Vom neuen Reiz des Spazierengehens in Corona-Zeiten

Solo oder mit den Kindern - Bewegung und Stärkung auf Abstand

In der großen Zeit der Flaneure schrieb Franz Hessel vom "Bad in der Brandung". In Corona-Zeiten ist das nicht so, denn Großstädte tosen derzeit nicht. Jedoch kann der Spaziergang nun zum "Fels in der Brandung" werden.

Ein Park ist, bis auf ein Paar, menschenleer / © Julia Steinbrecht (KNA)
Ein Park ist, bis auf ein Paar, menschenleer / © Julia Steinbrecht ( KNA )

Und was machen Sie so? Wenn das Homeoffice schließt, die Kinder quengeln, das Lieblingscafe geschlossen ist und in Zeiten des Coronavirus die Sonne verführerisch scheint? Man schnürt die Schuhe, zieht die Jacke an - und geht spazieren. Derzeit sind deutlich mehr Menschen zu Fuß unterwegs, von A nach B, um Busse und Bahnen zu meiden, oder einfach, um in Bewegung zu bleiben, kurz abzuschalten und sich gegen Einsamkeitsgefühle zu wappnen. Es könnte sein, dass der ein oder andere den Reiz des Spazierens wiederentdeckt.

Als die Bundeskanzlerin am Sonntag Maßnahmen gegen eine großflächige Verbreitung des Virus verkündete, dürften nicht wenige Menschen aufgeatmet haben. Denn Spazieren ist nach wie vor ebenso erlaubt wie Sport an der frischen Luft. Unter Auflagen: Die Regeln besagen, dass man alleine oder mit im Haushalt lebenden Menschen nach draußen darf. Auch kann man sich mit einer anderen Person maximal zu zweit treffen, muss dann aber einen Abstand von zwei Metern einhalten.

Bewegung an der frischen Luft

Mediziner, Forscher und Politiker appellieren an die Vernunft der Menschen und raten dazu, möglichst im Haus zu bleiben. Zugleich wird auf der Internetseite von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) auch darauf hingewiesen: "Bewegung an der frischen Luft ist gesund." Versehen mit dem Warnhinweis: "Das Virus überträgt sich aber auch im Freien von Mensch zu Mensch. Sie müssen auch draußen sehr vorsichtig sein."

Auf den Gehwegen, in Parks und Waldstücken sind also in diesen Tagen Solospaziergänger, Eltern mit Kindern auf Laufrädern und Zweierteams zu sehen - schweigend, im Gespräch vertieft, lachend, kreischend, vor sich hin lächelnd oder nachdenklich. Der Sonntagsspaziergang ist eine Option für den Werktag geworden, um in Bewegung zu bleiben und den Kopf vielleicht für eine Weile von Corona-Sorgen zu befreien.

Die große Zeit des Flanierens

Dann ist Platz für Gedanken an die große Zeit des Flanierens und entsprechende (Klischee-)Bilder: Meist sind es Herren, die Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts durch mondäne, vielleicht aber auch unelegante Straßen mäandern oder in Parks umherschlendern, gerne in Berlin oder Paris. Die ihre Blicke schweifen lassen, unbekannte Orte aufsuchen und sozialkritische Beobachtungen machen, um sie im Cafe oder am Schreibpult zu Papier zu bringen.

Man denke etwa an Ernst Ludwig Kirchners gemalte Straßenszenen, an Walter Benjamin oder Franz Hessel, die miteinander befreundet waren. Gleich zu Beginn schreibt Hessel in seinem Buch "Ein Flaneur in Berlin" von 1929: "Langsam durch belebte Straßen zu gehen, ist ein besonderes Vergnügen. Man wird überspült von der Eile der andern, es ist ein Bad in der Brandung." Mit der Schlenderei ernte er inmitten aller Geschäftigkeit stets misstrauische Bli

Walken und Wandern

In Corona-Zeiten dürfte das kaum passieren, denn man weiß umeinander. Wenn dann beim Feierabendspaziergang der Kopf noch freier wird, kommt einem vielleicht auch der Begriff des Lustwandelns in den Sinn. Damit verbindet man eher das 18. und 19. Jahrhundert, die Zeit von Johann Wolfgang von Goethe und Claude Monet. Die, die lustwandelten, alleine oder untergehakt als Paar, nannte Deutschlandfunk Kultur in einem Beitrag einmal treffend "die adeligen wie die bürgerlichen Pioniere des Spaziergangs".

Wer heutzutage ein bisschen mehr Tempo braucht, kann Walken oder Wandern - denn auch das ist unter Auflagen weiterhin erlaubt. Die neuen Regeln im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus sollen vorerst zwei Wochen gelten. Wie es danach weitergeht, ist ungewiss.

Klar ist dagegen, dass Ostern vor der Tür steht. Es ist das höchste christliche Fest und eine klassische Zeit für Familientreffen. Dass in diesem Jahr Familien mit Kind und Kegel, Oma und Opa als Teile der Corona-Risikogruppen zusammenkommen, ist nicht wahrscheinlich. In welcher Konstellation auch immer die Menschen Ostern begehen werden, das Fest könnte eine weitere Gelegenheit zum Flanieren sein. Man wird vielleicht auch dann die Schuhe schnüren, die Jacke anziehen und sich auf zum Osterspaziergang machen - nach außen auf Abstand, nach innen zur Stärkung.

Frau mit Atemschutzmaske / © Corinne Simon (KNA)
Frau mit Atemschutzmaske / © Corinne Simon ( KNA )
Autor/in:
Leticia Witte
Quelle:
KNA