Seligsprechungsprozess für Pater Alfred Delp beginnt nach 81 Jahren

Späte Anerkennung für Nazi-Gegner

Kardinal Reinhard Marx hat das Seligsprechungsverfahren für Pater Alfred Delp eröffnet. Der Jesuitenpater zählt zu den christlichen Widerstandskämpfern gegen Adolf Hitler. Warum hat diese Anerkennung so lange auf sich warten lassen?

Autor/in:
Ina Rottscheidt

Pater Alfred Delp hätte im Januar 1945 seine Haut retten können, als ihm der berüchtigte Präsident des Volksgerichtshofes, Roland Freisler, den Deal anbot, den Jesuitenorden zu verlassen. Dafür hätte man sein Todesurteil in lebenslange Haft umgewandelt. Doch Delp ging nicht darauf ein. Am 2. Februar 1945 wurde er von den Nazis in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Kardinal Reinhard Marx / © Marijan Murat (dpa)
Kardinal Reinhard Marx / © Marijan Murat ( dpa )

81 Jahre später, am 2. Februar 2026, hat das Münchner Erzbistum nun feierlich das Seligsprechungsverfahren für den Jesuiten eröffnet. Von einem "großen Zeugnis" sprach der Erzbischof von München und Freising, Reinhard Kardinal Marx, im Gottesdienst am Montagabend im Münchner Mariendom: "Wir brauchen Menschen, die uns zeigen, was es bedeutet, an der Seite Jesu zu gehen", sagte er in seiner Predigt. Gerade in Zeiten, in denen völkischer Nationalismus, Lüge, die Zelebration von Allmachtsfantasien, von Krieg und vom Besiegen anderer Völker wieder um sich griffen, sei dieses Zeugnis heute nötiger denn je.

Auch bei der Alfred-Delp-Gesellschaft mit Sitz in Mannheim ist man über die Eröffnung des Verfahrens froh: "Er ist ein Vorbild wegen seiner Glaubwürdigkeit, seiner Wahrhaftigkeit und seiner Menschenliebe", sagt Peter Kern. Der Vorsitzende der Gesellschaft war eigens zum Gottesdienst nach München gereist. Seit vielen Jahren hatten er und die anderen Mitglieder sich um Delps Gedächtnis und die Seligsprechung bemüht.

Jesuiten als "staatsgefährdende Elemente"

Alfred Delp wurde 1907 in Mannheim geboren, katholisch getauft und evangelisch sozialisiert. 1926 trat er nur wenige Wochen nach seinem Schulabschluss den Jesuiten bei und studierte Philosophie und Theologie. 1937 wurde er in der Münchener Jesuitenkirche Sankt Michael zum Priester geweiht, wo heute noch sein Primizkelch aufbewahrt wird.

Die Jesuitenkirche Sankt Michael in München / © silverfox999 (shutterstock)
Die Jesuitenkirche Sankt Michael in München / © silverfox999 ( shutterstock )

Sein Versuch, an der Universität in München zu promovieren, scheiterte; die Jesuiten galten damals als "staatsgefährdende Elemente". Im Juli 1939 begann Delp daher als Redakteur bei den "Stimmen der Zeit". Die Zeitschrift lösten die Nazis 1941 auf. Delp wurde Kirchenrektor an St. Georg in München-Bogenhausen.

Mitglied im "Kreisauer Kreis"

Es war sein Provinzial Augustin Rösch, der Delp als Sozialethiker im Frühjahr 1942 mit dem "Kreisauer Kreis" um Helmuth James Graf von Moltke in Kontakt brachte: informelle Treffen von Männern und Frauen, die gemeinsam über eine Nachkriegsordnung ohne Hitler nachdachten. Auch wenn sie keinerlei Umsturzpläne hegten, flogen sie im Nachgang des Stauffenberg-Attentats vom 20. Juli 1944 auf, wurden verhaftet und wegen Hoch- und Landesverrats angeklagt.

