Auf Mitgliederschwund und sinkende Finanzkraft reagiert die Evangelische Kirche im Rheinland mit rigorosen Einsparungen: Die
seit Freitag in Bonn tagende Synode der zweitgrößten Landeskirche in Deutschland stimmt am Montag über Sparvorschläge in Höhe von 31,8 Millionen Euro ab, ein Fünftel des landeskirchlichen Haushalts. Der leitende Theologe Thorsten Latzel lenkt den Blick in seinem Jahresbericht aber auch auf gesellschaftliche und soziale Fragen. Angesichts eines Vertrauensverlusts von Politik, Institutionen und Kirchen brauche es eine neue "Christus-Frömmigkeit", die Glauben, Denken und Weltverantwortung verbindet.
60 Sparvorschläge auf dem Tisch
Dem Kirchenparlament der mehr als zwei Millionen rheinischen Protestanten liegt ein 235 Seiten starkes Papier mit über 60
vorgeschlagenen Sparmaßnahmen vor, das ein Jahr lang intensiv vorbereitet wurde. Die gesamte Struktur und alle Arbeitsfelder
stünden auf dem Prüfstand, sagte Finanzchef Henning Boecker. Jede Maßnahme habe "Auswirkungen auf die Menschen". Er verteidigte geplante Einschnitte auch im Sozialbereich. So soll den Plänen zufolge der bisher mit jährlich einer Million Euro gefüllte
Arbeitslosenfonds gestrichen werden, er könne nicht mehr finanziert werden.
Nicht aus Rücklagen leben
"Jeder einzusparende Euro tut weh", sagte Präses Latzel. Die Kirche müsse aber ihre Hausaufgaben machen, um Kirche zukunftsfähig zu erhalten: "Wir dürfen nicht aus den Rücklagen leben". Die rheinische Kirche verliert durch die demografische Entwicklung und durch Kirchenaustritte jedes Jahr etwa 70.000 Mitglieder.
Mehr als 300 junge Menschen übergaben vor dem Eröffnungsgottesdienst der fünftägigen Beratungen eine Petition mit
rund 6.000 Unterschriften zum Erhalt der neun Evangelischen Studierendengemeinden (ESGn) an Präses Latzel. Sie sollen den
Planungen zufolge zu regionalen "Gemeinden junger Erwachsener" werden. Die sechs Studierendenwohnheime will die Landeskirche aufgeben. Die für Bildung zuständige Oberkirchenrätin Henrike Tetz sagte eine Beteiligung der Studierenden am Umbau der Arbeit zu. "Es wird auch gar nicht anders gehen", betonte sie.
Vertrauensverlust bedroht die Demokratie
Weitere betroffene Einrichtungen sind unter anderem das Haus der Stille in Rengsdorf, die Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe und die internationale Kirchengemeinschaft Vereinte Evangelische Mission (VEM). Die größte Kostenentlastung entsteht mit 8,9 Millionen Euro durch die bereits verhandelte Reduzierung der Umlage an die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD). Hohe Einsparsummen ergeben sich perspektivisch durch den Rückgang des Pfarrdienstes, die Zahl der Pfarrstellen soll sich bis 2040 auf 700 halbieren.
Latzel sagte in seinem Bericht, Vertrauensverlust sei eine der größten Herausforderungen für die liberale Demokratie. Das zeige das
Erstarken eines populistisch-autoritären Denkens. In dieser Lage könne die Kirche zu neuem Vertrauen in der Gesellschaft beitragen, indem sie sich an Jesus Christus orientiere, betonte der rheinische Präses. Es gelte, eine "neue Christus-Frömmigkeit" zu entfalten, die "nicht binnenkirchlich, frömmelnd ist, sondern zur Orientierung in einer überkomplexen Welt verhilft".
Atomwaffen keine Denkoption
Der Theologe kritisierte auch eine Instrumentalisierung von Religion und wies auf soziale Probleme wie Armut und Einsamkeit hin,
mit denen man sich befassen müsse. Angesichts des Klimawandels und der schwindenden Biodiversität mahnte er eine Zeit "geistlicher Umkehr im Blick auf die Schöpfung" an. In der Debatte über Krieg und Frieden zeigte er sich besorgt über massive Aufrüstung, würdigte die Rolle des Pazifismus für eine "neue Friedensfertigkeit" und forderte eine völlige Ächtung von Atomwaffen: Ihr Einsatz dürfe keine Denkoption sein.
Kürzungen trotz überraschend hoher Einnahmen
Die Evangelische Kirche im Rheinland hält trotz deutlich höherer Kirchensteuereinnahmen am geplanten Sparkurs fest. 2025 nahm sie 802 Millionen Euro ein, vor allem durch einmalige Sondereffekte wie hohe Kapitalertragssteuern in einzelnen Kirchenkreisen. Langfristig erwartet die Kirche jedoch stagnierende und später sinkende Einnahmen, weshalb die Haushaltskürzungen von 31,8 Millionen Euro vorgesehen sind. Ein großer Teil der Kirchensteuer fließt inzwischen in die Ruhestandsversorgung, deren Umlage deutlich erhöht wurde und die Gemeinden stark belastet. Zugleich warben Kirchenvertreter bei der Landessynode für mehr Zusammenarbeit der Landeskirchen und eine klare Schwerpunktsetzung für die Zukunft.
Der Artikel wurde am 17.01. um 15:29 Uhr aktualisiert.