Religionssoziologe lobt Kirche während der Pandemie

"Sie hat im Kleinen viel getan"

Vor genau drei Jahren wurde die chinesische Millionen-Stadt Wuhan abgeriegelt. Danach folgten drei Jahre Corona-Pandemie. Dabei hat die Kirche einen sehr gute Figur gemacht, findet der Münsteraner Religionssoziologe Detlef Pollack.

Hygienemaßnahmen in einer Kirche / © Harald Oppitz (KNA)
Hygienemaßnahmen in einer Kirche / © Harald Oppitz ( KNA )

DOMRADIO.DE: In der Pandemie waren zeitweise die Kirchen geschlossen und die Gottesdienste wurden abgesagt. Insgesamt war das kirchliche Leben sehr heruntergefahren. Hat die Corona-Pandemie im Glauben und in der Kirche eine Zäsur oder eine Wende markiert?

Religionssoziologe Detlef Pollack (WWU – MünsterView)

Detlef Pollack (Religionssoziologe an der Uni Münster): Eine Wende wäre wahrscheinlich zu viel gesagt, aber eine Zäsur gab es auf jeden Fall. Nur ein Beispiel: Vor der Corona-Krise gingen in der katholischen Kirchen knapp 10 Prozent regelmäßig zum Gottesdienst, 2021 waren es weniger als die Hälfte mit 4,3 Prozent. Das ist schon dramatisch.

DOMRADIO.DE: Inwieweit ist das kirchliche Leben jetzt, so wie wir es vor der Pandemie kannten, wieder zurückgekehrt?

Pollack: Viele Menschen kehren nicht in die Kirchen zurück. Sie haben sich daran gewöhnt, dass man gar nicht zur Kirche gehen muss, sondern dass man auch Streamingdienste in Anspruch nehmen kann. Wir sehen das nicht nur in der Kirche, wir sehen das auch beim Konzertleben oder bei den Theatern. Die Menschen haben an vielen Stellen erlebt, dass sie viele Dinge, die sie über Jahre hinweg gemacht haben, gar nicht so sehr brauchen. Daher ist die große Frage, ob sie wieder zurückkehren.

Prof. Dr. Detlef Pollack, Religionssoziologe an der Uni Münster

"Sie haben nicht den Anspruch erhoben der globale, universelle Deuter dieser Krise zu sein"

DOMRADIO.DE: Sie meinen Streamingdienste, wie zum Beispiel die von DOMRADIO.DE, die Gottesdienste übertragen und die man zuhause mitverfolgen kann?

Pollack: Ja, man kann heute Andachten, Kirchenmusik oder Gottesdienste zu Hause erleben. Viele haben das auch schätzen gelernt.

DOMRADIO.DE: Es gibt Studien, die besagen, die Pandemie habe religiöse Werte gestärkt. Auch eine Studie, an der Sie mitgearbeitet haben. Ist das nicht ein Widerspruch?

Pollack: Nicht unbedingt. Die Pandemie fordert die Menschen heraus und stellt Fragen nach dem Sinn des Lebens und die Frage danach, wie so was passieren konnte, also auch Fragen nach der Deutung der Krise. Und in einer solchen Situation, könnte man ja annehmen, ist Religion besonders gefragt.

In der Studie haben meine Kollegin Carolin Hillenbrand und ich herausgefunden, dass doch relativ viele Menschen, nämlich knapp ein Drittel von sich sagen, dass sie während der Pandemie mehr gebetet haben als vor der Pandemie. Man kann schon sehen, dass manche Menschen diese Krise religiös verarbeiten.

Ganz typisch aber ist, dass die Krise nicht automatisch zu einer Verstärkung des Glaubens führt. Diejenigen, die wenig Bezüge zur Kirche und zum Glauben haben, berichten nicht davon, dass sich ihr Glaube verstärkt hat. Man könnte sagen, dass man im Glauben sozialisiert sein muss, dass man den Glauben kennen muss und auch die Sprache des Glaubens kennen muss, damit die Krise dazu beiträgt, dass man sich stärker auf den religiösen Glauben, auf die Hoffnung, konzentriert.

Prof. Dr. Detlef Pollack, Religionssoziologe an der Uni Münster

"Sie hat aber im Kleinen viel getan, was Seelsorge angeht, aber auch Caritas und Diakonie. Sie war bei den Menschen, die betroffen waren"

DOMRADIO.DE: "Not lehrt beten", ist auch ein Sprichwort. Haben die Kirchen von der Pandemie profitiert oder nicht?

Pollack: Not lehrt nicht unbedingt beten. Das sieht man ganz deutlich bei denjenigen, die konfessionslos sind. Die beten nicht mehr. Die Bedingung dafür, dass man mehr betet, ist, dass man schon religiös ist.

Ich finde, dass die Kirchen in der Zeit der Krise einen ziemlich guten Job gemacht haben, als sie davon Abstand genommen haben, die Krise theologisch umfassend zu deuten. Sie haben nicht versucht die Pandemie als eine Strafe Gottes zu deuten, und nicht versucht, die Pandemie auf irgenwelches sündiges Verhalten zurückzuführen und sie haben nicht gesagt, dass man jetzt umkehren müsse.

Es gab es solche Strömungen, zum Beispiel in der griechisch-orthodoxen Kirche, aber nicht bei uns. Die katholische Kirche war in der umfassenden theologischen Deutung der Krise sehr zurückhaltend. Ich glaube, dass ihnen das gut bekommen ist, weil sie auf diese Weise nicht den Anspruch erhoben haben, der globale, universelle Deuter dieser Krise zu sein. Sie hat aber im Kleinen viel getan, was Seelsorge angeht, aber auch Caritas und Diakonie. Sie war bei den Menschen, die betroffen waren.

Das Interview führte Tobias Fricke.

Studie: Bedeutung der Kirchen sinkt weiter

Die christlichen Kirchen verlieren einer Studie zufolge bei anhaltend sinkenden Mitgliederzahlen weiter an gesellschaftlicher Bedeutung. Nach dramatischen Austrittszahlen für die evangelische und die katholische Kirche in den vergangenen Jahren spielen laut der Umfrage viele weitere Menschen mit dem Gedanken, der Institution den Rücken zu kehren. Überproportional von Austrittserwägungen betroffen ist die katholische Kirche, wie der "Religionsmonitor 2023" der Bertelsmann Stiftung ergab. Dafür hatte das Institut Infas 4363 Personen ab 16 Jahren im Sommer bundesweit repräsentativ befragt.

Gottesdienstbesucher / © Julia Steinbrecht (KNA)
Gottesdienstbesucher / © Julia Steinbrecht ( KNA )
Quelle:
DR