Priestersegen findet in Jerusalem kriegsbedingt ohne Publikum statt

Ohne Publikum und unter der Erde

Es ist eine Feier, an die man sich erinnern wird. Kriegsbedingt durfte der traditionelle jüdische Priestersegen zu Pessach in Jerusalem nur mit großen Einschränkungen gefeiert werden. Grund dafür sei die aktuelle Sicherheitslage.

Autor/in:
Andrea Krogmann
Ein jüdischer Mann betet, an der fast leeren Klagemauer in der Jerusalemer Altstadt, die wegen des Krieges mit dem Iran für Besucher geschlossen bleibt / © Mahmoud Illean/AP (dpa)
Ein jüdischer Mann betet, an der fast leeren Klagemauer in der Jerusalemer Altstadt, die wegen des Krieges mit dem Iran für Besucher geschlossen bleibt / © Mahmoud Illean/AP ( dpa )

Statt der hunderten Nachkommen der jüdischen Priester spendeten 50 Auserwählte am Sonntag den Segen (Birkat Kohanim). 

Die üblicherweise zehntausenden jüdischen Pilger, die sich in anderen Jahren an der Klagemauer drängen, um den Segen zu empfangen, mussten sich diesmal mit der Live-Übertragung im Internet begnügen. Grund für die Einschränkungen sind nach Angaben der für die heilige Stätte zuständigen Western Wall Heritage Foundation die aktuelle Sicherheitslage und die Richtlinien des Heimatfrontkommandos.

Juden beten an der Klagemauer während des Priestersegens beim Sukkot / © Sebi Berens (KNA)
Juden beten an der Klagemauer während des Priestersegens beim Sukkot / © Sebi Berens ( KNA )

Mit Shuttle-Bussen brachten die Verantwortlichen die Priesternachkommen, Kohanim genannt, zur heiligsten Stätte des Judentums. Von dort ging es weiter durch das Tunnelsystem, das sich der Klagemauer entlang unter Teilen des muslimischen Altstadtviertels zieht. In einer unterirdischen Synagoge unweit des Wilson-Bogens versammelten sich die Kohanim, begleitet von den beiden Oberrabbinern des Landes, Kalman Ber und David Yosef, sowie dem Bürgermeister Jerusalems, Mosche Leon. Der ikonische Platz mit dem sichtbaren Teil der Umfassungsmauer des zweiten jüdischen Tempels und heute wichtigsten Gebetsstätte des Judentums blieb ebenso menschenleer wie die Frauenempore der Tunnelsynagoge: Eine Handvoll weibliche Beterinnen wohnte der Feier bei, abgeschirmt durch verdunkeltes Glas und dichte Vorhänge.

Zweimal, im Rahmen des traditionellen Morgengebets und des Musafs, einem Zusatzgebet an Schabbat und Feiertagen, verhüllten sich die männlichen Nachfahren der Priester mit ihren Gebetsschals und hoben die Hände zum Segensspruch.

"Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig. Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Frieden." Er stammt aus dem 6. Kapitel des biblischen Buchs Numeri und wird täglich im jüdischen Morgengebet von den Kohanim gesprochen. 

Seit 1970 wird der Segen zudem zweimal jährlich gesprochen, zu den Wallfahrtsfesten Pessach und dem Laubhüttenfest Sukkot. Ein Gebet für das Wohlergehen der israelischen Armee und Sicherheitskräfte sowie des jüdischen Volkes beschloss den ungewöhnlichen Morgen.

Gebet wichtiger als Demonstrationen

Der für die Klagemauer zuständige Rabbiner Schmuel Rabinowitz hatte laut Medienberichten die strengen Regeln im Vorfeld der Feier kritisiert. Es sei unverständlich, warum das Recht auf Proteste als wichtiger angesehen werde als das Recht zum Gebet am "schlagenden Herzen des jüdischen Volkes".

Rabbiner Schmuel Rabinowitz ist zuständig für die Gebetszettel in der Klagemauer / © Andrea Krogmann (KNA)
Rabbiner Schmuel Rabinowitz ist zuständig für die Gebetszettel in der Klagemauer / © Andrea Krogmann ( KNA )

Wenn Demonstrationen mit Hunderten von Menschen zugelassen würden, müsse es erst recht möglich sein, dass sich Juden auf dem Platz vor der Klagemauer versammeln, schrieb er in einem offenen Brief an den Kommandeur des Heimatfrontkommandos Shay Kapler, "mindestens unter gleichen Bedingungen". Gerade in diesen Tagen sei das Gebet "alle Quelle der Kraft und Hoffnung", so Rabinowitz.

Scharfe Kritik äußerten laut Berichten auch der frühere sephardische Oberrabbiner Isaak Josef und sein jüngerer Bruder David, seines Zeichens amtierender sephardischer Oberrabbiner. Nicht nur, dass ein Gericht eine Antikriegsdemonstration in Tel Aviv mit bis zu 600 Teilnehmern zugelassen hatte, während der traditionelle Segen in kleinstem Kreis gespendet wurde, stieß auf den Unmut der jüdischen Geistlichen. Die Richter fällten ihr Urteil zudem am Schabbat, dem jüdischen Ruhetag. David Josef sprach von den Richtern als "Feinden des Judentums", sein Amtsvorgänger und Bruder Isaak gar von Ketzern und Schabbat-Entweihern.

Seit über einem Monat geschlossen

Wie der Tempelberg und die Grabeskirche ist auch die Klagemauer seit dem 28. Februar behördlich für Beter und Besucher geschlossen. In der Grabeskirche feierte am Sonntagmorgen der lateinische Patriarch von Jerusalem, Kardinal Pierbattista Pizzaballa, bei geschlossenen Türen und im Kreis der in der Kirche lebenden Ordensleute den Ostergottesdienst und rief die dazu auf, sich aktiv für die Auferstehungsbotschaft zu entscheiden. "Ostern ist kein Satz, den man wiederholt; es ist eine Tür, durch die man hindurchgehen muss."

Die Tore der Jerusalemer Altstadt hingegen blieben auch an diesem Tag für viele Menschen unpassierbar. Ein Großaufgebot der israelischen Polizei kontrolliert seit Donnerstag die Zugänge zur Jerusalemer Altstadt, mit teils starken Einschränkungen. 

Pessach

Das jüdische Fest Pessach erinnert an den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten und an die Befreiung aus der Sklaverei. Im Gedenken an den Zug durch die Wüste wird während des achttägigen Festes ungesäuertes Brot gegessen. Zu Pessach soll alles auf Getreide basierende Gesäuerte weder gegessen werden noch im Haus sein.

Pessach in einer Familie  / © Harald Oppitz/KNA  (KNA)
Pessach in einer Familie / © Harald Oppitz/KNA ( KNA )
Quelle:
KNA