DOMRADIO.DE: Der Iran kontrolliert die Straße von Hormus und blockiert seit dem Kriegsbeginn den Schiffstransport von Rohöl, Düngemittel und Gas. Wie ist die Situation für die dort festsitzenden Seeleute?
Stefanie Gandera (Katholische Seemannsmission Stella Maris in Hamburg): Es sitzen dort mehr als 20.000 Seeleute praktisch fest. Die Situation in der Straße von Hormus ist für sie im Moment körperlich wie psychisch extrem belastend. Wir sprechen hier von einer Region, in der es faktisch keinen sicheren Korridor mehr gibt.
Es gibt Berichte über Beschuss, über Seeminen, auch außerhalb der eigentlichen Fahrrinne, und über festgesetzte Schiffe. Das erzeugt eine Daueranspannung. Die Seemänner können nicht vorhersagen, wann etwas passieren wird. Das ist zermürbend, sie leben in ständiger Angst.
Ein Seemann hat es eindrücklich beschrieben: Er konnte nachts nicht schlafen, weil in der Nähe Raketen oder Drohnentrümmer ins Wasser gefallen sind. Dazu kommen die Isolation, die oft schlechte Internetverbindung, keine Einlaufmöglichkeit in Häfen sowie kaum Abwechslungen im Alltag. Man sitzt auf engem Raum mit minimalen Routinen fest und weiß nicht, wann oder wie es weitergeht oder ob man den nächsten Tag noch erleben darf.
DOMRADIO.DE: Es gibt auch weniger Warentransporte und weniger Bedarf an Reedereien durch diese Blockaden. Müssen diese Leute jetzt auch noch Angst vor ihrer beruflichen Zukunft haben?
Gandera: Die Situation ist komplexer, als man zunächst denkt. Es ist nicht unbedingt so, dass automatisch weniger Seeleute gebraucht werden, nur weil ein Seeweg blockiert ist. Die Schiffe sind ja weiterhin da. Viele liegen zwar fest oder warten auf eine sichere Durchfahrt, sie müssen aber weiterhin betrieben werden.
Ein großes Problem ist zudem der sogenannte Besatzungswechsel. Viele Seeleute würden gerne nach Hause, aber es ist schwierig, Ersatz zu finden, weil viele andere nicht bereit sind, in eine so gefährliche Region zu fahren. Das führt dazu, dass manche Männer deutlich länger an Bord bleiben müssen als geplant.
Das Interview führte Marcus Poschlod.