Kölner Oper überrascht mit "Ständchen" vor Altenheim

Premiere zwischen Häuserfassaden

Die Alten und Kranken leiden momentan am meisten unter der virusbedingten Kontaktsperre. Ganz zu schweigen davon, dass sie absehbar weder in ein Museum noch Konzert können. Dazu kam Opernintendantin Meyer jetzt eine originelle Idee.

Eine Premiere: Opernarien zwischen Häuserfassaden. / © Beatrice Tomasetti (DR)
Eine Premiere: Opernarien zwischen Häuserfassaden. / © Beatrice Tomasetti ( DR )

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"Das müsste es öfter geben. Am besten jeden Tag." Margret Grönewald strahlt. Mit Mundschutz steht die 88-Jährige in angemessenem Sicherheitsabstand hinter einem der geöffneten Fenster im Erdgeschoss ihres Altenheims St. Maria in der Schwalbengasse. Mit Tränen in den Augen lauscht sie aufmerksam dem Schubert-Lied "Leise flehen meine Lieder". Der Tenor John Heuzenroeder – etwa 20 Meter Luftlinie von der alten Dame entfernt – gibt sich aber auch alle erdenkliche Mühe, möglichst viel Gefühl in seine romantische Arie zu legen und für diesen Drei-Minuten-Auftritt auszublenden, dass er während seines Vortrags gerade auf der Laderampe eines Kleinlasters steht und nicht – wie sonst üblich – auf der weiträumigen Opernbühne im Kölner Staatenhaus.

Später wippt die Heimbewohnerin zu dem rhythmischen Filmklassiker "Probier’s mal mit Gemütlichkeit", den der junge Bassbariton Matthias Hoffmann charmant und gestenreich zwischen den Häuserfassaden präsentiert, sachte mit dem Fuß. "Musik – das ist einfach meins und fehlt mir im Moment ganz besonders", kommentiert Grönewald die berühmte Melodie von Terry Gilkyson aus dem "Dschungelbuch". "Die machen das aber auch wirklich toll", schwärmt sie und bedankt sich bei den beiden Künstlern nach jedem einzelnen Stück mit begeistertem Zwischenapplaus. Dann folgen noch ein paar Arien von Franz Lehar und Johann Strauss; ein Repertoire eben, das alten Menschen vertraut ist.

Opernarien vor der Haustüre

"Super" findet auch Seniorenhaus-Leiterin Maria Baiz die Initiative der Oper Köln, mit diesem "Ständchen", wie Intendantin Birgit Meyer das nennt, ausgerechnet in der Schwalbengasse zu beginnen. "Bei diesem Angebot musste ich nicht lange nachdenken, da habe ich sofort zugesagt und bei den Bewohnern für große Erwartungsfreude gesorgt", erklärt sie. Denn normalerweise mache einmal in der Woche ein festes Ensemble aus den Reihen der eigenen Mitarbeiter Musik. Längst hätten schon viele ungeduldig danach gefragt, wann das denn absehbar wieder möglich sei. Aber in Zeiten von Corona ist eben nichts planbar. "Dafür werden wir nun doppelt entschädigt", meint Baiz, "und bekommen mit diesen Opernarien etwas so Einmaliges direkt vor unserer Haustür geboten."

"Die Schwalbengasse eignet sich ganz wunderbar für diese ungewöhnliche Premiere", findet Opernintendantin Meyer, die gemeinsam mit dem Kölner Pfarrer Hans Mörtter die Idee zu diesem Projekt entwickelt hat. Die Bewohner könnten das Konzert von ihren geöffneten Fenstern aus verfolgen und begäben sich damit nicht in Gefahr. Denn dass überall – vor allem auch auf der Straße – der Mindestabstand zwischen allen Beteiligten und auch sonst alle Vorsichtsmaßnahmen strikt eingehalten werden, darauf ist Meyer äußerst bedacht. Schließlich gehören zum engsten Veranstaltungsteam auch noch Oberspielleiterin Eike Ecker, Rainer Mühlbach, der Leiter des Opernstudios, sowie Arne Willimczik, Studienleiter der Oper Köln, der diesmal die Solisten am Klavier begleitet und mehr aus dem "Off" des Wagens vernehmbar ist. Allen ist die Anspannung, ob ein solches Experiment überhaupt gelingen kann, deutlich ins Gesicht geschrieben. Umso mehr freut sich Meyer, dass auch in den oberen Stockwerken des Seniorenhauses viele Notiz von dieser musikalisch originellen Straßenszene nehmen.

