Solidarität zwischen Juden und Christen in Berlin

"Jeder einzelne Mensch zählt"

Die Kippa nur in der Synagoge aufziehen, den Davidstern nicht offen tragen - Jüdinnen und Juden müssen immer mit Anfeindungen rechnen. Wie sich Christen und Juden in Berlin gegen Antisemitismus einsetzen, erklärt Bernd Streich.

Demonstration gegen Judenhass und Antisemitismus / © Christoph Soeder (dpa)
Demonstration gegen Judenhass und Antisemitismus / © Christoph Soeder ( dpa )

DOMRADIO.DE: Wie war die Eröffnung der "Woche der Brüderlichkeit" am Sonntagabend?

Bernd Streich (Katholischer Vorsitzender der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Berlin): Es war eine sehr würdige und auch feierliche Festveranstaltung für die "Woche der Brüderlichkeit". Und ich will einmal daran erinnern, dass wir vor 70 Jahren das erste Mal in Berlin die "Woche der Brüderlichkeit" gefeiert haben, damals im Abgeordnetenhaussaal des Rathauses in Berlin-Schöneberg. Diesmal waren wir in einer Synagoge, und das hatte einen feierlichen Rahmen. Auch die Redner und die Teilnehmenden waren davon sehr angetan.

DOMRADIO.DE: "Fairplay - jeder Mensch zählt" ist das Motto. Das kommt aus dem Sport. Was hat das mit der Woche der Brüderlichkeit zu tun?

Streich: Das Thema der Woche der Brüderlichkeit wird immer vom deutschen Koordinierungsrat der Gesellschaften festgelegt. Es gibt in Deutschland über 80 Gesellschaften, die jeweils in lokaler Verantwortung arbeiten. In diesem Jahr war tatsächlich der Sport ein bisschen in den Blick genommen worden.

Wappen des deutschen Makkabi-Teams / © Markus Nowak (KNA)
Wappen des deutschen Makkabi-Teams / © Markus Nowak ( KNA )

Gerade die Frage, die ja Antisemitismus und Sport in den unterschiedlichsten Jahrzehnten, aber leider auch heute noch immer wieder aktuell werden lässt, sollte thematisiert werden. Und wir haben speziell mit Makkabi, dem jüdischen Sportverband, ein gutes Vorbild. Makkabi hat sehr viel gegen Antisemitismus getan und auch für die Frage, wie wir mit der Vielfalt in der Gesellschaft im Sport umgehen. Wichtig ist aber auch der zweite Teil des Themas, nämlich, dass jeder Mensch zählt. Und da kann ich auf die Reden der Eröffnungsfeier verweisen. Sie haben auch darauf Bezug genommen, dass das nicht nur für den Sport zählt, sondern insgesamt für die Gesellschaft, in der wir leben. Sie sollte sich immer wieder darauf besinnen, dass wirklich jeder einzelne Mensch zählt.

Antisemitismus

Die International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) definiert Antisemitismus als eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die als Hass ausgedrückt werden kann. Formen von Antisemitismus - verbal oder physisch - richten sich demnach gegen jüdische oder als jüdisch vermutete Personen und/oder deren Eigentum, gegen Institutionen der jüdischen Gemeinschaft sowie religiöse Einrichtungen. Diese Definition ist rechtlich nicht bindend. (kna)

Demonstranten gegen Antisemitismus in Frankreich / © Olivier Donnars (KNA)

DOMRADIO.DE: Die Woche der Brüderlichkeit soll sich gegen weltanschaulichen Fanatismus und religiöse Intoleranz richten. Gleichzeitig steigen auch die antisemitischen Übergriffe an. In manchen Regionen trauen sich Juden nicht, ihre Kippa zu tragen oder auf Querdenkerdemos tragen Menschen einen gelben Judenstern mit der Aufschrift "ungeimpft". Was geht Ihnen dabei durch den Kopf?

Streich: Wir haben ja solche Erfahrungen auch hier in einigen Bezirken in Berlin. Das ist natürlich eine erschreckende Erfahrung, die wir dort machen, die auch unser Engagement herausfordert. Wir haben auch jetzt wieder viele Veranstaltungen in unserem Programmheft, was ja immerhin über 80 Seiten hat. Dort stellen wir uns dem Thema Antisemitismus, wo wir uns mit anderen gesellschaftlichen Kräften austauschen, evangelisch, katholisch, jüdisch und auch muslimisch. Wir führen außerdem Gespräche, zum Beispiel mit dem Antisemitismusbeauftragten der jüdischen Gemeinde, aber auch mit dem Antisemitismusbeauftragten der Polizei. Diese beiden Beispiele machen deutlich, dass wir wirklich vielfältig uns gegen Antisemitismus engagieren, auch weil wir uns engagieren müssen.

DOMRADIO.DE: Was kann man gegen Antisemitismus tun? Inwiefern trägt die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Berlin dazu bei, den Antisemitismus zu bekämpfen?

Die heiligen Schriften des Islam, Judentums und Christentums / © Elisabeth Schomaker (KNA)
Die heiligen Schriften des Islam, Judentums und Christentums / © Elisabeth Schomaker ( KNA )

Streich: Ich denke eine ganz wichtige Sache ist Aufklärung. Und Aufklärung fängt an mit Bildung, mit der Erinnerung und natürlich auch mit sehr viel Dialog, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Am Anfang und bis heute ist natürlich der Dialog und der Austausch zwischen Juden und Christen bei uns von zentraler Bedeutung. Da engagieren wir uns immer wieder und gehen mit diesen Themen in die Gesellschaft hinein. Der Dialog ist der Kern der christlich-jüdischen Gesellschaft. Dazu gehört auch der Islam und alle anderen Religionen. Es gibt in Berlin ein Forum der Religionen, wo alle sich austauschen und versuchen, dies auch immer wieder in die Öffentlichkeit hineinzubringen und klare Kante zu zeigen, dort, wo Antisemitismus auftritt.

Das Interview führte Dagmar Peters.

Quelle:
DR