domradio.de: Sie gehören zu denjenigen, die fordern, Flüchtlinge nach Religionszugehörigkeit aufzuteilen. Warum?
Amill Gorgis (Ökumenebeauftragter der syrisch-orthodoxen Gemeinde in Berlin): Wir haben christliche Flüchtlinge, die sich an uns gewandt haben und die sich in den Flüchtlingsheimen sehr bedrängt beziehungsweise sehr fremd fühlen. Wobei die Anzahl der christlichen Flüchtlinge sehr gering ist. Es macht nicht mal 1 Prozent der Flüchtlinge aus, zumindest der Flüchtlinge, die aus Syrien kommen. Von daher ist es so, dass sie Angst haben und sich an uns mit der Bitte wenden, sie an einem anderen Ort unterzubringen.
domradio.de: Woher kommen diese Ängste und mit welchen Erfahrungen kommen die Menschen zu Ihnen?
Amill Gorgis: Sie müssen bedenken, dass die meisten Menschen vor dem IS geflohen sind und ein Trauma haben. In ihrer Heimat haben sie Angst vor den muslimischen Extremisten gehabt. Jetzt kommen sie mit der Erwartung nach Deutschland, dass sie in einem sicheren Hafen sind, aber sie kommen in einem Heim unter, wo sie erleben müssen, dass die große Mehrheit Muslime sind. Sie werden sofort geoutet, indem es ihnen nichts ausmacht Mortadella zu essen oder es macht ihnen nichts aus, wenn auf einem Paket das Kreuz vom Roten Kreuz zu sehen ist. Die Muslime vermeiden das und dann werden die christlichen Flüchtlinge misstrauisch angeschaut. Sie werden zwar nicht bedrängt, aber es ist für sie eine unheimliche Atmosphäre.
domradio.de: Die Frage, ob man Flüchtlinge nach Religionszugehörigkeit aufteilen soll, gibt es schon länger. Der Präsident des Deutschen Caritasverbandes, sagte: "Konflikte in Flüchtlingsunterkünften entstehen nicht in erster Linie durch die jeweilige Religionszugehörigkeit, sondern durch die Enge in Flüchtlingsunterkünften.“ Sie würden also sagen: Nicht nur?
Amill Gorgis: Also ich denke schon, dass die Enge eine Rolle spielt. Sicher ist es so, dass, wenn man nicht so eng beisammen sitzt, man nicht so streng beobachtet wird. Aber Tatsache ist auch, dass die Christen sich wohler fühlen würden, wenn sie unter Gleichen wären.
domradio.de: Sie betrachten die Situation in Berlin nicht nur von außen, sondern in dem Augenblick, wo sich Menschen an sie wenden, werden sie zum Akteur. Wie sieht denn dann das weitere Vorgehen aus?
Amill Gorgis: Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich ein Mietshaus vorrübergehend zur Verfügung habe, indem ich christliche Flüchtlinge unterbringen kann. Allerdings nicht auf Dauer, sondern nur für einige Wochen, bis sie eine feste Bleibe irgendwo gefunden haben. Das macht es auch für uns leichter, die Flüchtlinge zu betreuen. Wir versuchen, für diese Menschen Paten zu besorgen. Wir sammeln kein Geld, keine Kleider, sondern wir sammeln Zeit. Wir suchen Menschen, die zum Beispiel sagen, dass sie zwei Stunden Zeit in der Woche haben, Jemanden zu begleiten.
Für die Flüchtlinge ist das eine wunderbare Geschichte in Deutschland anzukommen und einen Austausch zu haben. Es gibt nichts Schöneres, als die Nähe zu der Bevölkerung zu haben. Ich sehe das auch so, dass die Flüchtlinge auch in der Pflicht stehen, zu gucken, was sie leisten können. Sie kommen aus autokratischen Gesellschaften. Dort hat man jahrelang gelernt, dass man nur das macht, was einem gesagt wird. Hier ist Eigenverantwortung von Bedeutung. Dass man selber guckt, was man tun kann. Das versuchen wir auch in den Gesprächen mit den Flüchtlingen zu tun. Sie sollen nicht nur Hilfsempfänger sein, sondern auch schauen, was sie selber leisten können. Das macht die Sache leichter.
domradio.de: Es gibt auch genügend Gegenstimmung zu dieser Trennung von Flüchtlingen nach Religionszugehörigkeit. Das Hauptargument besteht darin, dass Integration schon in der Flüchtlingsunterkunft beginnen muss. Wie stellen Sie sich das langfristig vor?
Amill Gorgis: Ich möchte auch nicht, dass meine anvertrauten Christen, sich der Verantwortung entziehen. Andererseits muss man auch ihre Ängste verstehen. Sie wollen, wenn sie hier angekommen sind, kein Konfliktpotenzial sein. Sie möchten ihre Ruhe haben. Das versteht man. Andererseits sage ich, wir haben alle für dieses Land eine Verantwortung und wir müssen sie anpacken. Wir können nicht davonrennen. Aber das sagt sich für Jemanden, der schon länger in Deutschland ist und die Verhältnisse kennt leichter, als für Jemanden, der gerade erst mit traumatischen Erlebnissen hier angekommen ist.
Das Gespräch führte Daniel Hauser.