Pater Anselm Grün stellt "Das kleine Buch der Zuversicht" vor

"Solange ich bete, habe ich Hoffnung"

Trotz Krisen und wachsender Unsicherheit wirbt Benediktinerpater Anselm Grün für Hoffnung und Zuversicht. Im Interview erklärt er, warum Sehnsucht, Glaube und eine versöhnliche Sprache heute wichtiger denn je sind.

Autor/in:
Johannes Schröer
Pater Anselm Grün / © Harald Oppitz (KNA)
Pater Anselm Grün / © Harald Oppitz ( KNA )

DOMRADIO.DE: Sie haben gerade "Das kleine Buch der Zuversicht" veröffentlicht. Wir erleben derzeit viele Krisen: die Demokratiekrise, die Klimakrise, Kriege im Nahen Osten und in der Ukraine. Was gibt Ihnen Anlass zur Zuversicht?

Pater Anselm Grün (Bestseller-Autor, Coach und Mönch der Benediktinerabtei Münsterschwarzach): Christliche Hoffnung hängt nicht von äußeren Umständen ab. Natürlich wirkt die aktuelle Weltlage wenig hoffnungsvoll. Aber wenn wir trotz allem hoffnungsvoll bleiben, strahlen wir auch etwas Positives in die Gesellschaft aus. Wer sich nur in Ohnmacht flüchtet, verbreitet eher Lähmung oder Aggressivität. Hoffnung dagegen verändert den Blick auf die Welt. Für mich bedeutet sie vor allem das Vertrauen darauf, dass die Welt letztlich nicht allein in den Händen der Mächtigen liegt, sondern dass Gott auch in schwierigen Zeiten wirken kann.

Pater Anselm

"Die Geschichte zeigt immer wieder, dass auf Krisen auch neue Aufbrüche folgen können."

DOMRADIO.DE: Dennoch scheint es oft anders zu sein – wenn man auf Politiker wie Putin oder Trump blickt.

Pater Anselm: Im Moment haben solche Menschen Macht, das stimmt. Aber Macht ist nie ewig. Die Geschichte zeigt immer wieder, dass auf Krisen auch neue Aufbrüche folgen können. Das Volk Israel hat viele Katastrophen erlebt und dennoch immer wieder neu begonnen. Diese Hoffnung auf einen neuen Aufbruch habe ich auch für unsere Gesellschaft und für die Politik.

DOMRADIO.DE: Was kann jeder Einzelne tun, wenn ihn die täglichen Nachrichten verzweifeln lassen?

Anselm Grün im DOMRADIO.DE Interview / © Johannes Schröer (DR)
Anselm Grün im DOMRADIO.DE Interview / © Johannes Schröer ( DR )

Pater Grün: Ein Weg ist das Gebet. Solange ich bete, habe ich Hoffnung und bleibe nicht im Negativen stecken. Gleichzeitig müssen wir aktiv werden: Wie spreche ich mit anderen Menschen? Trage ich zu einer versöhnlichen Sprache bei oder verbreite ich nur Pessimismus? Jeder Mensch sehnt sich nach Frieden, Hoffnung und Zuversicht. Diese Sehnsucht anzusprechen, ist bereits ein Schritt hin zur Hoffnung.

DOMRADIO.DE: Viele Menschen begegnen Religion heute gleichgültig. Sie sagen nicht mehr, dass sie atheistisch sind – sondern eher: "Die Frage nach Gott interessiert mich einfach nicht." Was antworten Sie darauf?

Pater Anselm: Oft wirkt das nur oberflächlich so. Meine Erfahrung als Seelsorger zeigt: In jedem Menschen gibt es eine Sehnsucht nach mehr – nach Sinn, nach etwas Größerem. Viele sagen zwar, sie bräuchten Gott nicht. Aber tief in ihnen lebt dennoch diese Sehnsucht. Ich versuche deshalb nicht, Menschen zu belehren, sondern ihre Sehnsucht anzusprechen. Und meine Erfahrung ist, dass sich viele Menschen davon berühren lassen.

Pater Anselm

"Die Kirche kann ein Ort sein, an dem Menschen Zuversicht und Geborgenheit erfahren."

DOMRADIO.DE: Sie selbst sind Bestsellerautor, Ihre Bücher erreichen ein großes Publikum. Was kann die Kirche daraus lernen?

Pater Anselm: Die Kirche sollte weniger moralisieren und weniger von oben herab belehren. Entscheidend ist zuerst das Zuhören: Was bewegt die Menschen? Wonach sehnen sie sich? Dann braucht es eine Sprache, die genau diese Sehnsucht anspricht. 

Natürlich mache ich mir auch Sorgen um die Zukunft der Kirche. Aber ich sehe zugleich Zeichen der Hoffnung. In Frankreich gab es zuletzt beispielsweise viele Taufen junger Erwachsener. Offenbar suchen Menschen wieder nach Halt und Orientierung. Die Kirche kann ein Ort sein, an dem Menschen Zuversicht und Geborgenheit erfahren.

DOMRADIO.DE: Kann Glaube auch eine Stütze für die Demokratie sein?

Pater Anselm: Wer wirklich im Glauben verankert ist, gewinnt innere Freiheit – weil Gott der Maßstab ist und nicht irgendeine Machtfigur. Das kann die Demokratie stärken. Gleichzeitig dürfen wir nicht übersehen, dass es leider auch fundamentalistische Formen von Religion gibt, die antidemokratische Tendenzen unterstützen. Entscheidend ist ein Glaube, der frei macht und Menschen verbindet.

Das Interview führte Johannes Schröer.

Anselm Grün OSB

Der Münsterschwarzacher Benediktinerpater gilt als der bekannteste Mönch Deutschlands und als einer der erfolgreichsten Autoren christlicher Literatur. Seine Werke bringen es nach eigenen Angaben auf rund 20 Millionen Auflage. Übersetzt wurden sie demnach in rund 30 Sprachen. Derzeit seien etwa 300 Titel lieferbar.

Wenn die eigenen Bücher gelesen würden und Säle bei Vorträgen voll seien, sei er dankbar; darüber dürfe man sich aber nicht definieren. "Das ist ein Geschenk, und es ist nicht mein Verdienst." 

Pater Anselm Grün / © Harald Oppitz (KNA)
Pater Anselm Grün / © Harald Oppitz ( KNA )
Quelle:
DR

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