Städte bieten wieder Rudelsingen nach der Coronazeit an

Ein Rudel, das mitsingt

Vor Corona füllten Zehntausende die Fußballstadien, um gemeinsam Weihnachtslieder zu singen. In diesem Dezember gibt es wieder Rudelsingen. Denn viele Menschen wünschen sich Nähe und Verbundenheit, gerade in der Adventszeit.

Weihnachtssingen im Stadion / © Paul Zinken (dpa)
Weihnachtssingen im Stadion / © Paul Zinken ( dpa )

Eigentlich ist es eine traurige Geschichte: die des kleinen Jungen, der etwas schenken möchte, aber außer seinem Trommelspiel nichts anbieten kann. "Pa rum pum pum pum", singen die Menschen in Bad Laasphe, die dieses Lied vom "Little Drummer Boy" langsam in Stimmung bringt. Auf dem zentralen Wilhelmsplatz haben sie sich zum "vorweihnachtlichen Rudelsingen für die ganze Familie" getroffen.

Spontanes gemeinsames Singen

Als gemeinsames Karaoke-Singen lässt sich das Rudelsingen beschreiben: spontane Amateurchöre, ohne feste Struktur, ohne einen größeren Anspruch als den Spaß am gemeinsamen Singen. Die Idee dazu hatte der langjährige Chorsänger David Rauterberg 2011.

Seit 2013 organisiert er die Veranstaltungen hauptberuflich, bei denen entweder er selbst auf der Bühne steht, oder eines der anderen zehn Teams, die durch die Abende führen - mittlerweile 2.500 Mal in mehr als 100 Städten, wie Rauterberg sagt.

Viele Menschen verspürten den Wunsch zu singen, doch Chöre seien für viele nicht niedrigschwellig genug - mit ihrer festen Organisationsstruktur, regelmäßig verpflichtenden Terminen und dem Anspruch, auch gut zu singen.

Familienfreundliche Zeiten

In Bad Laasphe, wo Fachwerk auf Schiefer-Vertäfelung trifft, findet eine der ersten Veranstaltungen in diesem Jahr in der Adventszeit statt. Während der Corona-Pandemie gab es Online-Rudelsingen, nun sind die Präsenz-Veranstaltungen wieder zurück. Und zusätzlich zum regulären Rudelsingen-Programm werden unter freiem Himmel und zu familienfreundlichen Zeiten Weihnachtslieder gesungen.

Online-Chorproben sind nach wie vor eine Herausforderung / © Reshetnikov_art (shutterstock)
Online-Chorproben sind nach wie vor eine Herausforderung / © Reshetnikov_art ( shutterstock )

Über alle Altersgrenzen hinweg sind Menschen gekommen. Sie haben sich vor der kleinen Bühne versammelt. Einige halten sich an ihren Rollatoren fest. Von der Dachterrasse des gegenüberliegenden Eiscafe Venezia johlen ein paar Schulkinder, als Rolf Zuckowskis Klassiker "In der Weihnachtsbäckerei" angestimmt wird.

Verbundenes miteinander

"Die Stimme ist ein körpereigenes Instrument, das uns mit auf die Welt gegeben ist", sagt der Musikwissenschaftler Gunter Kreutz. Die Lust, ja sogar den Instinkt zu singen, kennt zumindest im Kindesalter fast jeder Mensch. Dass das Rudelsingen so viele begeistert, überrascht den Professor an der Universität Oldenburg nicht: "Beim gemeinsamen Singen nehmen sich die Menschen gegenseitig wahr und fühlen sich dadurch verbunden und weniger distanziert." Das tue gut, sagt Kreutz. Er fordert mehr niedrigschwellige Angebote und eine neue Kultur des Singens, die allen offenstehe.

Auch Rainer Müller-Brandes, Stadtsuperintendent der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover, hat bemerkt, wie voll die Kirchen sein können, wenn man die Menschen zum Mitsingen einlädt. Es sei auch Aufgabe der Kirchen, Angebote zum gemeinsamen Singen zu schaffen, auch über die Weihnachtszeit hinaus.

Stadionsingen in Hannover

Für die Adventszeit haben die katholische und evangelische Kirche in Hannover gemeinsam mit dem Fußballverein Hannover 96 und anderen Partnern zum Stadionsingen geladen. Ähnliche Veranstaltung gibt es auch in Köln, Berlin, Dortmund oder Karlsruhe. Tausende von Menschen treffen sich, um gemeinsam Weihnachtslieder zu singen.

Hannover ist zum ersten Mal dabei: 2021 war wegen der Corona-Pandemie aus dem Stadionsingen kurzfristig ein Stadionimpfen geworden. "Das Singen hat den Zweck in sich selbst", sagt Müller-Brandes. Damit sei es eine der höchsten Formen der Freude.

"Tolle Erfahrung"

"Ein Rudelsingen lebt davon, dass ein Rudel da ist, das mitsingt", ruft der Musiker in Bad Laasphe von der Bühne. Der Klang der Musik lockt Neugierige vom nah gelegenen Weihnachtsmarkt an. Doch es ist kalt, und nicht alle haben die Ausdauer zu bleiben, wenn sie mal ein Lied nicht kennen. Und das, obwohl der auf einer Leinwand mitlaufende Text an komplizierten Stellen zu "nanananana" verdichtet wurde.

Wer bleibt, wird belohnt, so wie die 79-jährige Roswitha Kunze und die 84-jährige Gertraut Schmidt. Die beiden haben sich am Wilhelmsplatz mit Freunden getroffen. "Ich habe jahrelang nicht gesungen, heute war das erste Mal seit wirklich langem", sagt Schmidt. Kunze war schon einmal dabei. Eine tolle Erfahrung sei das gewesen, selbstverständlich sei sie da wieder gekommen. Zu "Feliz Navidad" fängt die Gruppe an zu tanzen.

Autor/in:
Niklas Hlawitschka
Quelle:
epd