Am Palmsonntag, dem Beginn der Karwoche, ereignete sich vor der Grabeskirche in Jerusalem ein diplomatischer Eklat: Israelische Sicherheitskräfte hinderten den Lateinischen Patriarchen Kardinal Pierbattista Pizzaballa und den Franziskanerkustos Francesco Ielpo daran, die Kirche zu betreten, obwohl lediglich zwölf Geistliche an einer zuvor angemeldeten Gebetsgemeinschaft teilnehmen wollten.
Nikodemus Schnabel, Abt der Dormitio-Abtei in Jerusalem, verurteilte das Vorgehen als Skandal und Verstoß gegen die Religionsfreiheit. Der Vorfall löste auch international scharfe Reaktionen aus: von Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni über den Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, Armin Laschet, bis hin zu Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, der das Vorgehen als Beitrag zu einer besorgniserregenden Zunahme von Verstößen gegen den Status der Heiligen Stätten in Jerusalem bezeichnete. Noch am selben Abend jedoch sicherte Ministerpräsident Benjamin Netanjahu dem Patriarchen vollen Zugang zur Grabeskirche zu.
Dekret regelt alles
Aber warum wollte der Patriarch in die Grabeskirche und warum war es so wichtig, dass die Messe gefeiert wird?
Seit über 1.600 Jahren besteht der Konflikt um die Grabeskirche in Jerusalem. Sie liegt heute im Herzen der Altstadt und beherbergt der Überlieferung nach die wichtigsten Stationen der Passionsgeschichte, von der Kreuzigung bis zur Auferstehung. Unterschiedliche christliche Konfessionen stritten sich um den Besitz und die Nutzungsrechte der Grabeskirche. 1757 erließ Sultan Osman III. einen Ferman (ein Dekret), welches den Konflikt beilegen sollte, jedoch zu abstrusen Traditionen führte. Das Dekret ist bekannt als der "Status Quo". Es besagt, dass alles in der Kirche so bleibt, wie es zum Zeitpunkt des Erlasses war. Ohne die Zustimmung aller Konfessionen darf an den gemeinsam genutzten Bereichen nichts verändert werden.
Mit der Zeit waren viele Parteien an den Konflikten beteiligt. Heute sind es nur noch sechs christliche Konfessionen: griechisch- und syrisch-orthodox, armenisch-apostolisch, koptisch, römisch-katholisch und Vertreter der äthiopisch-orthodoxen Kirche. Die sitzen allerdings auf dem Dach, weil sie im 17. Jahrhundert ihre Steueranteile nicht zahlen konnten und Nutzungsansprüche in der Kirche verloren. Als Folge gründeten sie auf dem Dach der Grabeskirche ein Kloster und wurden dort im "Status Quo" festgeschrieben.
Jede Konfession hat eigene Kapellen und Schreine innerhalb der Kirche, doch Heiligtümer wie das Grab Jesu werden gemeinsam genutzt und hier besteht das Hauptkonfliktpotenzial. Während einer Prozession der Armenier 2008 stand beispielsweise ein griechisch-orthodoxer Mönch am Grab, was laut "Status Quo" nicht sein soll. Folge war eine große Schlägerei in der Kirche mit Verletzten und Verhaftungen.
Es muss aber nicht immer gewaltvoll zugehen, manchmal ist es auch so friedlich, dass knapp 300 Jahre nichts passiert. Eine Leiter, die nicht bewegt wird, ist oft ein Symbolbild für den "Status Quo". Ursprünglich wurde sie wohl für Arbeiten dort abgestellt, aber keiner ist dafür verantwortlich. Als sie 1997 für kurze Zeit verschwand, kochte die Situation so hoch, dass manche einen heiligen Krieg befürchteten. Doch die Leiter tauchte nach einigen Wochen wieder auf.
"Status Quo" kennt er weder Pandemien noch Kriege
Jede Änderung in gemeinsamen Räumen muss mit allen Konfessionen abgesprochen und abgestimmt werden. Das bedeutet nicht nur, dass Leitern nicht bewegt werden, sondern auch, dass Renovierungen nicht durchgeführt werden. Von 1927 bis 2016 wurde die Kapelle um das Grab Jesu von einem eisernen Stützgerüst getragen, da sie als Folge eines Erdbebens einsturzgefährdet war. 2016 wurde sie dann renoviert. Erhoffte Annäherungen der Konfessionen nach der Restaurierung blieben allerdings aus.
Da der "Status Quo" auch auf Gewohnheitsrecht beruht, kennt er weder Pandemien noch Kriege. Die Mönche halten Zeiten und Protokolle ein, um ihre Rechte nicht zu verlieren. Egal ob Bombenalarm oder Lockdown: Messen werden gefeiert, Böden geputzt und die Orgel gespielt. Im Notfall auch ohne Patriarchen und ohne Palmsonntagsprozession.
Aber die aktuelle Lage hat auch dafür gesorgt, dass die Konfessionen enger zusammenrücken. "Die Griechen, Armenier und wir Franziskaner sind die Hauptverantwortlichen für die Grabeskirche und müssen uns einig sein, damit wir gegenüber Israel bzw. den Behörden eine Stimme haben. Wir sind uns auch einig." Das sagt Franziskaner-Bruder Jakobus-Maria Raschko, Bruder in der Grabeskirche im DOMRADIO-Interview. "Status Quo" hin oder her.