Ostern ohne Priester eröffnet neue Wege für Liturgie und Gemeinschaft

Kirche im Umbruch

Der Priestermangel lässt Gemeinden neue Osternfeiern erproben. Ein Besuch in der katholischen Pfarrei im Zeitzer Dom, die Ostern erstmals ohne Priester gefeiert hat. Warum es trotz anfänglicher Bedenken eine gelungene Premiere war.

Autor/in:
Karin Wollschläger
Liturgisch gestaltete Agape-Feier im Gemeindesaal der Pfarrei Sankt Peter und Paul in Zeitz / © Karin Wollschläger (KNA)
Liturgisch gestaltete Agape-Feier im Gemeindesaal der Pfarrei Sankt Peter und Paul in Zeitz / © Karin Wollschläger ( KNA )

Im mittelalterlichen Gewölbesaal neben dem katholischen Zeitzer Dom in Sachsen-Anhalt ist eine lange Tafel festlich geschmückt. Gut 50 Männer und Frauen unterschiedlichen Alters haben sich an diesem Gründonnerstagabend versammelt - sie singen, beten, hören Bibeltexte und halten Mahl miteinander. Fladenbrote machen die Runde. Jeder reißt ein Stück ab und reicht es seinem Nachbarn mit den Worten: "Gott sieht dich und er stärkt dich."

Petra Hauser, Kinderärztin aus dem Ort, leitete als Gottesdienstbeauftragte die liturgisch gestaltete Agapefeier zur Erinnerung an das letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern. "Das ist heute Abend eine Premiere für uns, so waren wir als Glaubensgemeinschaft noch nie zusammen", sagte die 62-Jährige zu Beginn.

Nächste Messe halbe Autostunde entfernt

Die Pfarrei Sankt Peter und Paul Zeitz muss dieses Jahr ohne ihren Pfarrer auskommen. Er ist für drei Pfarreien zuständig und feiert die österlichen Liturgien für die gesamte Pastoralregion in diesem Jahr eine halbe Autostunde entfernt in Weißenfels, im kommenden Jahr dann in Naumburg, dann ist wieder Zeitz dran.

Petra Hauser, Gottesdienstbeauftragte, leitet die Ölbergstunde im Zeitzer Dom  / © Karin Wollschläger (KNA)
Petra Hauser, Gottesdienstbeauftragte, leitet die Ölbergstunde im Zeitzer Dom / © Karin Wollschläger ( KNA )

"In diesem 'Liebesmahl' teilen wir, was für uns grundlegend ist: die geschwisterliche Gemeinschaft, das helfende Miteinander, das Teilen des Wortes, das Teilen des Glaubens, unser Essen und Trinken", sagt Hauser und alle reichen sich die Hände zum Gebet. Eine ältere Dame sagt begeistert: "Es fühlt sich total authentisch an. Jetzt sind wir richtige Jünger." Eine andere sagt: "Ein bisschen muss man sich noch dran gewöhnen, so ohne Pfarrer. Aber ich bin positiv überrascht." Eine dritte räumt ein: "Ich bin eher konservativ, und die Eucharistie ist für mich schon der Kern. Ich habe ehrlich mit mir gerungen, ob ich hierherkomme - aber es ist wunderschön!"

Einziger katholischer Dom in Sachsen-Anhalt

Das Mahl endet mit Gebet und Segen, dann zieht man gemeinsam mit einer Kerze durch den Kreuzgang in die imposante Domkirche; übrigens der einzige katholische Dom in Sachsen-Anhalt. Im Kerzenschein halten die Menschen hier noch eine sogenannte Ölbergstunde und erinnern an den Verrat durch Judas, an das Gebet Jesu im Garten Gethsemane, als er angesichts des nahen Todes Gott bittet, ihm das Leiden zu ersparen, und seine Jünger mahnt, mit ihm zu wachen und zu beten.

Ölbergstunde im Zeitzer Dom / © Karin Wollschläger (KNA)
Ölbergstunde im Zeitzer Dom / © Karin Wollschläger ( KNA )

Bei der Gestaltung von Agape und Ölbergstunde haben die Zeitzer auf ein neues liturgisches Buch zurückgegriffen: "Die Feier der drei österlichen Tage in Gemeinden ohne Priester", herausgegeben von den Bistümern Magdeburg und Dresden-Meißen. In rotem, festem Einband bietet es konkrete, detaillierte Vorschläge für die jeweiligen Feiern des sogenannten Triduums, das den Bogen spannt vom letzten Abendmahl über die Kreuzigung bis zur Auferstehung. Ausdrücklich danken die Bischöfe Gerhard Feige und Heinrich Timmerevers allen Engagierten, die mithelfen, dass auch dort, wo Priester fehlen, das Ostergeheimnis gefeiert werden könne und erlebbar werde.

"Gewisse Überforderung war da"

Thomas Pogoda ist Direktor der Fachakademie für Gemeindepastoral im Bistum Magdeburg. Bereits seit zwei Jahren bietet er für Gottesdienstbeauftragtedienstbeauftragte Fortbildungen zur Feier der Kar- und Ostertage ohne Priester vor Ort an. "Da gab es erste Fälle, wo in Gemeinden an den Hochfesten Priester fehlten und eine gewisse Überforderung da war, plötzlich eine alternative angemessene Form zu finden, um trotzdem als Gemeinde etwa einen Gründonnerstag zu feiern", erzählt er.

