Experte: Pflegeheime weitgehend isolieren

"Selbst Spaziergänge können problematisch sein"

Der Vorsitzende des Gesundheitsausschusses im Bundestag, Erwin Rüddel, fordert angesichts der Zunahme der Corona-Todesfälle eine weitgehende Isolierung der Pflegeheime: "Für Pflegeeinrichtungen muss gelten: Tür zu."

Ein Mitglied des Gesundheitspersonals schaut aus dem Fenster eines Pflegeheims in Madrid / © Eduardo Parra (dpa)
Ein Mitglied des Gesundheitspersonals schaut aus dem Fenster eines Pflegeheims in Madrid / © Eduardo Parra ( dpa )

"Nur die, die dort arbeiten, sollten reinkommen", sagte er der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ, Montag). Auch Ausgangsbeschränkungen für Pflegebedürftige seien wichtig: "Selbst Spaziergänge können problematisch sein. So hart das klingt, eine vollkommene Isolation der Einrichtungen wäre das Beste."

Allein in den 11.700 vollstationären Pflegeheimen werden über 800.000 Menschen betreut. Die Ausbreitung des Coronavirus trifft diese Gruppe immer stärker. In zwei Pflegeheimen in Würzburg (12) und Wolfsburg (15) starben bis Sonntag etliche Bewohner. Dutzende weitere haben sich mit dem Virus angesteckt, ebenso zahlreiche Pflegerinnen und Pfleger. Experten verweisen zudem auf zahlreiche Tote in italienischen und spanischen Heimen.

"Ein hochgefährlicher Ort"

"Dort, wo potenzielle Krankenhausfälle verhindert werden können - in der ambulanten und stationären Langzeitpflege - lässt man die Pflegenden allein und ohne ausreichende Schutzausstattung", kritisierte etwa der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) in der vergangenen Woche.

"Die Nachrichten von infizierten Pflegebedürftigen und Pflegekräften sowie von Verstorbenen sind bedrückend", sagte auch der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, am Sonntag der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Es fehle an Atemschutzmasken, Desinfektionsmittel und Schutzkleidung: "Doch nichts geschieht, um diese Misere schnell zu beseitigen." Insofern seien Pflegeheime derzeit "ein hochgefährlicher Ort" für Mitarbeiter und Bewohner.

Schutzpläne für Alten- und Pflegeheime

Brysch forderte von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), zusammen mit dem Robert-Koch-Institut Schutzpläne für Alten- und Pflegeheime zu verabschieden. Wenn es in der Pflege zu einem Flächenbrand komme, könne auch die Intensivmedizin die vielen betroffenen Menschen nicht mehr retten.

Die Pflegekassen haben unterdessen umfassende finanzielle Unterstützung für Heime und Pflegedienste zugesagt. "Wir haben einen Pflege-Rettungsschirm aufgespannt, der sofort hilft", zitiert die FAZ den stellvertretenden Vorstandschef des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenversicherung, Gernot Kiefer. Mehrkosten für Schutzausrüstung oder Personal würden voll von der Pflegeversicherung übernommen.

Möglichst viele freiwillige Helfer

Auch der FDP-Gesundheitspolitiker Andrew Ullmann nannte die Lage in Pflegeheimen "bedrohlich". Der Mediziner verspricht sich viel von den Antikörpertests, die gerade entwickelt werden. Damit können Fachleute erkennen, wer das Virus bereits durchlitten hat und dadurch immun ist. Mit diesem Wissen könnte man "Personal viel gezielter und sicher einsetzen", sagte Ullmann der FAZ.

Zudem könne mehr Personal helfen: "Es ist ein nächster Schritt der Solidarität gefragt, möglichst viele freiwillige Helfer in Pflegeheime zu bekommen. Es gibt 90.000 Medizinstudenten, die wir aktivieren können, diese könnten in Laboren und in der Pflege aushelfen. Zudem könnte das Pflegepersonal vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen helfen."

Autor/in:
Christoph Arens und Gottfried Bohl
Quelle:
KNA