Die 16-jährige Tatyana Verdyan erinnert sich noch genau an die Tage der Flucht: "Wir standen unfassbar lange im Stau. Viele Menschen übernachteten in ihren Autos." Für ältere und kranke Menschen sei die Reise besonders belastend gewesen. Es gab sogar einige Todesfälle. Heute lebt Tatjana in der Hauptstadt Armeniens und macht eine Ausbildung zur Buchhalterin. Doch der Start in ihr neues Leben war alles andere als einfach.
"Ich vermisse meine Stadt, meine Schule und meine Freunde", sagt sie. In ihrer Heimat habe ein starker Zusammenhalt geherrscht. "Nachts haben wir unsere Haustür offengelassen. Das ist hier ganz anders." Besonders schwer sei ihr der Start in der Schule gefallen. Wegen ihres Dialekts fiel sie auf, traute sich kaum zu sprechen – aus Angst vor Ausgrenzung.
Ein Konflikt mit langer Geschichte
Der Konflikt um Bergkarabach schwelt seit Jahrzehnten. Völkerrechtlich gehört die Region zu Aserbaidschan, doch viele Armenier betrachten sie als Teil ihrer eigenen Geschichte. Mehrere Kriege – in den 1990er Jahren, 2020 und schließlich 2023 – haben die Region geprägt und unzählige Menschenleben gekostet.
Die militärische Überlegenheit Aserbaidschans und das Ausbleiben internationaler Hilfe – auch durch Russland – führten letztlich zur Massenflucht der armenischen Bevölkerung. Für viele Betroffene ist der Verlust ihrer Heimat nicht nur ein politisches, sondern ein zutiefst persönliches Trauma.
Trauer und Verlust
Sakaran Gayana ist Anfang 60. Um ihren Hals hängt ein Medaillon mit dem Foto ihres Sohnes darin, der im Krieg gefallen ist. "Es gibt keinen Moment, in dem ich nicht an ihn denke", sagt sie. Ihr Blick ist leer, die Trauer allgegenwärtig.
Solche Schicksale sind keine Ausnahme. Armenische Flaggen auf den Gräbern von Soldatenfriedhöfen erinnern an das Leid der Hinterbliebenen. Der Krieg hat tiefe Spuren hinterlassen.
"Eine Zäsur für das ganze Land"
Sebastian Hisch, Länderreferent beim katholischen Hilfswerk Renovabis, spricht von einer Zäsur: "Nach der Vertreibung war die typisch armenische Leichtigkeit plötzlich weg", sagt er. Die Ereignisse hätten die Menschen tief verunsichert - auch, weil Hilfe von außen ausgeblieben sei.
Armenien, ein Land mit rund 2,5 Millionen Einwohnern, steht drei Jahre später noch immer vor großen Herausforderungen. Viele Geflüchtete mussten zunächst untergebracht werden. Heute geht es vor allem um Integration: Arbeit finden, Perspektiven schaffen, Traumata bewältigen.
Zwischen Integration und Hoffnung auf Rückkehr
Wie schwer dieser Prozess ist, zeigt sich bei jungen Menschen. In einem Bildungszentrum im Süden Armeniens nehmen Jugendliche aus Bergkarabach an Malkursen teil, die sie für eine Hochschullaufbahn qualifizieren sollen. Anfangs hätten sie fast nur dunkle Farben verwendet, berichtet Hayarpi Aghakhanyan von der Community Development NGO, einer lokalen Organisation, die die Malkurse zusammen mit Renovabis fördert. "Sie haben Kirchen, Berge, Motive aus ihrer Heimat gemalt. Nach einigen Monaten benutzten die Kinder fröhlichere Farben. Wir hoffen, dass sie den Verlust ihrer Heimat in der Kunst ein Stück weit verarbeiten können und neue Freunde finden."
Doch trotz erster Fortschritte bleibt die Sehnsucht nach der alten Heimat stark. "Wenn es möglich ist, sollen meine Kinder dort aufwachsen", sagt die 16-jährige Tatjana aus Jerewan. Auch andere Geflüchtete hoffen auf eine Rückkehr – selbst wenn sie politisch derzeit kaum realistisch erscheint.
Ein Land auf EU-Kurs
Gleichzeitig befindet sich Armenien geopolitisch im Umbruch. Die Regierung unter Premierminister Nikol Paschinjan orientiert sich zunehmend Richtung Europäische Union. Viele Armenier hoffen, dass stabile Beziehungen und Frieden langfristig auch wirtschaftliche Verbesserungen bringen.
Doch die gesellschaftlichen Spannungen bleiben: zwischen Generationen, politischen Lagern und nicht zuletzt zwischen Einheimischen und Geflüchteten. Genauso wie die drängenden Fragen, wie Integration in einem Land, das selbst vor großen Herausforderungen steht, gelingen kann. Und ob Versöhnung nach so viel Gewalt überhaupt möglich ist.