Pädagoge kritisiert Reformunfähigkeit der Kirche

"Sie 'tötet' die Eucharistiefeier"

Der Priestermangel führt aus Sicht des emeritierten Tübinger Religionspädagogen Albert Biesinger dazu, dass Menschen seltener die Eucharistie empfangen. Das könne nur durch eine Lockerung des Zölibats verhindert werden.

Priester bei der Eucharistiefeier / © Harald Oppitz (KNA)
Priester bei der Eucharistiefeier / © Harald Oppitz ( KNA )

"Die Seelsorgeräume werden immer noch größer. Das wird zu einem riesigen Problem", sagte Biesinger kurz vor dem Weißen Sonntag im Interview des Portals katholisch.de (Samstag).

Traditionell wird die Erstkommunionfeier in der katholischen Kirche am Sonntag nach Ostern, dem Weißen Sonntag, gefeiert. Bei ihrer ersten heiligen Kommunion dürfen Katholiken – meist im Kindesalter – zum ersten Mal die gewandelte Hostie empfangen. "Es ist mehr als ärgerlich, dass wir Kinder zur Erstkommunion begleiten und diese Kinder in den riesigen Seelsorgeräumen später im nahen Umfeld kaum mehr Eucharistiefeiern erleben können", so Biesinger.

Zölibat höher eingeschätzt als die Eucharistie

Die Kirche beraube die nächsten Generationen: "Sie 'tötet' die Eucharistiefeier, weil sie den Zölibat höher einschätzt als die Ermöglichung der regelmäßigen Eucharistie vor Ort in den jetzt schon 'verwaisten' Dörfern und Stadtquartieren." Es sei ein Versagen des Lehramtes, den Zölibat, also die verpflichtende Ehelosigkeit für Priester, höher als die Eucharistie einzuschätzen. Die Kirche verliere weiter an Ausstrahlung, so Biesinger.

Albert Biesinger / © Elisabeth Schomaker (KNA)
Albert Biesinger / © Elisabeth Schomaker ( KNA )

Es brauche genügend Menschen, die eine Eucharistiefeier leiten könnten, nämlich Priester – ohne sie gehe es nicht. "Im ländlichen Gebiet, da gibt es vielleicht einen Landwirt, der sehr anerkannt ist, und den bilden wir zum Priester im Zivilberuf aus, so wie ich ja Diakon im Zivilberuf bin und bleibe", schlug Biesinger vor. Die Kirche nannte er reformunfähig, und sie laufe Gefahr, sich selbst zu beschädigen.

Kirche auch dem Zukünftigen verpflichtet

"Man hätte schon vor vierzig Jahren anfangen können, verheiratete Männer dafür anzusprechen. Heute wäre es auch an der Zeit, die Frauen in den Blick zu nehmen, auch wenn das für manche undenkbar ist. Das widerspricht keineswegs der kirchlichen Tradition, die immer auch in Weiterentwicklung sein muss", so Biesinger. Denn Treue zur Tradition bedeute nicht, dass die Kirche nur der Geschichte verpflichtet sei, sondern auch dem Zukünftigen.

Biesinger verwies auf eine Studie unter jungen Theologiestudierenden in großen Universitäten: "Diese ergab, dass eine deutliche Anzahl dieser jungen Theologen, Priester werden würden, wenn es verheiratete Priester geben würde. Wer behauptet, ohne Zölibat gebe es auch nicht mehr Priester, verbreitet schlicht und einfach Fakenews."

Zölibat

Das Wort "Zölibat" kommt von dem lateinischen Ausdruck caelebs, was so viel bedeutet wie ehelos. Der Begriff "Zölibat" bezeichnet die von Priestern und Mönchen zahlreicher Religionen geforderte Ehelosigkeit und den Verzicht auf jede Form der sexuellen Betätigung. Begründet wird der Zölibat in erster Linie mit dem Hinweis darauf, dass Jesus Christus selbst ehelos war und die Ehelosigkeit "um des Himmelreiches willen" für diejenigen empfahl "die es erfassen können" (Mt 19,12).

Zölibat: Debatte dauert an / © Katharina Ebel (KNA)
Zölibat: Debatte dauert an / © Katharina Ebel ( KNA )
Quelle:
KNA