Pflegebranche trifft sich in Berlin - mit Jens Spahn

"Pflege bewegt jeden in Deutschland"

"Es herrscht eine unterkühlte Stimmung in der Pflegebranche." Eine im Januar veröffentlichte Studie klingt pessimistisch. Ab Donnerstag trifft sich die Branche in Berlin. Zeit für einen neuen Aufbruch?

Ambulante Pflegedienste / © Britta Pedersen (dpa)
Ambulante Pflegedienste / © Britta Pedersen ( dpa )

Eine große Industriehalle, rote Ziegel, Glas und unverputzter Beton: In der Station Berlin, einem früheren Reichsbahn-Bahnhof und Postgüterbahnhof in der Nähe des Potsdamer Platzes, trifft sich ab Donnerstag die deutsche Pflegebranche. 10.000 Teilnehmer werden zum Deutschen Pflegetag unter dem Thema "Teamarbeit - Pflege interdisziplinär" erwartet. Die Location ist cool und signalisiert Aufbruch. Das könnten die Vertreter der 1,2 Millionen professionell Pflegenden auch gut gebrauchen.

Der Termin könnte nicht günstiger sein. Laut Programm wird der neue Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) den Kongress eröffnen - gespannt wartet die Branche darauf, wie er die Pflege in einer alternden Gesellschaft zukunftsfest machen will. In ersten Interviews erklärte der 37-Jährige, Pflege bewege "jeden in Deutschland". Er wolle dafür sorgen, dass der Pflegeberuf attraktiver werde.

Spott und Empörung

Seinen ersten großen Auftritt hat auch der neue Präsident des Pflegerats, Franz Wagner. Er hat dem Koalitionsvertrag von Union und SPD zwar gute Ansätze bescheinigt. Ein großer Wurf sei aber nicht erkennbar, kritisierte er. Eine im Januar veröffentlichte Umfrage diagnostizierte "eine unterkühlte Stimmung in der Pflegebranche". Die Pflegenden fühlten sich von der Politik im Stich gelassen. Als der CDU-Pflege-Experte Erwin Rüddel die Pflegenden im Februar auf Twitter aufforderte, "gut über die Pflege zu reden", erntete er Spott und Empörung.

In einem eher inhaltsarmen Bundestagswahlkampf war die Pflege auf der Zielgeraden zu einem Aufregerthema avanciert. Es war ein junger angehender Krankenpfleger, der Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die Leviten las: Die Würde der Alten und Kranken werde jeden Tag tausendfach verletzt; Menschen lägen stundenlang in ihren Ausscheidungen, weil es in Kliniken und Pflegeheimen am nötigen Personal fehle.

Sofortprogramm für eine bessere Personalausstattung

Im Koalitionsvertrag haben sich Union und SPD auf ein Sofortprogramm für eine bessere Personalausstattung geeinigt: 8.000 neue Fachkraftstellen in Pflegeeinrichtungen sollen geschaffen werden.

Zudem soll es eine "Konzertierte Aktion Pflege" geben, um mehr Personal zu gewinnen. Sie umfasst eine Ausbildungsoffensive, Anreize für eine bessere Rückkehr von Teil- in Vollzeit, ein Wiedereinstiegsprogramm und bessere Gesundheitsvorsorge für die Beschäftigten. Die Bezahlung in der Altenpflege nach Tarif soll gestärkt werden.

Kritik von Forschern und Pflegerat

Das sei "nicht mal ein Tropfen auf den heißen Stein", kritisiert die Wohlfahrtsforscherin Cornelia Heintze. Das versprochene Schnellprogramm von 8.000 Stellen gehe angesichts von mehr als 13.000 Pflegeheimen völlig am Bedarf vorbei. Allein, wenn man die schlechter bezahlte Altenpflege an die Krankenpflege angleichen wollte, würde das gut sechs Milliarden Euro kosten. Und um bei den öffentlich finanzierten Pflegeleistungen den Durchschnitt der OECD-Länder zu erreichen, müsste Deutschland rund 12 Milliarden Euro mehr pro Jahr investieren, so die Leipziger Politologin.

Auch für Pflegerats-Chef Wagner steht fest: "Die professionell Pflegenden brauchen mehr als deutliche Zeichen dafür, dass es eine Zukunft für sie gibt." Die Pflege sei ein wunderbarer Beruf, aber "die Pflegenden können nicht mehr, da für sie die Arbeitsbelastung stetig gestiegen ist. Deshalb haben bereits viele den Pflegeberuf aufgegeben."

Fachkräftemangel - ein Nadelöhr der Entwicklung

Nach dem Pflege-Thermometer 2018 stehen die mehr als 13.000 Pflegeheime unter einem hohen Druck. Schon heute seien 17.000 Stellen unbesetzt, heißt es in der Studie des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung. 71 Prozent der befragten Einrichtungen geben laut der bundesweiten, repräsentativen Studie an, dass bei ihnen Wartelisten auf vollstationäre Langzeitpflegeplätze bestehen. 84 Prozent lehnten Anfragen zur Kurzzeitpflege ab.

Der Fachkräftemangel werde von den Einrichtungen als Nadelöhr der Entwicklung gesehen, sagte der stellvertretende Institutsleiter Michael Isfort: 81 Prozent beurteilen die Bewerberlage insgesamt als unzureichend, 84 Prozent haben Schwierigkeiten, offene Stellen zeitnah zu besetzen. Außerdem nahmen die befragten Leitungskräfte steigende Belastungen für ihre Mitarbeiter wahr. Dies drückt sich in einer erhöhten Krankheitsdauer (43 Prozent) und mehr Krankheitstagen aus.

Vorschläge 

Er erwartet von der neuen Bundesregierung ein schnelles Signal für Verbesserungen und forderte einen "Masterplan Pflege". "Wenn jetzt nicht entschieden gehandelt wird, dann kann demnächst die pflegerische Versorgung in Deutschland nicht mehr aufrecht erhalten werden", sagte er. Wagner forderte insbesondere eine bessere Personalausstattung in Krankenhäusern, Pflegeheimen und Pflegediensten sowie eine Zahlung nach Tarif. "Viele Pflegende sind frustriert und am Ende ihrer Kräfte", sagte er. Die Arbeitsbelastung müsse spürbar verringert werden. Nur so könnten Auszubildende gewonnen und Aussteiger motiviert werden, wieder in den Beruf zurückzukehren.

Langfristig seien jeweils 50.000 zusätzliche Stellen im Krankenhaus- und im Altenpflegebereich notwendig. Genau das hat auch das Deutsche Institut für angewandte Pflegeforschung (DIP) in Köln vorgeschlagen. Nach den Vorstellungen der Wissenschaftler müssen die Vergütungen für Pflegepersonal - insbesondere in der Altenpflege - um bis zu 30 Prozent angehoben und in den kommenden vier Jahren bis zu 100.000 zusätzliche Pflegestellen in Krankenhäusern, Altenheimen und ambulanten Diensten geschaffen werden.

Ferner sollen zusätzliche finanzielle Mittel in Höhe von rund 500 Millionen Euro für die Erforschung neuer Versorgungskonzepte, innovativer Technologien und für rund 20.000 Studienplätze von Pflegefachkräften eingeplant werden, schlägt DIP-Leiter Frank Weidner vor. Die Kosten schätzen die Pflegeforscher auf rund 12 Milliarden Euro jährlich ab dem Jahr 2020.

Jens Spahn / © Rolf Vennenbernd (dpa)
Jens Spahn / © Rolf Vennenbernd ( dpa )
Autor/in:
Christoph Arens
Quelle:
KNA