in die US-Bischofskonferenz hat.
Von Franziskus hätten sich die konservativen Bischöfe distanziert. Leo sagt im Grunde Ähnliches, aber er sagt es auf Englisch, er wird gehört. Ich sehe die katholische Bischofskonferenz, auch mit den Hispanics, die in der Vergangenheit eher mit einem Bein im MAGA-Lager standen, jetzt eher auf der Seite derer, die den Wandel zum Guten bringen können.
Das Interview führte Ina Rottscheidt.