Wie funktioniert der Schulstart in den Flutgebieten?

Schule kann Stabilität geben

Nach den Ferien hat in Rheinland-Pfalz die Schule wieder begonnen. So auch im Ahrtal, wo im Juli eine Flutwelle das ganze Tal verwüstet hatte. Der Schulseelsorger Patrick Wilhelmy aus dem Bistum Trier weiß, wie heikel der Schulanfang ist.

Eine Grundschule im Hochwassergebiet / © Thomas Frey (dpa)
Eine Grundschule im Hochwassergebiet / © Thomas Frey ( dpa )

Frage: Häuser, Straßen, Brücken wurden überflutet und oder mitgerissen, über 130 Menschen kamen ums Leben. Rund 40 Schulen im Ahrtal sind mehr oder weniger stark beschädigt. Wenn nun die Schülerinnen und Schüler wieder in die Schulen kommen, mit welchen Stimmungen wird da gerechnet?

Patrick Wilhelmy (Leiter Schulseelsorge im Bistum Trier):  Wir rechnen damit, dass uns die ganze Bandbreite von psychologischen und psychischen Problemen begegnen wird. Von Menschen, die wirklich ganz existenzielle Erfahrungen gemacht haben, Verluste von Eltern, Verluste von Angehörigen.

Es wird von Schülern berichtet, die auf dem Dach ihres Hauses saßen und sahen, wie nebendran das Haus ihrer Freunde weggeschwommen ist. Und dann werden wir aber auch auf der anderen Seite die Schüler haben, die normale Sommerferien hatten. Und die kommen alle in einem Lern-Setting zusammen, das jetzt auch von Kolleginnen und Kollegen irgendwie bewältigt werden muss.

Frage: Ist in der Situation normaler Schulunterricht überhaupt denkbar oder kann das vielleicht sogar ein bisschen zur Normalität zurück helfen?

Wilhelmy: Wir sehen die Schule als einen Ort, der über einen sehr langen Zeitraum des Tages für Stabilität sorgen kann. Wenn eine Schule noch besteht, wird das mit Sicherheit den Schülerinnen und Schülern sehr helfen, in gewohnter Umgebung zu sein, wieder mit den Menschen zusammen zu sein, die sie kennen, und auch eine vorgegebene Struktur vorzufinden. Das heißt, eine Taktung, die sie vielleicht in den zerstörten Orten nicht mehr hatten.

Aber genau das ist auch die Herausforderung zu sehen: Wo brauchen sie diese Stabilität und wo brauchen sie dann auch nochmal die Hilfe, die sie aus den Lern-Settings herausnimmt? Und wo sind die Ansprechpersonen, zu denen sie sich dann hin begeben können, um mit ihnen zu reden?

Frage: Wie genau kann das gehen, solche Gesprächssituationen zu schaffen? Wo ist da der Platz für die Schulseelsorger?

Wilhelmy: Wir haben den Schulen geraten: Richten Sie so eine Art "Stillen Raum" ein, wo dann auch eine Person sitzt, wo man sagen kann: Ich kann jetzt die anderen 30 Schüler nicht alleine lassen, aber ich gehe mit dir zu diesem Raum. Dort ist ein Schulpsychologe. Dort ist ein Schul-Seelsorger. Und dort kannst du dich mit denen ganz alleine unterhalten.

Frage: Diese Situation, dass jetzt Schulen in der ganzen Region von so einer Katastrophe betroffen sind, ist für uns in Deutschland komplett neu. Trotzdem können Erfahrungen aus anderen Situationen helfen, sich vorzubereiten. Zum Beispiel wenn man an Amokläufe in Schulen denkt. Wie wird das denn dann so sein, wenn jetzt der Schulanfang tatsächlich losgeht?

Wilhelmy: Es wird immer so sein, dass gerade die ersten Schulstunden besonders schwer sind. Das heißt, irgendwie ist besonders der Klassenlehrer eine Bezugsperson. Aber vor allen Dingen sind es auch die Religionslehrerinnen und die Religionslehrer, denn dort wird der Raum mit Sicherheit eher geöffnet werden als - bei allem Respekt - gegenüber einer Mathematik-Stunde. Und es ist auch wichtig, dass es Fächer gibt, die normal unterrichtet werden.

Es kann nicht Ziel sein, dass an einem ganzen Morgen, der mit sechs oder sieben Schulstunden bestückt ist, jede Stunde ein Krisengespräch geführt wird, sondern das muss dosiert vonstattengehen. Und dann müssen wir sehr, sehr genau mit den entsprechenden Profis gucken: Wo sind die Kinder, wo sind die Kollegen, die jetzt besondere Aufmerksamkeit verdienen?

Frage: Sie sind als Schulseelsorger natürlich nicht nur für die Kinder, für die Jugendlichen, für die Schülerinnen und Schüler zuständig, sondern auch für die Lehrkräfte, die an den Schulen arbeiten. Wie sieht es denn bei denen aus?

Wilhelmy: Wir möchten den Koleginnen und Kollegen ein gewisses Handlungsrepertoire an die Hand geben. Da geschieht auch schon einiges. Wir haben in der Woche vor Schulbeginn an der Schule am Kalvarienberg beispielsweise schon einen Kurs oder ein Angebot gemacht, an dem über 50 Kolleginnen und Kollegen teilgenommen haben, um ihnen zu helfen und die Frage zu beantworten: Wie kann ich in den ersten Tagen mit Schülern Kontakt aufnehmen, die auf mich zukommen und von ihren Erlebnissen berichten?

Das Interview führte Stefan Weinert, Leiter Rundfunkarbeit im Bistum Trier. Es wurde DOMRADIO.DE zur Veröffentlichung dankenswerterweise zur Verfügung gestellt.

Quelle:
DR