Gotteslob und das neue liturgische Buch bei der liturgisch gestalteten Agape-Feier in Zeitz  / © Karin Wollschläger (KNA)
Gotteslob und das neue liturgische Buch bei der liturgisch gestalteten Agape-Feier in Zeitz / © Karin Wollschläger ( KNA )



Pogoda, selbst Diakon, stellt nicht infrage, dass es Eucharistie und Priester braucht. Er wirbt für ein verbundenes Miteinander: Wenn etwa die Kommunion direkt aus der Messe in die Wort-Gottes-Feier gebracht wird oder aus der Osternachtsmesse heraus gesegnete Osterkerzen. "Bei einer Wort-Gottes-Feier wissen wir darum, dass an einem anderen Ort der Gemeinde die Vollform stellvertretend gefeiert wird. Und wir feiern vor Ort das Geheimnis mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln", erläutert er. Den Gottesdienstbeauftragten sagt Pogoda stets: "Ihr seid keine Lückenbüßer. Ihr tut, was euer Auftrag als Christenmensch ist." Es gebe viele begabte Getaufte mit einem guten Gespür für Liturgie, Zeichen und Verkündigung.

Tür zu am Kernfest des Glaubens?

"An Ostern feiern wir den Kern unseres Glaubens, unser größtes Fest - da wäre es doch fatal, wenn die Kirchen zu blieben", sagt Pogoda. Das Argument, dass die Gläubigen doch zumindest an den Hochfesten weitere Wege für die Messe auf sich nehmen könnten, hält er für zu binnenkirchlich gedacht: "Zum einen sind viele dazu einfach nicht mehr bereit oder sind zu stark eingeschränkt. Zum anderen erreicht man dann Menschen nicht mehr, die an Ostern eher spontan in die Kirche kommen - und dann vor verschlossener Tür stehen."

Der Dom Sankt Peter und Paul in Zeitz  / © Karin Wollschläger (KNA)
Der Dom Sankt Peter und Paul in Zeitz / © Karin Wollschläger ( KNA )

An diesem Karfreitag sollte im Zeitzer Dom lediglich am Vormittag der Kreuzweg gebetet werden. Mit Blick auf die traditionelle Feier vom Leiden und Sterben Christi hat Pfarrer Jürgen Wolff seinen Gläubigen empfohlen, in ökumenischer Verbundenheit zu den evangelischen Geschwistern zu gehen: "Der Karfreitagsgottesdienst ist dort liturgisch ähnlich und musikalisch auch wunderbar gestaltet." Wer das katholische "Vollprogramm" mit den "Großen Fürbitten" und Kommunionspendung vorziehe, sei eingeladen, nach Weißenfels zu kommen.

Kein Notnagel und nichts Zweitrangiges

Wolff begrüßt und unterstützt das selbstständige Engagement der Menschen vor Ort: "Es ist kein Notnagel und nichts Zweitrangiges. Alle wichtigen Elemente des Gründonnerstags kommen vor. Das ist eine wunderbare Mahlgemeinschaft, die liturgisch gut und ergreifend gestaltet ist. Mir war wichtig, dass es etwas Eigenes ist und kein Nachspielen einer Eucharistiefeier."

Am Karsamstag ist der sogenannte Tag der Grabesruhe. Er endet nach Anbruch der Dunkelheit mit der Feier der Osternacht und der zentralen Botschaft des Christentums: Der gekreuzigte Jesus ist von den Toten auferstanden - mit dem Tod ist fortan nicht mehr alles zu Ende. Im Zeitzer Dom bleiben allerdings in der Osternacht, dem Höhepunkt der drei österlichen Tage, die Lichter aus. Keiner singt das berühmte Osterlob "Exsultet", das nur ein einziges Mal im Jahr erklingt.

Eine Ostervigil ohne Priester wäre zwar möglich, aber: "Es ist sehr aufwändig und ist vielleicht einfach noch nicht dran", sagt Pfarrer Wolff. Stattdessen gibt es am Sonntag die Messe zum Ostertag im Dom. "Ich werde da mit der brennenden Osterkerze einziehen und das Taufwasser weihen - was eigentlich immer in der Osternacht gemacht wird -, damit es dann auch in Zeitz 'richtig' Ostern werden kann."

Karwoche

Die letzte Woche vor Ostern wird auch als Karwoche bezeichnet. Das Wort "Kar" stammt aus dem Althochdeutschen und bedeutet "Trauer", "Klage" oder "Kummer". Die Karwoche beginnt mit dem Palmsonntag: In Erinnerung an den Einzug Jesu in Jerusalem versammeln sich die Gläubigen zur Segnung der Palmen - in Deutschland meist Buchsbaumzweige - und ziehen dann in einer Prozession zum Gotteshaus.

Karwoche / © Felix Kästle (dpa)
Karwoche / © Felix Kästle ( dpa )
Quelle:
KNA