So einen heftigen Streit hat es in der katholischen Kirche in Polen schon lange nicht mehr gegeben: Sehr viele Priester weigerten sich, in ihren Messen einen Hirtenbrief der nationalen Bischofskonferenz zu verlesen, in dem Antisemitismus verurteilt und zu Besuchen in Synagogen eingeladen wird.
Anlass des hitzig diskutierten Schreibens war der 40. Jahrestag der historischen Stippvisite von Papst Johannes Paul II. (1978-2005) in der Hauptsynagoge von Rom beim dortigen Oberrabbiner.
Geistliche wie der Professor der Päpstlichen Johannes-Paul-II.-Universität in Krakau, Dariusz Oko, beschuldigten die Bischöfe sogar, mit ihrem Brief praktisch Jesus Christus zu verraten. Der Konflikt legte offen, dass in der Kirche in Polen – sowohl unter den Gläubigen als auch unter den Priestern – die nachkonziliare Lehre über die christlich-jüdischen Beziehungen entweder weitgehend unbekannt ist oder sogar offen abgelehnt wird.
"Sie fühlen sich von ihren eigenen Hirten verraten"
In einem Gastbeitrag für die rechtskonservative Wochenzeitschrift "Do Rzeczy" schrieb Oko, der Bischofsbrief von März verletze und demütige Katholiken: "Sie fühlen sich von ihren eigenen Hirten verraten, manche weinen sogar noch immer bei der bloßen Erwähnung dieses Textes." Er schätzte, dass mehr als 90 Prozent der Mitarbeiter katholischer Hochschulen diesen Brief verurteilen.
Auch mehr als 90 Prozent der Pfarrer hätten ihn nicht in ihren Gemeinden verlesen, behauptete der Professor für Kulturphilosophie. Genau ermittelt wurde die Zahl freilich von niemandem. Manche Priester begründeten ihr Ignorieren des Hirtenbriefs damit, die Bischofskonferenz habe dessen Verlesung in den Messen nicht offiziell angeordnet.
Erinnert an Brief der polnischen Bischöfe an die deutschen Bischöfe im Jahr 1965
Die Jan-Karski-Gesellschaft zog einen Vergleich mit den 1960er Jahren: "Der diesjährige Medienrummel um den Brief der Polnischen Bischofskonferenz an die Gläubigen erinnert in gewisser Weise an die Hetzkampagne der kommunistischen Behörden und der ihnen gehorsamen Medien gegen die Verfasser des Briefs der polnischen Bischöfe an die deutschen Bischöfe im Jahr 1965."
20 Jahre nach dem grausamen Zweiten Weltkrieg stieß der Schlüsselsatz "Wir vergeben und bitten um Vergebung" auf enormen Widerstand. "Damals wurde den Bischöfen Landesverrat vorgeworfen, heute – man kann es kaum glauben – Verrat an der Lehre, und man beschuldigt sie der Ketzerei", moniert die Jan-Karski-Gesellschaft.
So viele negative Kommentare zu einem Hirtenbrief wie jetzt hörte auch der Jesuit Grzegorz Kramer (49) noch nie. Das Wort "Juden" habe bei manchen das geweckt, "was schon immer in ihnen schlummerte und was einer der wichtigen Aspekte dieses Briefes ist, nämlich: Antisemitismus". Andere sprachen von einer "absurden Welle des Antisemitismus".
Die Gegner des Hirtenbriefs griffen besonders zwei Aussagen an: "Israel bleibt das auserwählte Volk" – hierbei berufen sich die polnischen Bischöfe auf das Apostolische Schreiben "Evangelii Gaudium" von Papst Franziskus (2013-2025). Und: "Dass die Juden Anteil an Gottes Heil haben, steht theologisch außer Frage, doch wie dies ohne explizites Christusbekenntnis möglich sein kann, ist und bleibt ein abgrundtiefes Geheimnis Gottes." Dabei handelt es sich um ein wörtliches Zitat aus einer Veröffentlichung der Vatikankommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum zum 50. Jahrestag des Dokuments "Nostra aetate" des Zweiten Vatikanischen Konzils.
Krakauer Kardinal fordert bessere Aufklärung der polnischen Katholiken
Die Bischöfe erfanden also nicht eine neue Kirchenlinie, sondern gaben nur die Lehre der Päpste und Erklärungen des Heiligen Stuhls wieder. Der Hauptinitiator des Hirtenbriefs, der Krakauer Kardinal Grzegorz Rys, sprach sich deswegen für eine bessere Aufklärung der polnischen Katholiken aus: "Meiner Meinung nach rührt das Missverständnis dieses Briefes daher, dass das, was die Kirche – die katholische Kirche unter der Führung der Päpste – seit 60 Jahren systematisch lehrt, unsere Gläubigen offensichtlich noch nicht erreicht hat. Dies erfordert vermutlich eine umfassendere Analyse der Gründe dafür. Wir brauchen in der polnischen Kirche eine ernsthafte und kontinuierliche religiöse Unterweisung zu diesem Thema – und vielleicht auch darüber hinaus."
Zugleich reagierte Rys auf Vorwürfe, im Hirtenbrief würde die israelische Kriegsführung ausgeklammert. Es handle sich um eine religiöse Reflexion und keine politische Erklärung, betonte er. Wenn man die Bischofsworte politisch interpretiere, sei das "ein schwerwiegender Irrtum".
Eine positive religiöse Sicht auf das Verhältnis der Kirche zum jüdischen Volk schließe eine "kritische Auseinandersetzung mit dem Vorgehen des Staates Israel" und konkreten Entscheidungen seiner Regierung nicht aus. "Aus christlicher Morallehre betrachtet, handelt Israel in diesem Krieg falsch", so der Kardinal, "schon allein deshalb, weil der Krieg gegen den Iran ein Präventivkrieg ist."
Zugleich wandte sich Rys entschieden dagegen, im Nahen Osten nur Israel zu kritisieren. Keine Seite verhalte sich anständig. "Man kann Israel nicht kritisieren, ohne die Hisbollah oder die Hamas zu erwähnen, mit denen selbst die arabischen Staaten zu kämpfen haben". Es sei eine unzulässige "grobe Vereinfachung, diese politische Debatte allein darauf zu reduzieren, was Israel im Einklang mit Moral und Völkerrecht tut".
Nur ein einziger weiterer Erzbischof stellte sich öffentlich hinter den Hirtenbrief: Stanislaw Budzik von Lublin. Dass ansonsten kein Bischof die teils vulgäre Kritik an der Erklärung und ihren Initiator Rys zurückwies, ließ Zweifel aufkommen, ob alle Bischöfe wirklich ganz hinter dem Hirtenbrief stehen.