Pflegetag hat große Erwartungen an Gesundheitsminister Spahn

"Wir feiern...jeden Kollegen"

Die Altenpflege stöhnt unter Personalmangel. Die Pflegekräfte fordern von der Bundesregierung einen großen Wurf. Doch der neue Gesundheitsminister Jens Spahn dämpft die Erwartungen.

Jens Spahn / © Rolf Vennenbernd (dpa)
Jens Spahn / © Rolf Vennenbernd ( dpa )

"Wir feiern...jeden Kollegen". Mit großen und lebensfrohen Transparenten werben Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen unter der Internetadresse schoenste-stelle.de auf dem Deutschen Pflegetag in Berlin um Personal. "Starke Frauen gesucht", heißt es neben dem Bild einer strahlenden jungen Frau mit muskulösen Armen und Tattoos.

Personalnot in der Pflege ist ein zentrales Thema des Branchentreffens, das bis Samstag in Berlin stattfindet. Rund 8.000 Vertreter von Pflegeverbänden, Wissenschaft und Politik beraten über die Zukunft der Pflege in der alternden Gesellschaft.

Beifall für Jens Spahn

Unter ihnen auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), der gleich an seinem ersten Arbeitstag mit den Erwartungen der Pflegekräfte konfrontiert wird. Der CDU-Politiker aus dem Münsterland bot den Pflegenden eine konstruktive, aber auch kritische Zusammenarbeit an. Er wolle, dass der Pflegeberuf attraktiver und nach Tarif bezahlt werde, sagte er.

Aber Strukturveränderungen dauerten lange. Und vieles sei mit vielen Emotionen behaftet. Es könne sehr hart sein "am Bett, zu Hause". Etwa wenn die Familie lange auf das spezielle Pflegebett warten müsse. "Da prallt das pralle Leben aufeinander", ruft der Minister den Zuhörern zu. Spahn betont, dass er nicht einfach den Beifall der Pflegenden abholen will. In der Debatte um Personalschlüssel in Kliniken und Pflegeeinrichtungen beispielsweise besteht er darauf, dass gesetzliche Vorgaben nicht die betriebswirtschaftliche Verantwortung der Träger aushebeln sollten.

Riesigen Beifall erntete Spahn trotzdem: Dass er den früheren Präsidenten des Pflegerats, Andreas Westerfellhaus zum neuen Pflegebeauftragten der Bundesregierung ernennen will, war ein Coup und löste bei den Besuchern des Pflegetags Euphorie aus. Der gelernte Krankenpfleger Westerfellhaus hat in den vergangenen Jahren der Pflege in Deutschland eine starke Stimme gegeben.

Fachkräftemangel - Nadelöhr der Entwicklung

Wo der Schuh besonders drückt, hat das Deutsche Institut für angewandte Pflegeforschung (DIP) ermittelt: Laut seinem Pflege-Thermometer 2018 stehen insbesondere die mehr als 13.000 Pflegeheime unter einem hohen Druck. Fehlendes Personal auf der einen Seite, immer mehr schwerstkranke und sterbende Heimbewohner auf der anderen Seite.

Sowohl bei der Kurzzeit- als auch bei der Langzeitpflege müssten Einrichtungen Pflegebedürftige und ihre Familien vertrösten oder zurückweisen. 17.000 Stellen seien schon heute unbesetzt, sagte der stellvertretende Institutsleiter Michael Isfort. 71 Prozent der befragten Einrichtungen geben laut der bundesweiten, repräsentativen Studie an, dass bei ihnen Wartelisten auf vollstationäre Langzeitpflegeplätze bestehen. 84 Prozent lehnten Anfragen zur Kurzzeitpflege ab.

Der Fachkräftemangel werde von den Einrichtungen als Nadelöhr der Entwicklung gesehen, sagte Isfort: 81 Prozent beurteilen die Bewerberlage insgesamt als unzureichend, 84 Prozent haben Schwierigkeiten, offene Stellen zeitnah zu besetzen, 83 Prozent beobachten eine Abnahme der Qualität der Bewerbungen. Außerdem nahmen die befragten Leitungskräfte gegenüber dem Vorjahr steigende Belastungen für ihre Mitarbeiter wahr. Dies drückt sich in einer erhöhten Krankheitsdauer (43 Prozent), mehr Krankheitstagen (41 Prozent)und mehr geleisteten Überstunden (28 Prozent) aus.

"Wir haben noch zu sehr die Schwesternhaube auf"

Franz Wagner, Nachfolger von Westerfellhaus an der Spitze des Pflegerats, forderte angesichts dieser Zahlen einen großen Wurf der Bundesregierung in der Pflegepolitik. "Wenn jetzt nicht entschieden gehandelt wird, dann kann demnächst die pflegerische Versorgung in Deutschland nicht mehr aufrecht erhalten werden", sagte er.

Auch die eigene Berufsgruppe sieht Wagner gefragt: "Wir haben noch zu sehr die Schwesternhaube auf", kritisierte er. Die Pflege müsse stärker politisch werden und sich wehren. Technische Berufe und Fächer genössen in Deutschland höchstes Ansehen und bekämen hohe Gehälter. "Aber was machen denn die Techniker und Naturwissenschaftler, wenn ihre Angehörigen oder sie selbst plötzlich pflegebedürftig werden?"

Christoph Arens

"Pflege ist mehr als ein Beruf" / © Harald Oppitz (KNA)
"Pflege ist mehr als ein Beruf" / © Harald Oppitz ( KNA )
Quelle:
KNA