Alfred Delp im Januar 1945 vor dem Volksgerichtshof / © Historische Aufnahme (KNA)
Alfred Delp im Januar 1945 vor dem Volksgerichtshof / © Historische Aufnahme ( KNA )

Monatelang saß Delp in Isolationshaft in Berlin-Plötzensee. Dort schrieb er zahlreiche Briefe, Reflexionen und Meditationen, die der Jesuit Paul Bolkovac später in dem Band "Im Angesicht des Todes" zusammenfasste. "Lasst uns dem Leben trauen, weil Gott es mit uns lebt", schrieb Delp in Isolationshaft und mit gefesselten Händen. Der Satz wurde nicht nur zum Motto des Deutschen Katholikentages 1984, sondern ist für den Jesuiten Andreas Batlogg auch ein Beleg für Delps unerschütterliches Vertrauen in Gott: "Da schreibt einer in Erwartung eines Schauprozesses, dessen Urteil schon feststand. Er war einsam, verlassen und von Angst gerieben, denn er wusste, dass es zu Ende ging", sagt Batlogg, der sich seit seiner Jugend mit Alfred Delp beschäftigt.

Warum die späte Seligsprechung?

Nach seiner Hinrichtung ließen die Nazis Delps Leiche verbrennen und auf den Rieselfeldern Berlins verstreuen. Nichts sollte an ihn erinnern. Gelungen ist es ihnen nicht: Unzählige Straßen, Schulen und Bildungseinrichtungen sind heute nach ihm benannt und er zählt auch im von der Deutschen Bischofskonferenz herausgegebenen Martyrologium zu den bekanntesten Blutzeugen des 20. Jahrhunderts. Doch warum wird er erst jetzt – 81 Jahre nach seinem Tod – seliggesprochen?

"Pater Delp war nicht so einfach, ein herausfordernder Mensch, mit hoher Intelligenz. Angepasst war er nicht, aber leidenschaftlich", sagte Kardinal Marx in seiner Predigt. Zunächst hatten die Jesuiten Delp die ewigen Gelübde verweigert, er konnte sie erst am 8. Dezember 1944 im Gefängnis ablegen, als schon klar war: Er würde sterben.

Störrisch oder standhaft?

War Alfred Delp nicht gefällig genug für eine Seligsprechung? Auch der große Theologe Karl Rahner, der sein Freund und Lateinschüler war, sagte über Delp: "Er war intellektuell scharfsinnig, er war laut, kantig, und er forderte Autoritäten heraus".

Theologe Karl Rahner (l.) und Joseph Ratzinger, Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte in Regensburg, auf der Vollversammlung der gemeinsamen Synode der Bistümer der Bundesrepublik Deutschland in Würzburg am 10. Mai 1972. / © Ernst Herb (KNA)
Theologe Karl Rahner (l.) und Joseph Ratzinger, Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte in Regensburg, auf der Vollversammlung der gemeinsamen Synode der Bistümer der Bundesrepublik Deutschland in Würzburg am 10. Mai 1972. / © Ernst Herb ( KNA )
Theologe Karl Rahner (l.), hier mit Joseph Ratzinger, war mit Delp befreundet

Für Peter Kern von der Delp-Gesellschaft ist dies Ausdruck seiner Standhaftigkeit. Viele verließen den Jesuitenorden, als es gefährlich wurde. Delp blieb: "Wenn es um seinen Herrgott ging, kannte er keine Kompromisse, auch wenn er wusste, dass ihn das sein Leben kosten konnte. Sein Gottvertrauen war unerschütterlich", so Kern. Er ist überzeugt: "Seit sein Ordensbruder Roman Bleistein in den 1980er Jahren fünf Bände und eine Biografie über Delp geschrieben hat, ist alles über ihn bekannt. Was sich ändert, ist die Bewertung." Erst jetzt werde die Bedeutung von Delps Botschaften erkannt und gewürdigt. "Ehrfurcht vor dem Leben, Recht und Wahrheit waren seine Grundprinzipien", sagt er, diese Werte seien heute aktueller denn je.

Und auch der Jesuit Batlogg ist überzeugt: Delp hätte auch heute noch viel zu sagen: "Angesichts der politischen Lage in Deutschland und dem Erstarken der rechten Kräfte ist es wichtiger denn je, dass Christen aufstehen und ihre Stimme erheben. Solche Gestalten brauchen wir heute!" 

Das Alfred-Delp-Studiennetzwerk

Das Alfred-Delp-Studiennetzwerk fördert motivierte und talentierte junge Menschen, die ganzheitliche Persönlichkeitsbildung suchen und dabei für spirituelle und religiöse Fragen offen sind. Gefördert werden junge Menschen welchen Geschlechts und welcher sexuellen Orientierung auch immer.

Teilnehmer bei einem Treffen des Alfred-Delp-Studiennetzwerks.
Teilnehmer bei einem Treffen des Alfred-Delp-Studiennetzwerks.
Quelle:
DR

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