Nach jahrelangem Streit hat die ukrainische Regierung die zu den Schmuckstücken Kiews zählende Nikolauskirche der römisch-katholischen Pfarrei St. Nikolaus zur kostenlosen Nutzung zurückgegeben. Ministerpräsidentin Julia Swyrydenko lobte die "historische Entscheidung". Sie erklärte bei einem Gottesdienst in der von 1899 bis 1909 im Zentrum der ukrainischen Hauptstadt errichteten neugotischen Kirche laut Medienberichten, die Pfarrei erhalte durch die offizielle Übergabe mehr Möglichkeiten für ihr Gemeindeleben an dem "symbolträchtigen Ort".
Kiews Bischof Witalij Krywyzkyj äußerte sich ebenfalls zufrieden über die jetzige Nutzungsvereinbarung zwischen dem Kulturministerium und der Pfarrei. Sie gilt für die nächsten 50 Jahre. Damit endet auch ein von den Katholiken vor Gericht gewonnener Rechtsstreit um die Rückgabe der imposanten Kirche. Sie ist mit ihren beiden 62 Meter hohen Kirchtürmen allein schon deshalb ein Hingucker, weil sie das einzige neugotische Bauwerk in Kiew ist.
Pfarrei kämpfte um Rückübertragung der Kirche
Die Katholiken durften in der Nikolauskirche zwar bereits seit 1991 wieder regelmäßig Gottesdienste feiern. Aber das Kulturministerium hatte eine Vereinbarung vom November 2021 nicht umgesetzt, wonach das auch als Co-Kathedrale genutzte Gotteshaus spätestens am 1. Juni 2022 rückübertragen werden sollte. Gemeindepfarrer Pater Pawlo Wyschkowsk hatte deswegen in den vergangenen Jahren Petitionen und Demonstrationen organisiert. Er warf der Regierung auch vor, die Nikolauskirche verfallen zu lassen.
Das Kulturministerium hatte die Übergabe der Kirche an die Pfarrei vor allem deshalb verzögert, weil das Gotteshaus seit 1980 als Nationaler Orgel- und Kammermusiksaal der Ukraine genutzt wurde. Dafür erhielt sie extra eine besondere Orgel. Bis heute fehlt ein Ersatzgebäude für die Konzerte des Musikensembles. Das Ministerium wollte den Sakralbau daher nicht als Veranstaltungsort aufgeben.
Starke Kriegsbeschädigung
1938 hatte das kommunistische Regime die Nikolauskirche geschlossen und sie in ein Lager umwandeln lassen, ehe die Kirche im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt wurde. In der Nachkriegszeit beherbergte sie das Archiv der Region Kiew. 2001 besuchte Papst Johannes Paul II. die Nikolauskirche auf seiner Pastoralreise in die Ukraine. Zuletzt war sie bei einem russischen Luftangriff wenige Tage vor Weihnachten 2024 so stark von der Druckwelle einer Rakete getroffen worden, dass das Glas der großen Fensterrosette über dem Haupteingang zum Teil zerbrach, ebenso andere Fensterscheiben.
Das Kulturministerium erläuterte am Mittwoch, der ukrainische Staat bleibe Eigentümer der Kirche. Die römisch-katholische Pfarrei habe sich verpflichtet, für den ordnungsgemäßen technischen und hygienischen Zustand des Gebäudes, die Versicherung des Eigentums, die Zahlung der Betriebskosten sowie die Einhaltung der Denkmalschutzvorschriften zu sorgen. Gemeindepfarrer Wyschkowsk sagte, die Lösung sei "nicht ideal", aber ein richtiger Schritt: "Für uns beginnt heute eine neue Etappe auf dem schmerzhaften Weg zu unserer Befreiung vom Joch des sowjetischen Erbes und von Gesetzen, an denen der gesamte Staatsapparat noch immer festhält."