DOMRADIO.DE: Zusammen mit rund 30 Ehrenamtlichen stehen Sie parat für menschliche Nähe, für heiße Getränke, für Steckdosen, für Smartphones. Was brauchen die Menschen gerade vor allem bei Ihnen?
Susanne Seehaus (Pfarrerin der Berliner Emmaus-Gemeinde): Das ist immer noch die Aufladestation für die Handys, aber auch die Ansprechpartner bei uns vor Ort, das warme Haus, in dem man sich aufwärmen kann, wo man sich treffen kann, einfach Zeit verbringen kann und im Gespräch bleibt.
Ich habe das Gefühl, je länger es geht, umso mehr geht es auch um Kommunikation und Miteinander. Es gibt Leute, die kommen jetzt schon den dritten, vierten Tag zu uns.
Gestern haben wir versucht, auch aufsuchend tätig zu sein, indem wir losgefahren sind mit einer großen Gruppe an vor allen Dingen jüngeren Gemeindemitgliedern und Leuten aus anderen Gemeinden in Berlin. Sie waren mit Wärmflaschen und mit heißem Wasser bewaffnet unterwegs, um in den Straßenzügen zu gucken: Sind da Leute irgendwo, die nicht rauskommen und die vielleicht einfach auch eine Aufmerksamkeit brauchen? Das wurde ganz gut wahrgenommen und wir hoffen inständig, dass morgen oder spätestens übermorgen der Strom dann wieder geht. (Anm. d. Red.: Das Interview wurde am 7.1. um 07:40 Uhr geführt. Die Stromversorgung wird seit dem 7.1. um 11 Uhr wieder schrittweise hergestellt (Quelle: Berlin.de))
DOMRADIO.DE: Sie selbst können ja nicht bei den Leuten zuhause klingeln, ob da noch jemand Hilfe braucht. Aber ich glaube, so eine gelebte Nachbarschaft ist gerade auch ganz wichtig.
Seehaus: Absolut. Wir merken, dass das, was wir als Gemeinde ja auch so im Programm haben, nämlich zu sagen, dass wir Kirche im Quartier sind und nachbarschaftlich vernetzt sind, dass das jetzt wirklich funktioniert. Und als Pfarrerin bin ich natürlich sehr gerührt darüber, wie gut unsere Gemeinde an der Stelle auch einfach da ist.
Ohne dass wir uns irgendwie darauf vorbereitet hätten, greift hier so eins ins andere. Leute übernehmen Verantwortung, sind einfach da, kommen und fragen: Was können wir tun? Die Zahl 30 ist schon längst überschritten. Wir haben jetzt bestimmt 50 bis 80 Menschen, die sagen: Was können wir machen?
Wir müssen manchmal schon sagen, wir haben eigentlich ganz viele, die schon was tun. Aber die Hilfsbereitschaft ist wirklich enorm. Ich habe so das Gefühl, das geht ein bisschen gegen das, was diese Leute, die diesen Anschlag gemacht haben, wollten. Die wollten ja vielleicht das System irgendwie in Frage stellen. Berlin zeigt gerade, dass man in einer Krise sehr zusammenhält. Auf der Nachbarschaftsebene funktioniert ziemlich viel, muss ich sagen.
Das Interview führte Carsten Döpp.