Opernintendantin Meyer: "Wir möchten Freude schenken."

Seit ein paar Jahren macht sich die Opernchefin dafür stark, dass in der Reihe "Oper für Jung und Alt" auch Menschen mit Demenz Zugänge zu Opernaufführungen ermöglicht werden. "Doch wenn das Publikum nicht wie sonst zu uns kommen kann, gehen wir eben zu ihm", bringt Meyer ihr Anliegen auf den Punkt. "Wir möchten gerade den Menschen, die zurzeit gar nicht vor die Tür kommen, Freude schenken." Daher plant sie die nächsten Auftritte auch vor dem einen oder anderen Krankenhaus, dessen Patienten von der geltenden Besuchssperre ebenfalls hart betroffen sind. Abschließend betont sie: "Ich bin glücklich und froh, dass diese Idee so großen Anklang findet."

Auch Opernsänger Matthias Hoffmann findet, dass das eine "großartige Idee" sei. Er habe viel Spaß dabei, sagt er, und mache überhaupt gerne "Freiluft-Musik" – erst recht für einen guten Zweck. Überhaupt sei so etwas – in Zeiten des Stillstands – mal eine Abwechslung. Denn er vermisse zurzeit schon auch die Nähe und Reaktion des Publikums. Stattdessen sei nun mehr Üben zuhause mithilfe des Keyboards angesagt. In aller Ruhe widmet sich der Bassbariton gerade der Vorbereitung zukünftiger Opernprojekte, aber vor allem auch Liedern von Fauré oder Williams, die demnächst dran seien, wie er erklärt. "Nun habe ich einmal richtig Zeit, mich in der musikalischen Vorbereitung zu verlieren", so der 29-Jährige.

Musik auf der Straße zu machen sei schon ungewohnt für ihn, räumt Kollege Heuzenroeder ein. Aber das Projekt passe gerade gut in diese Zeit. Außerdem sei für einen Sänger immer wichtig, dran zu bleiben und zu üben, auch wenn keine unmittelbare Opernpremiere anstehe. Selbst ein 20-minütiger Auftritt wie dieser wolle gut vorbereitet sein, sagt der Profisänger, der wie Hoffmann diese Initiative der Opernleitung aus freien Stücken unterstützt. Wie demnächst auch noch das eine oder andere Ensemble-Mitglied der Oper Köln. Man darf also auf das nächste "Ständchen" mit zu Herzen gehenden Arien aus einem vielseitigen Opernrepertoire sehr gespannt sein!

Von ihren Zimmern aus konnten die Senioren das Live-Konzert auf der Straße mitverfolgen. / © Beatrice Tomasetti (DR)
Von ihren Zimmern aus konnten die Senioren das Live-Konzert auf der Straße mitverfolgen. / © Beatrice Tomasetti ( DR )
Der Bassbariton Matthias Hoffmann und der Studienleiter der Oper, Arne Willimczik. / © Beatrice Tomasetti (DR)
Der Bassbariton Matthias Hoffmann und der Studienleiter der Oper, Arne Willimczik. / © Beatrice Tomasetti ( DR )
Die Klavierbegleitung für Matthias Hoffmann kommt aus dem "Off" des LKW. / © Beatrice Tomasetti (DR)
Die Klavierbegleitung für Matthias Hoffmann kommt aus dem "Off" des LKW. / © Beatrice Tomasetti ( DR )
Statt großer Opernbühne ein Auftritt von John Heuzenroeder auf einer LKW-Rampe. / © Beatrice Tomasetti (DR)
Statt großer Opernbühne ein Auftritt von John Heuzenroeder auf einer LKW-Rampe. / © Beatrice Tomasetti ( DR )
Der Tenor John Heuzenroeder singt ein Schubert-Lied. / © Beatrice Tomasetti (DR)
Der Tenor John Heuzenroeder singt ein Schubert-Lied. / © Beatrice Tomasetti ( DR )
Autor/in:
Beatrice Tomasetti
Quelle:
DR