Vor der Wahl zum EU-Parlament steht die Kirche in der Pflicht

Realitätsdusche für die Bischöfe

Spätestens seit dem Brexit-Votum der Briten ist die Zeit der Sonntagsreden über die Zukunft Europas vorbei. Bischöfe und Experten debattierten in Paris darüber, was nun für Europa gut ist.

Autor/in:
Ludwig Ring-Eifel
 (DR)

Um das europäische Gemeinwohl ging es bei den Beratungen der Spitzen der Bischofskonferenzen aus Deutschland, Frankreich und der Schweiz, die am Dienstagnachmittag in Paris endeten. Während wenige Kilometer entfernt Chinas Präsident Xi Jinping mit Emmanuel Macron, Angela Merkel und Jean-Claude Juncker zusammentraf, tauschten sich die Bischöfe mit Historikern, Politologen und Wirtschaftswissenschaftlern aus, um zu erfahren, wie Europa aus seiner Krise herausfinden kann.

Die Tagung am Sitz der Französischen Bischofskonferenz in Paris war so vielstimmig wie aufschlussreich. Zwar gelang es weder den Wissenschaftlern noch den Bischöfen, eine klare Definition dessen zu formulieren, was das europäische Gemeinwohl ausmacht. Dennoch bestand, insbesondere unter deutschen und Schweizer Rednern eine gewisse Einigkeit in der Forderung, weniger den großen Träumen von einem vereinten Europa nachzujagen als vielmehr das zu verteidigen, was die Staatengemeinschaft bislang zuwege gebracht hat.

Von "moralischer Überhöhung" verabschieden

Der Mainzer Historiker Andreas Rödder brachte es auf den Punkt, als er ebenso wie Ex-Minister Thomas de Maiziere forderte, sich von der "moralischen Überhöhung" des europäischen Einigungsprojekts zu verabschieden. Gerade diese Überhöhung führe zu Gegenreaktionen, die das Erreichte gefährdeten, so seine Analyse. "Verteidigen wir das, was Europa ausmacht, also Menschenrechte, Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Pluralismus. Damit haben wir genug zu tun!", so seine Ansage.

Andere Referenten mit einem eher linken Denkhorizont kritisierten die negativen Folgen der Einheitswährung für die Länder Südeuropas. Statt der erhofften wirtschaftlichen Konvergenz habe sich eine Vertiefung des Grabens zwischen den erfolgreichen Industrieländern und den abgehängten Ländern des Mittelmeerraums ergeben. In Deutschland sei durch den Euro der Wohlstand gestiegen, in Spanien nur die Immobilienpreise und die Arbeitslosigkeit, so die lapidare Feststellung des Jesuiten und Wirtschaftswissenschaftlers Gael Giraud.

Empfehlung zur militärischen Aufrüstung

Immer wieder wurde die schlechte Position Europas zwischen den beiden wirtschaftlichen und militärischen Supermächten USA und China betont. Zu den Ratschlägen zählte die Empfehlung einer militärischen Aufrüstung, für die etwa die ehemalige französische Verteidigungsministerin Sylvie Goulard und der Pariser Geopolitik-Experte Thomas Gomart warben. Andere, wie Italiens Ex-Regierungschef Enrico Letta und der Kapitalismus-Kritiker Michel Aglietta sprachen sich dafür aus, im Sinne des Juncker-Plans aus dem Jahr 2014 mehr aktive europäische Infrastruktur- und Industriepolitik zu betreiben, um die Chancen der EU im weltweiten Wettbewerb zu verbessern.

Die Vorsitzenden der Bischofskonferenzen Deutschlands und Frankreichs, die Erzbischöfe Reinhard Marx und Georges Pontier, zeigten sich angesichts der wenig euphorisierenden Diagnosen dennoch optimistisch. Pontier warb für einen "Neustart" Europas, in dem der Wert der Unterschiede betont werden solle. Das künftige Europa solle "ohne Willen zur Vormachtstellung, aber mit Effizienz" in der Welt ein leuchtendes Vorbild sein.

Marx: Verteidigung im Sinne der globalen Ökologie

Marx wandte sich gegen eine Verkürzung des Gemeinwohlbegriffs auf die Verteidigung europäischer Wohlstandsgewinne in Konkurrenz zu anderen wirtschaftlichen Supermächten. Christen seien Weltbürger, ihnen müsse es um das Welt-Gemeinwohl und die Verteidigung des gemeinsamen Hauses Erde im Sinne der globalen Ökologie gehen. Auch die Forderung nach einer Beteiligung Europas an der weltweiten Rüstungsspirale stellte Marx in Frage. Nationalismus führe zum Krieg, erklärte der Kardinal und rief die Christen auf, auch in der Auseinandersetzung mit den illiberalen Demokratien für die Freiheit einzutreten.

Der Schweizer Bischofskonferenz-Vorsitzende Felix Gmür gab zu bedenken, dass sich Europa, wenn es wieder die Herzen der Menschen gewinnen wolle, nicht nur auf die "Grautöne" des politischen und wirtschaftlichen Klein-Klein beschränken dürfe. Ganz ohne Träume und Visionen geht es also auch aus Sicht der realistischen Schweizer nicht.


COMECE-Vorsitzender Kardinal Marx (KNA)
COMECE-Vorsitzender Kardinal Marx / ( KNA )

Erzbischof Georges Pontier / © Cristian Gennari (KNA)
Erzbischof Georges Pontier / © Cristian Gennari ( KNA )

Bischof Felix Gmür / © Kipa (KNA)
Bischof Felix Gmür / © Kipa ( KNA )
Quelle:
KNA