Berliner Caritas-Chefin kritisiert Krisenmanagement nach Stromausfall

"Das ist einfach fahrlässig"

Caritas-Direktorin Ulrike Kostka sieht nach dem Stromausfall in Berlin eine gute Zusammenarbeit auf Bezirksebene, aber erhebliche Schwächen auf Landesebene. Kirchengemeinden und Wohlfahrtsverbände müssten stärker eingebunden werden.

Autor/in:
Johannes Schröer
Zehntausende Menschen im Südwesten der Hauptstadt haben keinen Strom. / © Christophe Gateau (dpa)
Zehntausende Menschen im Südwesten der Hauptstadt haben keinen Strom. / © Christophe Gateau ( dpa )

DOMRADIO.DE: Wie schätzen Sie die aktuelle Situation ein und wie bewerten Sie das Vorgehen der Stadt Berlin? Wird aus Ihrer Sicht alles Notwendige getan und richtig gehandelt?

Prof. Dr. Ulrike Kostka / © Maurice Weiss (Caritasverband für das Erzbistum Berlin)

Dr. Ulrike Kostka (Berliner Caritas-Chefin): Zunächst einmal ist die Situation der Betroffenen wirklich schlimm. Es herrschen extreme Temperaturen, die alles sehr schwierig machen. Besonders große Sorgen bereiten uns ältere Menschen, Menschen mit psychischen Erkrankungen, Wohnungslose sowie Familien mit kleinen Kindern. Was großartig ist, ist die große Solidarität, die sich sofort gezeigt hat. Der Bezirk macht alles, was er kann. Aber aus meiner Sicht hat das Land Berlin zu spät zentral reagiert.

DOMRADIO.DE: Was hätte das Land Berlin besser machen können?

Kostka: Zum Beispiel das Informationsmanagement. Es ist für Bürgerinnen und Bürger nicht einfach, sich Informationen zu holen. Zum Beispiel müssten auf der zentralen Webseite vom Land Berlin Informationen zu sehen sein. Ich bin daher sehr froh, dass wir den RBB und den Tagesspiegel haben, der die Menschen informiert. Aber ich würde mir wünschen, dass das zentrale Krisenmanagement die Kommunikation verbessert. Das wäre jetzt und auch noch in den nächsten Tagen wichtig. 

 © Britta Pedersen (dpa)
© Britta Pedersen ( dpa )

DOMRADIO.DE: Sie sagten, die Solidarität vor Ort ist sehr groß, wie hilft oder unterstützt oder was macht die Caritas in dieser Situation? 

Kostka: Zunächst schauen wir, wie die Lage ist, etwa in unseren Pflegeeinrichtungen und bei den Menschen vor Ort. Dazu stehen wir in engem Austausch mit den Gemeinden und dem Erzbistum. Sehr dankbar bin ich, dass auch die Malteser sofort ihre Unterstützung zugesagt haben. Besonders gut ist, dass die Pfarreien vor Ort ihre Pfarrsäle zur Verfügung stellen, warme Getränke anbieten und tagsüber auch das Aufladen von Handys ermöglichen. Zum anderen schauen wir vor Ort ganz genau, was wir konkret tun können, und auch, was wirklich sinnvoll ist. Denn es hilft nicht, aus lauter Hilfsbereitschaft alles gleichzeitig machen zu wollen. Zum Beispiel ist unsere Sozialstation das ganze Wochenende unterwegs, um zu prüfen, wie es den pflegebedürftigen Menschen und ihren Angehörigen geht und welche Unterstützung nötig ist. Also sehr viel konkrete Hilfe vor Ort, aber stets sinnvoll und koordiniert.

Dr. Ulrike Kostka

"Das zeigt noch einmal, dass die Kirche gerade in der Krisenhilfe sehr stark ist, mit Caritas, Maltesern und den Pfarreien."

DOMRADIO.DE: Wenn man der Situation etwas Positives abgewinnen kann, dann ist es vielleicht die große Solidarität unter den Menschen, oder?

Kostka: Genau! Die Solidarität ist klasse und das ist auch eine Stärke von Berlin. Das erleben wir immer wieder. Die aktuelle Situation zeigt aber auch, wie wichtig das Netz der Kirchengemeinden ist. Sie sind vor Ort, genauso wie die Dienste und Einrichtungen der Caritas und unsere Mitglieder. Wir sind direkt im Sozialraum und können nah bei den Menschen sein. Das ist gut, ebenso wie die Unterstützung durch die Malteser. Das zeigt noch einmal, dass die Kirche gerade in der Krisenhilfe sehr stark ist, mit Caritas, Maltesern und den Pfarreien. Das freut mich sehr. Wichtig ist aber, dass das Krisenmanagement in Berlin weiter verbessert wird. Das Land sollte zum Beispiel prüfen, wie Informationen schneller verbreitet und Maßnahmen zügiger umgesetzt werden können. Wir sind zum Beispiel als Wohlfahrtsverbände noch nicht an den Krisenstäben beteiligt. Ich habe das zuletzt noch im Gespräch dem Regierenden Bürgermeister gesagt und es passiert einfach nichts. Es wäre wichtig, dass neben den Hilfsorganisationen auch die Wohlfahrtsverbände dort eingebunden sind. 

Dr. Ulrike Kostka

"Das Krisenmanagement in Berlin muss verbessert werden, und das Land sollte Kirchengemeinden und Wohlfahrtsverbände stärker als Ressource einbeziehen."

DOMRADIO.DE: Sind das nicht Ressourcen, die man nutzen sollte und wäre es nicht fast fahrlässig, wenn man sie ungenutzt lässt?

Kostka: Ja, das ist einfach fahrlässig. Ich befürchte, dass so etwas in Berlin nicht das letzte Mal passieren wird, denn als Bundeshauptstadt ist die kritische Infrastruktur anfällig. Deshalb muss nach dem überstandenen Stromausfall dringend nachgebessert werden. Das Krisenmanagement in Berlin muss verbessert werden, und das Land sollte Kirchengemeinden und Wohlfahrtsverbände stärker als Ressource einbeziehen. Auf Bezirksebene läuft es gut, der Stadtrat steht eng im Kontakt mit den zuständigen Pfarrern, aber auf Landesebene besteht noch deutlicher Nachholbedarf.

Das Interview führte Johannes Schröer.

Caritas Deutschland

Der Deutsche Caritasverband (DCV) ist der größte Wohlfahrtsverband Europas. Die Dachorganisation katholischer Sozialeinrichtungen setzt sich für Menschen in Not ein. Mit rund 700.000 hauptamtlichen Mitarbeitern - 80 Prozent sind Frauen - ist die Caritas zudem der größte private Arbeitgeber in Deutschland. Der Begriff "caritas" stammt aus dem Lateinischen und bedeutet Nächstenliebe. Der 1897 in Köln gegründete Verband unterhält Geschäftsstellen in Freiburg, Berlin und Brüssel.

Hinweisschild der Caritas / © Michael Althaus (KNA)
Hinweisschild der Caritas / © Michael Althaus ( KNA )
Quelle:
DR

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